Warum die Sozialisten den Erfolg fürchten

Wenige Tage vor der ersten Wahlrunde stehen die Sterne für Nicolas Sarkozy schlechter denn je. Sogar seinem Herausforderer François Hollande wird der eigene Vorsprung langsam unheimlich.

«Das ist zu viel»: François Hollande bei einer Kampagnenveranstaltung in Südfrankreich. (19. April 2012)

«Das ist zu viel»: François Hollande bei einer Kampagnenveranstaltung in Südfrankreich. (19. April 2012)

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In einem kleinen Park zwischen Elysée-Palast und Champs-Elysées kramt Michèl Dumas in seiner Jutetasche. Der Ex-Banker handelt seit seiner Berentung vor fünf Jahren mit Briefmarken und bietet im Schatten des französischen Präsidentensitzes seine neuesten Errungenschaften an.

Am Sonntag werde er wohl den Sozialisten François Hollande wählen, sagt Dumas. Nicht, weil dieser besondere Hoffnung in seinem Land entfacht hätte. Im Gegenteil: Der Rentner hält Hollande für eine blasse Figur. «Aber er ist der Einzige, der Nicolas Sarkozy stoppen kann.»

Schlechte Karten für die Stichwahl

«Tout sauf Sarko» – alles ausser Sarkozy: Das ist auch drei Tage vor der ersten Wahlrunde die Sehnsucht einer grossen Mehrheit in Frankreich: Jüngsten Umfragen zufolge wird der vor fünf Jahren als «Super-Sarko» gestartete «Hyperpräsident» von einem tief enttäuschten und desillusionierten Volk wieder aus dem Elysée-Palast gejagt.

Laut einer vom regierungsfreundlichen «Le Figaro» heute veröffentlichten Opinionway-Erhebung liegt er zwar in der ersten Runde gleichauf mit Hollande bei 27,5 Prozent. Doch für die Stichwahl am 6. Mai kann der Herausforderer mit einem Vorsprung von zehn Punkten rechnen. Eine Umfrage des Instituts CSA sieht ihn sogar mit 16 Punkten in Führung.

Sarkozy buhlt um Rechtsextreme

Den Sozialisten sind die Zahlen inzwischen unheimlich. «Das ist zu viel», sagt ein Berater Hollandes und fürchtet, wegen des grossen Vorsprungs würden viele Anhänger gar nicht mehr zur Wahl gehen.

Sarkozy dagegen kämpft weiter verbissen um jede Stimme: Mit dem Versprechen, die Zahl der Einwanderer zu halbieren, geht er bei der Wählerschaft des rechtsextremen Front National auf Stimmenfang. «Eine Stimme für Marine Le Pen dient nur François Hollande», ruft er seinen Anhängern zu. Strategen in seinem Team werfen ihm dagegen einen zu moderaten Wahlkampf vor.

Doch was der Amtsinhaber auch vorschlägt – die Schliessung der Grenzen oder die Kriegserklärung an Berlin, die Europäische Zentralbank zur Konjunkturmaschine umzufunktionieren: Nichts davon verfängt. Nichts wird wirklich ernst genommen.

«Den Geist mit Füssen getreten»

«Vor fünf Jahren, da hat man noch geglaubt, mit seinem Aktivismus, mit seinem Elan wird er Frankreich wieder nach vorne bringen», sagt Briefmarkenhändler Dumas. Nach vorne bringen heisst für ihn: für mehr Gerechtigkeit sorgen, die französische Industrie ankurbeln, skandalöse Managergehälter zusammenstreichen und Frankreich gegen das Spardiktat aus Brüssel und Berlin verteidigen. «In Frankreich lebt noch immer der revolutionäre Geist», sagt er. Doch Sarkozy habe den mit Füssen getreten.

Gegen Deutschland hat er eigentlich nichts, sagt Dumas. Aus Deutschland kämen die besten Briefmarkenkataloge. Aber Kanzlerin Angela Merkel? Ihr Versuch, allen Euroländern ein Spardiktat zu verordnen, die Franzosen gar zu zwingen, eine Schuldenbremse in die Verfassung zu schreiben? «Das ist doch ein riesiger Fehler, das wird nicht funktionieren.» Da solle die Kanzlerin mal von ihrem hohen Ross herunterkommen, schliesslich werde sie bald mit einem sozialistischen Präsidenten klarkommen müssen.

Zehn Kandidaten treten an

Der Rentner spricht vielen seiner Landsleute aus der Seele. Und das hat nicht nur Sarkozy verstanden, der deswegen plötzlich auch nichts mehr von einer Berufung des deutschen Schatzmeisters Wolfgang Schäuble zum Chef der Eurogruppe wissen will. Die Kandidaten am linken und rechten Rand überbieten sich mit EU-kritischen Parolen.

Ernst nimmt Berlin aber vor allem die Ankündigung Hollandes, den Fiskalpakt bei seinem Sieg nachzuverhandeln. Zwar akzeptiere er die strikten Haushaltsregeln, sagt der Sozialist. Aber wenn der Vertrag nicht um konkrete Wachstumselemente ergänzt werde, könne er der Nationalversammlung nicht die Unterzeichnung empfehlen. Bei der SPD frohlockt man schon. «Ein Sieg von Hollande wäre ein Signal für ein Europa, in dem es gerechter und sozialer zugeht», sagt Parteichef Sigmar Gabriel im DAPD-Interview. «Und das haben wir bitter nötig.»

Aber noch ist das Rennen nicht gelaufen. Am Sonntag treten zehn Kandidaten an. Nach Hollande und Sarkozy liegt Marine Le Pen mit rund 16 Prozent auf Platz drei. Die Populistin von rechts aussen hat nach einem furiosen Wahlkampfstart keine realistischen Chancen mehr, wie ihr Vater vor zwölf Jahren in den zweiten Wahlgang einzuziehen.

Sarkozy hofft auf den Nahkampf

An ihren Fersen klebt mit rund 13 Prozent der wortgewaltige Jean-Luc Mélenchon von der Linksfront. Enttäuscht sind viele Wähler der Mitte von Zentrumskandidat François Bayrou. Der Chef der kleinen Partei MoDem hatte vor fünf Jahren fast 19 Prozent errungen, nun dümpelt er bei zehn Prozent. Dabei ist Bayrou der einzige Kandidat, der keinem ideologischen Lager verhaftet ist. «Aber ihm seine Stimme geben, das nützt überhaupt nichts», sagt Rentner Dumas. «Er ist nicht hörbar.»

Auch wenn Hollande in Umfragen für die zweite Runde fast uneinholbar in Führung liegt: Die Entscheidung fällt erst am 6. Mai. Und sollte es Sarkozy doch noch gelingen, die erste Runde zu gewinnen, könnte sich plötzlich eine neue Dynamik entwickeln. Dann könnte er seinen Stempel als Loser wieder loswerden. Schliesslich ist der Amtsinhaber ein leidenschaftlicher Kämpfer, und nach Sonntag kommt es endlich zum Nahkampf mit Hollande, dann heisst es Mann gegen Mann, und einmal werden sich die beiden auch im TV duellieren.

Selbst konservative Beobachter halten die Wiederauferstehung ihres einstigen Hoffnungsträgers aber kaum noch für möglich. «Nach zwei Amtszeiten Chirac und einem Mandat für Sarkozy sitzen die Rechten seit 17 Jahren im Elysée-Palast», sagt ein Diplomat. «Da wäre es ja wirklich ein Wunder, könnten sich die Sozialisten die Macht jetzt nicht zurückerobern.» (fko/dapd)

Erstellt: 20.04.2012, 00:00 Uhr

Der Weg in den Elysée-Palast

Der französische Staatspräsident wird für fünf Jahre direkt vom Volk gewählt. Notwendig ist die absolute Mehrheit der Stimmen. Weil das in einem ersten Wahlgang nur schwer möglich ist, kam es in der Fünften Republik bisher jeweils zwei Wochen nach der ersten Runde zu einem Duell der beiden Bestplatzierten in der Stichwahl.

Das französische Staatsoberhaupt sitzt im Elysée-Palast und hat eine für Europa einzigartige Machtfülle; der Präsident kann – anders als in Deutschland – auch in die Tagespolitik eingreifen. Allerdings wird der Premierminister – der ungleich weniger Gewicht hat als der Kanzler in Deutschland – von der stärksten Partei in der Nationalversammlung gestellt. Kommen Staatspräsident und Regierungschef aus unterschiedlichen Parteien, kommt es zu einer oft lähmenden Kohabitation (Zusammenarbeit).

Eine Tücke des Wahlsystems ist auch, dass ein aussichtsreicher Kandidat für den Gesamtsieg im ersten Wahlgang scheitern kann. So flog der Sozialist Lionel Jospin 2002 trotz guter Aussichten raus, weil Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen wenige Stimmen mehr erhielt – vor allem von strategischen Wählern aus dem Lager von Amtsinhaber Jacques Chirac. Die Wiederwahl Chiracs im zweiten Wahlgang war damit gesichert. (dapd)

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