Warteraum Istanbul

Eine halbe Million syrische Flüchtlinge leben in der türkischen Metropole – und sparen Geld für Schlepperbanden.

Traum von einem besseren Leben: Ein syrischer Flüchtlingsjunge in Istanbul. Foto: Samuel Aranda (Laif)

Traum von einem besseren Leben: Ein syrischer Flüchtlingsjunge in Istanbul. Foto: Samuel Aranda (Laif)

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Wenn Kinder vor Erwachsenen ein Gedicht vortragen, dann liegt oft Spannung in der Luft. Wird alles gut gehen? Hat das Gedicht drei oder vier Strophen? Hören sich die Reime elegant an? Die Angst der Kinder ist verständlich. Ali, ein Knabe aus dem syrischen Aleppo, der im Sommer 2014 mit seiner Familie in Istanbul gestrandet ist, kennt solche Hemmungen nicht. Er steht auf, betritt die Bühne, eine Schaumstoffmatratze, und hebt an.

Die Lyrik des jungen Dichters klingt düster und beschreibt den Krieg in seiner «wunderschönen Heimatstadt», die brennenden Häuser, die tagelange Flucht in die Türkei, die Gewalt, den Rauch am Horizont. In der letzten, vierten Strophe erscheint so etwas wie Hoffnung auf eine Rückkehr nach Aleppo. Ali ist zufrieden mit seinem Werk, er bleibt eine Weile stehen, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen, das aus seinen Eltern und zwei jüngeren Schwestern besteht.

Das gelobte Germania

Es ist einer der wenigen freudigen Momente im Alltag der fünfköpfigen Familie, die im Istanbuler Viertel Aksaray eine kleine Wohnung gefunden hat und einen grossen Traum pflegt. Wie fast alle Syrer, die in der türkischen Metropole als Kriegsflüchtlinge in der Warteschleife leben, will auch Vater Shadi al-Amin lieber heute als morgen mit seinen Angehörigen ins gelobte Germania aufbrechen. So heisst Angela Merkels Deutschland unter den Syrern in den Gassen Istanbuls. Der 52-jährige Amin ist überzeugt, dass die deutsche Kanzlerin für alle Vertriebenen des Syrien-Konflikts dauerhaft die Grenzen geöffnet hat. In Zeiten der Kriege und Krisen ist die Wahrheit das erste Opfer. Der Versuch, ihm die Willkommenskultur zu erklären, scheitert kläglich.

Für Shadi al-Amin und viele seiner Landsleute beginnt der grosse Traum auf dem Aksaray-Platz. Die inoffizielle Hauptstadt der etwa 500 000 Syrer, die seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 in Istanbul angekommen sind, besteht aus einem Springbrunnen, unzähligen Teestuben, Dönerständen und allerlei Geschäften.

Der Platz ist fest in den Händen Arabisch sprechender Männer. Sie sitzen in den umliegenden Cafés, surfen mit ihren Handys, kommunizieren über Facebook mit Angehörigen oder Freunden, die es geschafft haben, über die Balkanroute nach Westeuropa zu reisen. Und sie organisieren mithilfe von Schleppern die Flucht nicht nur für Syrer. Afghanen, Pakistaner und Iraner, die einen gefälschten syrischen Pass brauchen, sind auf dem Aksaray-Platz am richtigen Ort.

Viele Syrer werden ausgebeutet

Gehen oder bleiben? Shadi al-Amin hat lange geschwankt. Jetzt ist er auf der Suche nach einem Schlepper. Seit seiner Ankunft in Istanbul hat sich der Schreiner mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau durchgeschlagen, eine Zukunft sieht er hier nicht. Die türkischen Arbeitgeber würden höchstens 40 Lira pro Tag zahlen, sagt Amin. Das sind umgerechnet knapp 14 Franken. Erst kürzlich hat die türkische Regierung angekündigt, sie werde den syrischen Flüchtlingen Arbeitserlaubnisse erteilen. Bisher durften sie nicht arbeiten und wurden doch als Tagelöhner illegal eingestellt. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist gross, viele Syrer werden ausgebeutet.

Die Zahlen lassen das Ausmass des Flüchtlingsdramas erahnen: Die Türkei hat 2,5 Millionen Syrer aufgenommen, darunter sind 1,2 Millionen Kinder und Teenager, und allein zwischen Oktober 2015 und Mitte Januar 2016 wurden 300 000 Migranten neu registriert. Die bisherigen Kosten für die Unterbringung und Versorgung beziffert die türkische Regierung mit umgerechnet acht Milliarden Franken. Erst als im vergangenen Jahr aus den türkischen Statistiken Menschen mit Gesichtern wurden und in den Schengen-Raum eindrangen, wurde Westeuropa wachgerüttelt. Jetzt soll der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, der mittlerweile zum Türsteher Europas stilisiert wird, drei Milliarden Euro bekommen, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Opfer des Kalifats

In Westeuropa hatten viele Politiker im vergangenen Herbst gehofft, dass der Strom der Flüchtlinge nachlassen wird, wenn das Wetter kälter wird, wenn die Türkei Migranten an der Weiterfahrt hindert oder sie zurücknimmt, wenn die Griechen endlich ihre Kontrollen verschärfen. Davon sind die griechischen Behörden weit entfernt.

In einem vergangene Woche verabschiedeten Bericht der EU-Kommission heisst es, Griechenland vernachlässige in schwerwiegender Weise seine Verpflichtungen zur Kontrolle von Aussengrenzen. Noch schlimmer: Den Grenzbeamten auf den Ägäis-Inseln sei «das Phänomen ausländischer terroristischer Kämpfer nicht geläufig». Die allermeisten Flüchtlinge sind fraglos Opfer des Kopf-ab-Kalifats von Abu Bakr al-Baghdadi. Doch unter den Terroristen, die im November 130 Menschen in Paris töteten, waren auch zwei Männer, die über Griechenland in den Schengen-Raum eingereist waren.

Das Schlepperwesen boomt. Kaum hat Amin in einem Café auf dem Aksaray-Platz einen schwarzen türkischen Tee bestellt, wird er schon von einem kahl rasierten Mann mit Wohlstandsbauch angesprochen. Schnell stossen andere Männer dazu. Einer stellt sich als Teppichhändler vor. Auf die Frage, wo er seinen Laden habe, lächelt der Türke vieldeutig. Nach zwei Tees, drei Zigaretten und einer Lobeshymne auf das osmanische Erbe des Balkans gibt er sich gesprächig. Die Fahrt bis zur türkischen Ägäis-Küste müssten die Flüchtlinge selbst organisieren, erklärt er. «Dort übernehmen dann meine Jungs das Kommando.» Diese Region kennt der Schlepper gut, er stammt von der Halbinsel Bodrum. Die griechischen Inseln Kos, Samos, Lesbos oder Chios befinden sich in Sichtweite.

Ein Platz in einem Schlauchboot kostet etwa 1000 Euro. Je nach Wetter können die Schleuser bis zu 40 Menschen unterbringen. Die Überfahrt nach Kos dauert knapp eine Stunde. Der Stundenlohn eines Menschenhändlers in der Ägäis beträgt also 40 000 Euro. Das kriminelle Geschäft ist mittlerweile lukrativer als der Drogenhandel. Im Wettbewerb der Brutalität bekämpfen sich die Schlepperbanden auch gegenseitig. Seit auch Syrer in dieses Business eingestiegen sind, wächst die Wut der Türken. «Es gibt Syrer, die nie das Meer gesehen haben. Wie sollen sie mit ihren wackeligen Booten die Menschen bis an die griechische Küste bringen?», fragt der falsche Teppichhändler mit theatralischem Tonfall. Die Ägäis wird zum Massengrab. Im Januar sind fast 250 Menschen vor der griechischen Küste ertrunken. «Im Klartext heisst das: Jeden Tag sterben durchschnittlich acht Menschen, die auf der Suche nach Schutz in Europa sind, auf der gefährlichen Überfahrt», schreibt die deutsche Menschenrechtsorganisation Pro Asyl.

Gäste müssen wieder gehen

Es sind solche Horrormeldungen, die Familienvater Amin manchmal zweifeln lassen, ob er jetzt die Fahrt wagen oder bis Frühling waren soll. Viele syrische Familien seien schon weg, sagt er. Die Türkei bezeichnet die Syrer offiziell als Gäste, nicht als Flüchtlinge. Dass ein Gast irgendwann gehen soll, versteht sich von selbst. Ankara hat zwar die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet, aber mit einer merkwürdigen Einschränkung: In der Türkei haben nur Europäer Anspruch auf Asyl. Über die Integration der Syrer hat die türkische Regierung bisher kaum nachgedacht.

Die Familie Amin muss noch ein paar Hundert Euro sparen, bevor sie sich auf dem Weg nach Westeuropa macht. Vielleicht wird die Überfahrt auch nicht sehr teuer für die Amins: Wenn das Wetter schlecht ist, wenn der Wind das Meer aufpeitscht und die Wellen gefährlich werden, dann bieten die Schlepper den Flüchtlingen einen Winterrabatt an. Das ist blanker Zynismus in Zeiten der Völkerwanderung. «Die Welt ist aus den Fugen geraten», sagt Shadi al-Amin auf dem Weg in die Wohnung. Die Wörter klingen so, als seien sie direkt dem Gedicht seines Sohnes Ali entsprungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2016, 23:37 Uhr

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