Interview

Warum die Todesstrafe trotz Breiviks Massaker keine Chance hat

Die Norweger seien souverän mit dem Breivik-Prozess umgegangen, sagt Andrew Hammel. Der Rechtsprofessor arbeitete viele Jahre in Texas als Anwalt von zu Tode verurteilten Schwerverbrechern.

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Anders Breivik hat 77 Menschen ermordet. Wäre von der Sache her die Todesstrafe angemessen, wenn dies in Norwegen möglich gewesen wäre?
Das ist eine normative Frage, die Antwort hängt von der Rechtstradition des jeweiligen Landes ab. In einem Land, wo die Todesstrafe akzeptiert ist, wäre diese sicherlich angemessen. Insbesondere weil Breivik nicht geistesgestört ist, die vielen Morde sehr genau geplant und kaltblütig ausgeführt hat und keine Reue zeigt. In den USA respektive in den meisten US-Bundesstaaten wäre Breivik auf jeden Fall zum Tode verurteilt worden. Trotz des schlimmen Verbrechens von Breivik war in Norwegen die Wiedereinführung der Todesstrafe kaum ein Thema in der öffentlichen Debatte. Gemäss Umfragen meinten zwar viele Norweger, dass die Todesstrafe vielleicht für Breivik in Ordnung wäre, wenn es sie geben würde. Aber da es sie nicht gebe, sei die Todesstrafe auch kein Thema. Die grosse Mehrheit der Norweger lehnt die Todesstrafe klar ab.

Wie ist diese Haltung der Norweger zu erklären?
Die Norweger haben sich längst daran gewöhnt, dass es in ihrem Land keine Todesstrafe gibt. Diese wurde 1902 abgeschafft. Selbst die Elite des Landes, etwa die Politiker, hält – mit wenigen Ausnahmen – am bestehenden Rechtssystem fest. Die Norweger sind stolz darauf. Sie sind souverän und unaufgeregt mit dem schwierigen Prozess gegen Breivik umgegangen. Der Prozess ist gelungen, das ist ein Sieg für die norwegische Justiz. Selbst in den USA ist der Breivik-Prozess mit Bewunderung verfolgt worden.

Was bedeutet Breiviks Strafe von 21 Jahren Haft plus Sicherungsverwahrung aus der Sicht der Überlebenden und der Angehörigen der Opfer des Breivik-Massakers?
Was sie sich erhofft haben, ist mit dem Urteil erreicht worden. Es war das Ziel, dass Breivik nie mehr solche Taten begehen kann und nicht mehr in die Freiheit entlassen wird. Insofern dürften die Hinterbliebenen der Breivik-Opfer zufrieden sein.

Die faktisch lebenslange Gefängnisstrafe ist möglicherweise für Breivik härter, als es eine Todesstrafe gewesen wäre. Bei einer Todesstrafe wäre er noch zum Märtyrer gemacht worden.
Das ist durchaus denkbar. Breivik erinnert an den rechtsextremen Attentäter Timothy James McVeigh, der 1995 einen Bombenanschlag in Oklahoma City verübt hatte (bei dem Attentat kamen 168 Menschen ums Leben, Anm. der Redaktion). In seinem Prozess äusserte McVeigh den Wunsch, hingerichtet zu werden. Er wurde dann tatsächlich zum Tode verurteilt, die Todesstrafe wurde 2001 vollstreckt. Der Fall McVeigh zeigt, dass Massenmörder, die politische Motive geltend machen, die Rolle von Märtyrern suchen. Solchen Leuten würde die Todesstrafe insofern entgegenkommen. Die Todesstrafe wäre für einen Breivik vermutlich ein Triumph gewesen.

Der Zweck der Todesstrafe ist nicht nur die Vergeltung, sie soll zudem weitere Kapitalverbrechen verhindern. Inwiefern wirkt sie tatsächlich abschreckend?
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die abschreckende Wirkung der Todesstrafe. Dies zeigt eine neuere Studie aus den USA. Auch aufgrund eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Todesstrafe nichts bringt. Ich habe zehn Jahre lang in Texas als Rechtsanwalt von zu Tode verurteilten Verbrechern gearbeitet. Aus den Gesprächen mit diesen Tätern weiss ich, dass sie nicht wie normale Leute denken. Die meisten denken nicht rational, auch darum lassen sie sich von der Todesstrafe nicht abschrecken.

Die Todesstrafe ist in Europa weitgehend abgeschafft, mit Ausnahme von Weissrussland. Ist sie endgültig kein Thema mehr in Europa?
Selbst in einigen osteuropäischen Ländern, wo vereinzelte extreme Politiker danach rufen, ist eine Wiedereinführung der Todesstrafe nicht denkbar. Das ist inzwischen Allgemeingut: Die Todesstrafe widerspricht den Rechtssystemen in Europa. Die Abschaffung der Todesstrafe gilt als zivilisatorische Errungenschaft.

Buchtipp: Andrew Hammel: Ending the Death Penalty: The European Experience in Global Perspective. 2010, Verlag Palgrave Macmillan. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2012, 18:19 Uhr

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«Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die abschreckende Wirkung der Todesstrafe»: Andrew Hammel, Assistenzprofessor für Amerikanisches Recht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

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