Was die 'Ndrangheta so gefährlich macht

Die Macht der kalabresischen Mafia gründet auf effizientem Drogenhandel und fast unzerstörbarer Blutsbrüderschaft.

Razzien in mehreren Ländern Europas: Durchsuchung eines Restaurants in Duisburg.

Razzien in mehreren Ländern Europas: Durchsuchung eines Restaurants in Duisburg. Bild: AFP

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Ein sperriger Name, mit vorgestelltem Apostroph und Betonung auf dem ersten a: 'Ndrangheta ist kalabrischer Dialekt und steht als Synonym für «onorata società», ehrenwerte Gesellschaft, wie sich das organisierte Verbrechen an der Stiefelspitze im Süden Italiens mit diesem etwas verqueren Mix aus mystisch überhöhtem Berufungsdenken und Blutsverwandtschaft nennt. Gegründet im 19. Jahrhundert als Organisation von Bauern und Hirten im ländlichen, bergigen, vermeintlich hinterwäldlerischen Kalabrien, ist die 'Ndrangheta heute die mächtigste und reichste italienische Mafia.

Die 'Ndrangheta ist noch mächtiger und reicher als die sizilianische Cosa Nostra und die kampanische Camorra, deren Namen geläufiger sind. Dank der Verästelung ihrer Aktivitäten ist sie auch die einzige Mafia, die global tätig ist, auf allen fünf Kontinenten.

Handel mit Kokain aus Lateinamerika

Ihr wichtigster Geschäftszweig ist der Drogenhandel, vor allem Kokain. Die 'Ndrangheta hat Filialen in allen massgeblichen Herkunftsländern des Stoffs in Lateinamerika: Kolumbien, Bolivien, Peru. Sie bezieht die Ware vor Ort, bringt sie ins brasilianische Santos, wo sie verschifft wird, zunächst bis nach Westafrika, wo die Drogen zwischengelagert werden, bevor sie weitertransportiert werden in die grossen europäischen Häfen in Rotterdam, Bremerhaven, Genua oder Gioia Tauro in Kalabrien, also den Verteilzentren für den wichtigsten Absatzmarkt, den europäischen.

Da die 'Ndrangheta Beziehungen zu den südamerikanischen Clans hat und sich immer wendig anpasst an die neuen Machtverhältnisse vor Ort, kauft sie das Kokain so billig ein wie keine andere Mafia der Welt. Die Marge beim Verkauf ist entsprechend gross.

Umsatz von 50 Milliarden Euro pro Jahr

Ungefähr 50 Milliarden Euro im Jahr setzen die Kalabrier pro Jahr mit Drogen um. Das ist viel Geld, das schnell gewaschen und angelegt gehört, damit es nicht auffällt. Nur ein kleiner Teil des Geldes bleibt in Kalabrien. Schon vor Jahrzehnten hat die 'Ndrangheta sich auch im Zentrum und im Norden Italiens eingenistet, Zellen ihres Geschäfts eingerichtet, die Behörden infiltriert, ganz geduldig.

Auch darin ist sie den rivalisierenden Syndikaten voraus: Gemeindeverwaltungen, die von der 'Ndrangheta unterwandert und deshalb aufgelöst wurden, gibt es nicht nur in Kalabrien, sondern in etlichen italienischen Regionen, im Latium, in Ligurien, im Piemont, in der Lombardei und in der Emilia-Romagna. Bürgermeister, die über Verbindungen zur Cosa Nostra stürzten, gibt es hingegen nur in Sizilien. Und solche, die sich mit der Camorra verbündeten, findet man nur in Kampanien.

Gefährlich und erfolgreich: Waffen in einem 'Ndrangheta-Bunker im kalabrischen Hinterland. Foto: Keystone

Als besonders erfolgreich erwies sich die Expansion der 'Ndrangheta aber in Kanada, Australien, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland sowie einigen osteuropäischen Ländern. Das Muster ist fast immer dasselbe: Die kalabrischen Clans kaufen mit dem Drogengeld Hotels, Restaurants und Pizza-Lokale auf und zwingen den Betreibern der Gaststätten auf, ihre wichtigsten Produkte aus der kalabrischen Heimat zu beziehen: den Wein, das Gemüse oder das Mehl für den Pizzateig.

Kern der 'Ndrangheta sind 150 mafiöse Familien

Die Keimzellen der streng strukturierten 'Ndrangheta sind die etwa 150 mafiösen Familien Kalabriens, die sogenannten 'Ndrine, mit ihren weltweit offenbar 60'000 Mitgliedern. Sieben 'Ndrine formen ein «Locale», ein lokales Kommando. Man wird als 'Ndranghetista geboren oder kommt durch die «Taufe» dazu, ein pseudoreligiöses Ritual, bei dem man Treue bis in den Tod schwört.

Der Erfolg der 'Ndrangheta erklärt sich auch mit dieser fast unzerstörbaren Blutsbrüderschaft in ihrem Innern. Es gibt zwar immer mal wieder «faide», grosse Abrechnungsoperationen unter den Clans über die Vorherrschaft im jeweiligen Machtterritorium. Auf Kronzeugen kann die Justiz fast nie zurückgreifen, anders als in Sizilien. Und das macht den Kampf gegen die 'Ndrangheta so schwierig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 17:23 Uhr

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