Warum britische Euroskeptiker Grönland lieben

Grönland ist das einzige Land, das je aus der Europäischen Gemeinschaft ausgetreten ist. Was lässt sich aus dem Gröxit lernen?

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Vielleicht ist es die Orientierungslosigkeit der Schweizer Europapolitik seit der Masseneinwanderungsinitiative oder vielleicht das zunehmend militante Bekenntnis zu Kleinstaaterei und Gebirgsidylle. Auf jeden Fall sind die Schweiz-Fans in den Reihen der britischen EU-Gegner leiser geworden, je näher die Brexit-Abstimmung vom 23. Juni rückt. Von «Britzerland» oder einer Schweizer Option für Britannien ist kaum mehr die Rede.

Was nicht heisst, dass nach Modellen für eine aussereuropäische Zukunft nicht gesucht würde. Justizminister Michael Gove, ein Befürworter des Brexits, hat letzte Woche Albanien als Vorbild für Grossbritanniens künftige Beziehungen zur EU präsentiert – und Spott geerntet. Selbst Albaniens Premierminister nannte die Idee «ein wenig seltsam».

Besser als an Staaten, die zu arm und instabil sind für die EU-Mitgliedschaft, orientiert man sich an solchen, die freiwillig gegangen sind. Da gibt es genau ein Beispiel: Grönland, das einzige politische Gebilde, das jemals aus der Europäischen Gemeinschaft ausgetreten ist, 1985, aus der damaligen EG.

«Grönland bereut nichts», titelt die konservative «Daily Mail». Die «stolze Insel» sei nicht gesunken nach dem Austritt, sondern «hinaus in die Freiheit geschwommen». Auch die British National Party ­erklärt ihren Wählern, dass Grönland vom Wegfall «bürokratischer Gängelei» nur profitiert habe; ­Lebensqualität und Wirtschaft seien gewachsen. Der britische EU-Gegner soll nach Norden blicken.

Ganz Grönland im Wembley-Stadion

Die Gemeinsamkeiten von Grönland und Grossbritannien springen ja auch sofort ins Auge. Beide sind Inseln im Atlantik, Amerika zugewandt. Beide kämpfen mit dem Ruf, von schlechtem Wetter geformt worden zu sein. Beide sehen Fisch als Grundnahrungsmittel, wobei die einen ihn frittieren und mit in Essig getränkten Pommes in Zeitungspapier wickeln und die andern ihn an der arktischen Sonne lufttrocknen oder kunstvoll vergammeln lassen. Beide haben Brüssel so satt, dass sie Volksabstimmungen über den Verbleib in Europa lancieren oder lanciert haben. Zwei Inseln, eine Richtung.

Zugegeben, ein paar Unterschiede gibt es auch. Grönlands 56'000 Einwohner etwa hätten bequem Platz im Londoner Wembley-Stadion, während man Grossbritannien inklusive Nordirland flächenmässig zehnmal in Grönland unterbringen könnte. London ist eine Weltstadt, Grönlands Hauptstadt Nuuk noch nicht ganz so weit. Und schliesslich: Grönland ist nicht unabhängig, untersteht weiter der Krone Dänemarks. Und damit fing alles an.

Als die USA die Insel kaufen wollten

Grönland, auf Grönländisch Kalaallit Nunaat, kam 1973 als eine Provinz Dänemarks in die Europäische Gemeinschaft (EG). Die dänische Krone hatte sich Grönland 1782 einverleibt. Bis ins 20. Jahrhundert versorgte Kopenhagen die Kolonie nur mit dem Nötigsten, sah die überwiegend indigenen Einwohner als ein «Naturvolk». Grönland blieb eine abgeschirmte Gesellschaft, isoliert. Bis im Zweiten Weltkrieg die Amerikaner kamen und riesige Militärbasen auf der Insel errichteten. Sie brachten Konsumgüter und Moderne, Kaugummi und Rock ’n’ Roll. Dänemark war zu jener Zeit von den Nazis besetzt.

Nach dem Krieg blieben die Militärbasen, kamen unter Nato-Kommando. Die USA versuchten, den Dänen Grönland abzukaufen. Doch Kopenhagen lehnte ab, wollte die Modernisierung der Insel ­lieber selber im Eilverfahren nachholen. Dabei zeigten die Beamten oft wenig Verständnis für die Lebensweise und Bedürfnisse der Inuit. Zahlreiche Familien wurden ab 1953 in quasisowjetische Blocksiedlungen verschoben, Schulen nach dänischem Vorbild eingerichtet, die grönländische Sprache und Kultur als rückständig marginalisiert. Das sorgte für Erschütterungen, Gewalt und Alkoholismus griffen um sich. Um 1968 kam auch in Grönland eine antikoloniale Bewegung auf. Und weil es nicht länger chic war, sich eine Insel mit Eingeborenen zu halten, liess Dänemark 1979 die Schaffung eines Regionalparlaments zu.

Bereits die erste grönländische Regierung schoss sich auf Europa ein, im Vordergrund stand die Fischerei: «Ich musste einmal im Monat nach Brüssel gehen und um Erlaubnis bitten, in meinen eigenen Gewässern zu fischen», erinnert sich der langjährige grönländische Politiker Lars-Emil Johansen in einer britischen Zeitung. Der gemeinsame Markt bedeutete für die Insel vor allem, dass deutsche und britische Boote grönländische Gewässer leer fischen durften. Nicht attraktiv für ein Land, das damals kaum etwas anderes exportierte als Fisch. Der erste Premierminister Jonathan Motzfeldt erzwang 1982 eine Abstimmung über den Verbleib in der EU. 52 Prozent votierten für den Austritt.

Für Europa war der Entscheid ein Schock. «Sie sagten, das werde schlimm für Grönland», sagt ­Johansen, der noch heute im grönländischen Parlament sitzt. Die Wirtschaft werde einbrechen. Tatsächlich ging es um eigene Interessen: Die deutsche Zeitung «Die Zeit» warnte vor drohenden Schäden: «Für die Zukunft der deutschen Hochseeflotte sind auch die westgrönländischen Fanggebiete unersetzlich.» Überhaupt strotzt der Artikel vor ­Ressentiments gegenüber den «Eskimos», und die grönländische Hauptstadt nennt der Autor kon­sequent nur Luuk statt Nuuk.

Der Austritt bedeutete dann aber nicht das Ende aller Fischerei. Grönland lässt bis heute gegen Gebühr bei sich fischen. «Unser Ziel war es, volle Kontrolle über alle Fischerei in grönländischen Gewässer zu erhalten», sagte Premierminister Kim Kielsen letztes Jahr in Brüssel über den Austritt. Kein Stopp, aber Kontrolle. Kielsen war früher Seemann, dann Polizist, und so sieht er auch aus, hart und struppig. Nach Brüssel reiste er nicht im ­Anzug, sondern im Kapuzenpulli.

Grönland hat den Kontakt zur EU nie abgebrochen, sondern seit 1985 den Status eines Überseegebiets. Damit ist sie eines von 24 Overseas Countries and Territories (OCT), mit welchen die EU ­Beziehungen unterhält. Allesamt sind es koloniale Überbleibsel, etwa Curaçao in der Karibik oder Pitcairn im Südpazifik. Sie gehören zu Grossbritannien, Frankreich, den Niederlanden und eben Dänemark, stehen aber ausserhalb der EU. Dass sich Grossbritannien nach dem Status eines Kolonialsplitters zu sehnen scheint, ist von feiner Ironie.

Grönlands Austrittsverhandlungen zogen sich in die Länge. Erst drei Jahre nach der Abstimmung von 1982 wurde Grönland aus der Mitgliedschaft entlassen. Für Grossbritannien könnte diese Entflechtung zehn Jahre dauern, sagte unlängst der frühere britische Kabinettssekretär Gus O’Donnell. «Für Grönland gab es nur einen einzigen Verhandlungspunkt: Fisch.» Zudem, so O’Donnell, werde Europa es den Briten so schwer wie möglich machen, nur schon um die eigenen Anti-EU-Parteien masszuregeln: «Glaubt ihr wirklich, dass die Staatschefs in Frankreich und Deutschland wollen, dass wir beim EU-Ausstieg tolle Erfolge feiern?»

Auf Finanzhilfe darf Grossbritannien nicht hoffen. Grönland erhält als Überseegebiet Geld von der EU – 217,8 Millionen Euro sollen es von 2014 bis 2020 sein. Derzeit geht es bei der Förderung besonders um Bildung. Auch bei der Europäischen Investitionsbank kann Grönland Geld beantragen.

Eisfrei nur noch wichtiger

Grönland könnte eine grosse Zukunft bevorstehen. Das Schmelzen der Polkappen birgt neben gewaltigen Umweltproblemen auch wirtschaftliche Chancen, sei es im Schiffsverkehr oder anderswo: «Die Arktis ist eine Region von wachsender Bedeutung», erklärte die damalige dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt letztes Jahr. Um die gut gelegene Ex-Kolonie im Land zu behalten, finanziert Dänemark Grönland mit gutem Geld. Doch die politische Führung der Insel hofft, dass das bald nicht mehr nötig sein wird. Grönland sitzt auf Bodenschätzen, auf Eisen, Gold, Zink und seltenen Erden. «Wir haben, was die Welt braucht», freute sich der frühere Premierminister Kuupik Kleist. Das stärkt das Selbstbewusstsein: 2009 erhielt Grönland weitere Autonomierechte von Dänemark.

Auch Grossbritannien könnte seine Grenzen neu aushandeln müssen. Schottland möchte in der EU bleiben, ein Brexit würde den Nationalisten Auftrieb verschaffen. Weg von London, zurück nach Europa. Wie Grönland, aber umgekehrt.

Erstellt: 28.04.2016, 23:15 Uhr

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