«Oma Gertrude» schlägt sie alle

Sie hat den Holocaust überlebt, jetzt macht sie gegen den rechten Kandidaten in Österreich mobil: Die 89-jährige «Oma Gertrude» wird zum Facebook-Star.

Hat Unterstützung bitter nötig: Alexander Van der Bellen. Foto: Herbert Neubauer (Keystone)

Hat Unterstützung bitter nötig: Alexander Van der Bellen. Foto: Herbert Neubauer (Keystone)

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Das populärste Video in diesem Wahlkampf stammt nicht von einem Kandi­daten. Weder die Homestory des Präsidentschaftskandidaten der FPÖ, Norbert Hofer, wurde so oft gesehen, noch die flapsigen Unterstützungslieder für den ehemaligen Bundessprecher der Grünen, Alexander Van der Bellen. Sondern der schlichte, rund fünf Minuten lange Kommentar einer 89-Jährigen, gesprochen an ihrem Küchentisch.

Frau Gertrude hat den Holocaust überlebt. Ihre Eltern und Geschwister starben im Vernichtungslager Auschwitz. Heute fühlt sie sich an die Atmosphäre in den 1930er-Jahren erinnert, mit dem Schlechtmachen der anderen. «Das Niedrigste aus den Leuten herausholen – das war schon einmal der Fall.» Und wenn FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache das Wort Bürgerkrieg in den Mund nimmt, läuft es Frau Gertrude «kalt über den Rücken».

Frau Gertrude warnt vor Rechtsextremer Rhetorik. Video: vienna vital

Fast drei Millionen Menschen haben den Clip im Netz gesehen, seit das Video vom Team Alexander Van der Bellens online gestellt wurde. Auch im Ausland wurde es bemerkt. Die deutsche «Bild» glaubt sogar, dass «Oma Gertrude» die Wahl entscheiden könnte. Politologen in Österreich widersprechen nicht. Gertrude vertrete Werte wie Anstand und Ehrlichkeit und stünde für Frieden ein, meint Günther Ogris vom Meinungsforschungsinstitut Sora.

Mit der Fokussierung auf die Sorge um den sozialen Frieden will das Team Van der Bellen wenige Tage vor den Wahlen am 4. Dezember noch einmal die Themenführerschaft in diesem Wahlkampf erringen. Denn eines der wichtigsten Argumente für die Wahl Van der Bellens zieht nicht mehr. Bis zum 8. November galt: Wer sich Sorgen um das Ansehen Österreichs in der Welt macht, darf nicht für einen rechtspopulistischen Kandidaten stimmen. Seit der Wahl von Donald Trump kann Norbert Hofer jedoch mit seinen guten Kontakten zu den Regierungen der USA und Russland werben.

Hoffen auf einen positiven Trump-­Effekt

Nun muss Van der Bellen erklären, wie er mit einem US-Präsidenten umgehen werde, vor dem er gewarnt hatte. Was noch bleibt, ist das Image in Europa: Es gehe besonders um das Verhältnis zu Deutschland, dem wichtigsten Aussenhandelspartner Österreichs, sagt Wahlkampfleiter Lothar Lockl im ORF. Wer zur deutschen Regierung die besseren Kontakte hat, ist unbestritten. FPÖ-Chef Strache bezeichnet Angela Merkel als «gefährlichste Politikerin Europas».

Manche in Van der Bellens Team hoffen sogar auf einen positiven Trump-­Effekt, weil bisherige Unentschlossene oder Nichtwähler motiviert sein könnten, ein ähnliches Schockergebnis in Österreich zu verhindern. Aber das sind Spekulationen. Tatsache ist, dass nach der Verschiebung der Wiederholung der Stichwahl vom 22. Mai die Karten völlig neu gemischt sind. Eigentlich ist es gar keine Wiederholung, sondern eine neue Wahl, da statt des alten ein aktualisiertes Wählerregister gilt. Rund 50'000 Menschen sind seit der ersten Runde gestorben, 47'000 Jungwähler dürfen am 4. Dezember zum ersten Mal in die Wahllokale. Dazu kommt, dass sich um die 30 Prozent mehr Auslandsösterreicher registrieren liessen als bei der ersten Runde im April 2016.

47'000 Jungwähler dürfen am 4. Dezember zum ersten Mal in die Wahllokale.

Teuer ist der Wahlkampf für beide Seiten: Für die letzte Runde investierte Hofer nach eigenen Angaben noch einmal 2,6 Millionen Euro, Van der Bellen sogar 3,5 Millionen Euro. Während der Kandidat der FPÖ auf das Budget der Partei zurückgreifen kann, kommt das Geld für Van der Bellen zwar auch von Grünen und Sozialdemokraten, mehr aber noch von privaten Spendern. Besonders grosszügig waren Unternehmer wie der Gründer und Mitbesitzer der auch in der Schweiz tätigen Baufirma Strabag.

Hans-Peter Haselsteiner spendete 100'000 Euro und finanzierte eine eigene Kampagne gegen Hofer mit der Behauptung, dessen Wahl würde ­Österreich aus der EU katapultieren: «Kommt Hofer, kommt Öxit, kommt Pleitewelle.» Unumstritten ist die plumpe Botschaft selbst im Lager Van der Bellens nicht. Die Wirkung dürfte auch wesentlich schwächer sein als die bedächtigen Worte von Frau Gertrude.

Chilbi und bäurische Trachten

Die erste Stichwahl, die nach der Klage der FPÖ vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurde, gewann Van der Bellen mit knapper Mehrheit durch die Stimmen der Städter. Konkurrent Hofer lag in den ländlichen Gegenden deutlich vorne. Der Versuch des emeritierten Wirtschaftsprofessors Van der Bellen, durch Besuche von Chilbis und dem Tragen trachtenähnlicher Jacken neue Wählerschichten zu erschliessen, gilt eher als gescheitert. Auch Bekenntnisse von Regierungspolitikern, sie würden Van der Bellen wählen, halten Politologen eher für kontraproduktiv. So werde die FPÖ in ihrer Darstellung Van der Bellens als Vertreter einer abgehobenen Elite bestätigt.

Umso mehr wird im Wahlkampfteam des Professors der gemeinsame Unterstützungsaufruf von 136 sozialdemokratischen und bürgerlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern geschätzt. Die Chefs kleinerer Gemeinden gelten im Allgemeinen als sehr volksnah. Frau Gertrude soll hingegen in den letzten Wahlkampftagen nicht weiter zum Einsatz kommen. Ihr Nachname bleibt geheim, Interviews gibt sie nicht. Für sie sei es wahrscheinlich die letzte Wahl, sagt sie im Video, «aber die Jungen haben ihr Leben noch vor sich».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2016, 21:50 Uhr

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