Was sich bei einer Staatspleite in Griechenland abspielen dürfte

Plündernder Mob, Tauschwirtschaft, Lebensmittelkarten: Was für Zustände nach einem Bankrott in Griechenland ausbrechen würden. Ein Szenario.

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Das Volk ist auf den Barrikaden. Die Parlamentsmehrheit von Ministerpräsident Georgios Papandreou schmilzt dahin. Und der Zoff der Euro-Partner blockiert ein neues Rettungspaket. Angesichts der explosiven Lage warnen Experten vor dem GAU: der Chaos-Pleite von Hellas.

Tatsächlich hängt die Rettung am seidenen Faden. Wenn das Parlament in Athen nicht bis Ende des Monats dem neuen Spardiktat zustimmt, werden IWF und die Euroländer keinen Cent mehr überweisen. EU-Kommissionssprecher Amadeu Altafaj Tardio macht klar: «Es gibt keinen Plan B.»

Und dann? «Dann erleben wir ein sehr unschönes Szenario», sagt Guntram Wolff, Währungsfachmann beim renommierten Brüsseler Think-Tank Bruegel. Ab Mitte Juli hätte die Regierung kein Cash mehr. Athen ausgebrannt. «Der Staat hätte zwar weiter Steuereinnahmen. Aber damit müsste er die Polizei, die Feuerwehr, die Gerichte, die Krankenhäuser bezahlen, damit die öffentliche Ordnung nicht zusammenstürzt.» Doch auch damit liessen sich schwere Unruhen kaum verhindern. Die Bürger würden die Banken plündern, womit sie schon begonnen haben. «Der Finanzsektor würde binnen kürzester Zeit kollabieren.»

Lebensmittelkarten statt Euroscheine?

Kommt es so weit, dass in dem Euroland kein Bargeld mehr im Umlauf ist? Steht die Rückkehr zur Tauschwirtschaft bevor? So ist es in vergangenen chaotischen Notzeiten gekommen. Der Staat bezahlt seine Angestellten mit Steuergutschriften oder Schuldscheinen. Brot und Butter gibt es gegen Lebensmittelkarten. Ganz allmählich entsteht aus dem Scheinehandel ein neues Währungssystem, eine neue Drachme. Es könnte Jahre dauern. Und der Euro verblasst zur schmerzhaften Erinnerung.

Ganz so drastisch würde es nach Einschätzung Wolffs nicht kommen. Denn selbst im Fall einer chaotischen Pleite würden Europartner und EZB das griechische Bankensystem nicht in die Kernschmelze schicken. «Der Staat würde vermutlich kein Geld mehr erhalten. Aber die griechischen Banken sind in Bulgarien und Rumänien sehr aktiv. Fallen sie aus, kommt es zur Kettenreaktion.» Dass sich Europa das leistet, kann sich Wolff nicht vorstellen.

Allerdings gibt es für eine Stützung des Bankensystems zwei Bedingungen. Erstens: Hellas bleibt beim Euro. Zweitens: Die Regierung tritt zuvor mit ihren Gläubigern in Umschuldungsverhandlungen. Banken, Investitionsfonds und Versicherungen müssten sich auf einen Schuldenschnitt einlassen: 50 Prozent, 75 Prozent des verliehenen Geldes abschreiben. Für den Deal wären weitere Opfer der Griechen unvermeidlich. Bruegel-Experte Wolff rechnet mit Dimensionen von zehnprozentigen Rentenkürzungen. Keine Frage: Griechenland würde eine Periode der Instabilität durchlaufen. Aber das Land könnte sich langsam wieder aufrichten.

Doch ein Plan B?

Einen Haircut, ob geplant oder chaotisch, halten nicht nur viele Analysten ohnehin für den einzigen Weg. «Wir müssen einen harten Schuldenschnitt machen, bei dem die Gläubiger auf einen beträchtlichen Teil ihrer Forderungen verzichten», meint inzwischen auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Anders lasse sich in der Bevölkerung einfach keine Akzeptanz mehr für neue Griechenland-Milliarden schaffen.

Und anders komme Athen auch nicht von seiner Schuldenlast los und müsse aus Berlin, Paris und von der EZB auf unabsehbare Zeit alimentiert werden, meint Wolff. Der Schuldenberg hat sich auf 350 Milliarden Euro angehäuft. Das sind fast 160 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Wenn Berlin jetzt darauf drängt, die Einigung auf ein neues Hilfspaket für Athen bis auf den Herbst zu verschieben, steckt womöglich genau der Plan dahinter? Wolff hielte das für keine dumme Idee: «Dadurch könnte man Zeit gewinnen, um eine richtige Umschuldung vorzubereiten.»

Wenn sich die Chaos-Pleite noch so lange vermeiden lässt.

(sam/dapd)

Erstellt: 17.06.2011, 13:15 Uhr

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