Warum Griechenland am Abgrund steht

Zuletzt redeten die griechische Regierung und ihre internationalen Kreditgeber hauptsächlich an einander vorbei. Es war das chaotische Finale einer sehr unglücklichen Geschichte.

Die Lage schein aussichtslos: Graffiti an einer Hauswand in Athen (24. Juni 2015).

Die Lage schein aussichtslos: Graffiti an einer Hauswand in Athen (24. Juni 2015). Bild: EPA/Simela Pantzartzi

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Zwei Rettungspakete im Wert von 240 Milliarden Euro und sechs Jahre der Depression, Sparprogramme und Jobverluste – und trotzdem steht Griechenland am Abgrund. Die Wähler entschieden sich bei einem historischen Referendum am Sonntag Hochrechnungen zufolge klar gegen mit Sparauflagen verbundene Hilfen der internationalen Kreditgeber. Damit ist unklar, wie es mit dem überschuldeten Euroland weiter gehen soll.

Aber wie konnte es so weit kommen? Warum konnten all das Geld und all die Entbehrungen das Land nicht retten? Hier noch einmal ein Blick zurück, wie das kleine Euro-Land so tief in den Schlamassel geriet:

Die grosse Party auf Pump

Es lässt sich nicht bestreiten: Griechenland hat seit den frühen 1980er Jahren zu sehr auf Pump gelebt. Das Geld floss unter anderem in Regierungsjobs für Unterstützer der beiden grossen politischen Parteien - die sozialdemokratische Pasok und die konservativere Neue Demokratie. Die wechselten sich in der Regierung ab und wussten ihre jeweiligen Anhänger zu päppeln. So stiegen auch die Einkommen in der Privatwirtschaft, Griechenland wurde ein teurer Wirtschaftsstandort. Steuerhinterziehung wurde zu wenig geahndet. Ärzte und Anwälte versteuerten teils weniger Einkommen als Fabrikarbeiter.

Der Euro kommt

Obwohl die Finanzlage wackelig war, strengte sich Griechenland einige Jahre lang an und schaffte es 2001 in die europäische Währungsunion. Es war die Zeit der Euphorie und der Zuversicht in den Euro, der dem Dollar den Rang der Weltwährung streitig machen sollte. Neue Mitglieder waren willkommen als Hoffnungsträger für das grosse Ziel der europäischen Integration.

Zurück zur grossen Sause

Die Einführung des Euro machte den Appetit auf Kredite nur noch grösser. Deutsche und französische Banken konnten nun griechische Staatsanleihen in Euro kaufen - nicht in der alten Währung Drachme, bei der die Gefahr einer Abwertung bestand. Griechenland konnte sich zu Zinsraten Geld leihen, die im Nachhinein geradezu lächerlich niedrig erscheinen - nur wenig über denen des grundsoliden Deutschland. Die Griechen sind ja im Euro, also was soll schon schief gehen, dachten damals viele.

Dann kam 2008 die Finanzkrise, das internationale Beben der Märkte. Im Oktober 2009 enthüllte die griechische Regierung, dass das Haushaltsdefizit weit grösser sei als bisher eingeräumt. Genau genommen waren die Staatsfinanzen ausser Kontrolle. Daraufhin schossen die Zinsen für neue Kredite für Griechenland durch die Decke. Sie wurden unbezahlbar.

Sparprogramm-Rettung

2010 legten die anderen Länder der Eurozone und der Internationale Währungsfonds ein Rettungspaket für Griechenland über 110 Milliarden Euro auf. Doch das Geld kam mit Haken und Ösen: Die Kreditgeber verlangten, dass Griechenland seine Ausgaben und Defizite zurückfährt und dass es seine Bürokratie und Korruption beschneidet. Die Kehrseite war jedoch ein Einbruch der Wirtschaftsleistung. Die optimistischen Schätzungen der Kreditgeber wurden verfehlt, offenbar hatten sie die Folgen für die griechische Konjunktur unterschätzt.

Der Widerspruch war letztlich nie aufzulösen: Griechenland musste sparen, um die Kosten der öffentlichen Hand zu senken. Doch das liess das Bruttoinlandsprodukt so schrumpfen, dass die daran gemessene Verschuldung immer grösser wurde. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Not überall.

In den Fesseln des Euro

Eine eigene Währung hätte Griechenland in dem Moment abwerten können, was die internationalen Verbindlichkeiten rasch gemindert hätte. In wenigen Jahren wäre die Krise wohl vorbei gewesen. Einschnitte bei Löhnen und Preisen sind schwieriger und langwieriger. So betrachtet hat der Euro das Leiden verlängert.

Steuerzahler am Haken

Spätestens 2012 war klar, dass das erste Rettungspaket nicht ausreicht. Im zweiten Anlauf wurde den privaten Gläubigern Griechenlands auferlegt, auf einen Teil ihrer Aussenstände zu verzichten. Ausserdem gab es neue Kredite für Athen. Aber wieder unterschätzten die internationalen Geldgeber, wie stark die sogenannte Austeritätspolitik das Wachstum ausbremste. Und wieder galt: Je mehr die Wirtschaft schrumpfte, desto grösser sah daneben der gigantische Schuldenberg aus.

Schon damals glaubten viele Wirtschaftsexperten, dass Griechenland Erleichterungen bei den Altschulden braucht. Aber nun hingen statt privater Investoren vor allem die europäischen Steuerzahler als Kreditgeber am Haken. Da es um öffentliche Gelder ging, wollten Deutschland, Niederlande, Österreich und Finnland vom Schuldenschnitt nichts wissen.

Zuerst schien das zweite Paket erfolgreicher als das erste. Ministerpräsident Antonis Samaras gelang es, die Staatsdefizite zu verringern. Griechenland setzte einige Reformen um. Nach einem dramatischen Absturz um 25 Prozent schien die Wirtschaft die Talsohle erreicht zu haben. Wachstum schien möglich. Und Griechenland bekam günstigere Zinssätze und mehr Zeit zur Schuldentilgung.

Knapp vorbei ist auch daneben

Im September 2014 fehlten nur noch wenige Wochen, da hätte Griechenland das zweite Rettungsprogramm erfolgreich durchlaufen und danach weniger strenge Auflagen zu erfüllen gehabt. Doch kurz vor dem Ziel geriet Samaras ins Straucheln. Er kündigte an, die in Griechenland verhassten Inspektoren der Kreditgeber raus zu werfen und wieder Staatsanleihen am Markt zu platzieren. Die Idee floppte. Die Zinsen für vorhandene griechische Schulden stiegen stark.

Statt das letzte Geld aus dem Rettungsprogramm zu bekommen, musste der angeschlagene Samaras für Januar Neuwahlen ausrufen. Nach Jahren der Entbehrungen stimmte die Mehrheit für das Linksbündnis Syriza und deren Versprechen, ein für allemal Schluss zu machen mit der verhassten Austerität. Die Kreditgeber aber stellten sich quer, und die Unsicherheit erstickte die schwache Erholung. Das zweite Rettungsprogramm wurde zwar noch einmal verlängert. Weil die Athener Regierung und die Geldgeber jedoch monatelang aneinander vorbei redeten, lief es am Dienstag endgültig aus. Die letzten 7,2 Milliarden Euro glitten Griechenland aus den Fingern.

Erstellt: 05.07.2015, 21:10 Uhr

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