Was beim «Spiegel» schiefgelaufen ist

Nun liegt der Bericht zum Fall Relotius vor. Auffällig: Ein irritierender Mailwechsel und ein Problemressort.

Der «Spiegel» widmete dem Betrugsfall im Dezember 2018 eine ganze Ausgabe. Foto: Getty/Thomas Lohnes

Der «Spiegel» widmete dem Betrugsfall im Dezember 2018 eine ganze Ausgabe. Foto: Getty/Thomas Lohnes

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Claas Relotius bleibt auch in ­dieser Version der Geschichte der raffinierte, liebenswürdige, aber eiskalte Betrüger, der sogar das wichtigste Nachrichtenmagazin Deutschlands gelinkt hat. Von dessen Lesern ganz zu ­schweigen. Der «Spiegel» aber, diese grosse journalistische Instanz, hat in der neusten Version deutlich an Glanz verloren.

In Hamburg wurde der Abschlussbericht einer Kommission vorgestellt, die den Betrugsfall fünf Monate lang analysiert hat. Volle Transparenz also, aber: Die Zitate sollten vor der Veröffentlichung autorisiert werden. «Wir haben in einem Ausmass Fehler gemacht, das, gemessen an den Massstäben dieses Hauses, unwürdig ist», fasste Chefredakteur Steffen Klusmann zusammen. Aus dem Bericht hat der ­«Spiegel» auf seine Art eine Geschichte gemacht, 17 Heftseiten.

Figuren erfunden

Im Dezember 2018 hatte der «Spiegel» die Fälschungen des preisgekrönten Reporters Relo­tius im eigenen Haus offengelegt – bevor es ein anderer tat, denn zu der Zeit waren auch eine US-Journalistin und zwei Blogger dem Reporter auf der Spur. Relo­tius hatte über Orte geschrieben, an denen er niemals war, er ­hatte Figuren erfunden und Zitate gefälscht. Vor seiner Zeit beim «Spiegel» auch in etlichen anderen Medien. Klusmann schätzte, 95 Prozent der rund 60 beim «Spiegel» veröffentlichten Geschichten seien «journalistisch wertlos», 9 seien komplett ­erfunden.

Um herauszufinden, wie die Fälschungen im Magazin hatten landen können, befragte eine Kommission mit zwei «Spiegel»-Kollegen und Brigitte Fehrle, frühere Chefredakteurin der «Berliner Zeitung», als externe Vertreterin, seit Anfang des Jahres Dutzende aktuelle und ­ehemalige Mitarbeiter. So ergibt sich nun das Bild eines recht frostigen, ­abgeschotteten und zugleich gespaltenen Hauses.

Am meisten schockiert habe sie bei ihrer Arbeit, sagte ­Brigitte Fehrle, wie man mit dem Kollegen umgegangen sei, der ­Relotius überführt hatte. Man habe viel zu lange geglaubt, hier schwärze ein freier Mitarbeiter einen Star­reporter an. Noch zwei Wochen nach Juan Morenos Vorwürfen hat der damalige Ressortleiter Matthias Geyer laut Bericht eine Titelgeschichte mit einem Einstieg von Relotius veröffentlicht. Trotz aller Zweifel. Der berichtet von einer Insel, auf die er laut Kommission wohl nie einen Fuss gesetzt hat.

«Die Geschichte des Jahres»

Der Abschlussbericht geht nach der internen Analyse ­relativ schnell dazu über, die ­Reportage als anfällige Textform sowie dubiose Praktiken, die demnach an Journalistenschulen gelehrt würden, als Ursachen zu ­reflektieren. Auf welch spezielle Art jedoch Reportagen beim «Spiegel» entstehen konnten, zeigt ein im Bericht zitierter Mailwechsel zwischen Geyer und seinen Autoren Relotius und Moreno über eine geplante Reportage. «Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (...) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies, gutes Leben in den USA (...) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (...) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.»

Woher kommen solch überhitzte Ansagen? Die Kommission nennt neben einer fragwürdigen Fehlerkultur den Druck im Haus als Teil des Problems. Vor allem im Gesellschaftsressort werde grosser Wert auf möglichst viele prestigeträchtige Journalistenpreise gelegt. In der Vergangenheit habe es sich die damalige Chefredaktion überlegt, das Ressort aufzulösen, als die Frequenz zwischenzeitlich gesunken sei.

Immer dasselbe Ressort

Überhaupt: das Gesellschaftsressort. Immer wieder stösst die Untersuchungskommission auf die Besonderheiten dieses Teams. Im Bericht heisst es, es habe «im Haus den Ruf, sich abzuschotten, auch gegenüber Kritik». Kollegen aus anderen Bereichen berich­teten, die Gesellschaftsreporter hätten «verbrannte Erde» hinterlassen und ihnen die Arbeit in ihren Berichtsgebieten erschwert. Es ist bemerkenswert, wie deutlich hier intern Schuld verteilt wird in einer Redaktion, die ihre Türen sonst gern verschlossen hält. Und zugleich ist dies unvermeidbar im Zeitalter der Kommunikation.

Zudem wird klar: Überall im Haus wurden Warnungen missachtet. Die NZZ hatte die Zusammenarbeit mit Relotius 2014 beendet, nachdem sie eine Berichtigung hatte drucken müssen – beim «Spiegel» war das wohl nicht angekommen. 2017 hatte eine Amerikanerin den «Spiegel» angetwittert, eine Reportage aus ihrem Ort sei gefälscht – durchgerutscht. Ein Leserbrief mit Hinweisen sei zwar bei der Chefredaktion gelandet – aber versandet.

Die Kommission untersuchte auch Texte etlicher anderer Autoren. Sie wird damit fortfahren. So befördert der Transparenz-Tsunami auch 15 Jahre alte ­Texte ans Licht, in denen namentlich nicht genannte Grossautoren lebhaft Dinge beschreiben, die sie nie selbst gesehen haben.

Personell hatte der Fall bisher nur sanfte Folgen: Ein Faktenchecker hat sich in den Ruhestand verabschiedet, die Ressortleiter von Relotius, Fichtner und Geyer, wurden nicht wie geplant zum Chefredakteur beziehungsweise Blattmacher ­befördert.

Erstellt: 28.05.2019, 09:15 Uhr

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