Weg aus Kosovo, einfach nur weg!

30'000 Kosovaren sollen ihr Land in den letzten zwei Monaten fluchtartig verlassen haben. Die Gründe, die Helfer – und das Ziel der Verzweifelten.

Gedränge am Busbahnhof in Pristina: Bis zu zehn Busse pro Tag verlassen Kosovos Hauptstadt mit Wirtschaftsflüchtlingen. (Quelle: Jeton Sopa/Youtube)

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Es sind dramatische Szenen, die sich jeden Abend auf dem Busbahnhof der kosovarischen Hauptstadt Pristina abspielen. Weinende Kinder, erschöpfte Mütter, junge Männer, die sich rücksichtslos nach vorne drängen – sie alle wollen einen Platz in einem der Busse ergattern, die nach Belgrad fahren. Täglich steuern fast zehn vollgepferchte Reisecars die serbische Hauptstadt an. Dort werden die Kosovo-Albaner vor den Augen der serbischen Polizei von Schlepperbanden in Empfang genommen und bis zur ungarischen Grenze gebracht. Wer nicht sofort über die grüne Grenze ins EU-Land Ungarn flüchten kann, wird vorübergehend in Ferienunterkünften am Palic-See in der nordserbischen Provinz Vojvodina untergebracht. Mehrere Motels und Villen sind laut Angaben kosovarischer Medien von Schleppern gemietet worden. Für die Menschenhändler auf dem Balkan sind wieder goldene Zeiten angebrochen: Das Netzwerk besteht aus Busunternehmen, Reiseagenturen, korrupten Grenzpolizisten und Unterweltbossen.

Verlässliche Angaben über die Zahl der Flüchtlinge, die Kosovo in Richtung Westeuropa verlassen, gibt es nicht. Es gibt aber Schätzungen: Die Tageszeitung «Zëri» vermutet, dass in den letzten zwei Monaten fast 30'000 Kosovaren illegal geflohen sind. Während in den 90er-Jahren Tausende Menschen vor der serbischen Repression Zuflucht im Ausland suchten und als politische Flüchtlinge aufgenommen wurden, wandern heute die meisten vor allem wegen der extrem schlechten Wirtschaftslage aus. 15 Jahre nach Kriegsende und sieben Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung sehen viele Kosovo-Albaner keine Zukunft für sich und ihre Kinder im jüngsten Staat Europas. Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) leben 34 Prozent der knapp zwei Millionen Einwohner Kosovos in absoluter Armut. Das heisst: Sie haben ein täglich verfügbares Einkommen von 1.50 Franken.

An der Grenze erfroren

«Hier gibt es keine Hoffnung mehr», sagt ein junger Mann aus einem Vorort Pristinas. Er beklagt sich, dass es ohne Beziehungen zu mächtigen Politikern unmöglich sei, in Kosovo einen Job zu erhalten. Wie viele seiner Landsleute träumt auch er von einer Zukunft in Deutschland. Der Weg dorthin ist nicht ganz ungefährlich: Kürzlich erfror ein Mann, kurz nachdem er die EU-Aussengrenze in Ungarn überquert hatte. Der Fall löste in der kosovarischen Öffentlichkeit eine Welle der Empörung aus. 2009 hatten fünf Kosovaren das Leben verloren, als sie über den Fluss Theiss das ungarische Staatsgebiet erreichen wollten. Das Bildungsministerium in Pristina schlägt Alarm: Nur in den vergangenen Monaten hätten 5200 Kinder die Schule verlassen und seien vermutlich mit ihren Familien geflohen.

Der Frust über die politische Klasse in Kosovo, die Vetternwirtschaft und die grassierende Korruption ist riesig. Vergangene Woche gingen in Pristina mehrere Tausend Menschen auf die Strasse, um gegen die Regierung zu protestieren. Jugendliche lieferten sich stundenlang Strassenschlachten mit der Polizei. Offiziell wurde der Rücktritt eines Ministers der serbischen Minderheit gefordert, der die Opfer des Krieges beleidigt hatte, doch die am meisten skandierte Parole lautete: «Mit Dieben ist kein Staat zu machen». Gemeint waren vor allem die ehemaligen Kommandanten der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) rund um den langjährigen Premier und jetzigen Aussenminister Hashim Thaci, die das ganze Land fest im Würgegriff halten. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht eine Bestechungsaffäre bekannt wird.

Staat als Selbstbedienungsladen

Die neue Regierung hat erst Mitte Dezember die Arbeit aufgenommen – ganze sechs Monate nach den Wahlen. Sie wird von den zwei grössten Parteien dominiert: der sogenannten Demokratischen Partei (PDK) von Thaci und der Demokratischen Liga Kosovos (LDK), die einst vom legendären Kosovo-Führer Ibrahim Rugova gegründet worden war. Das Kabinett hat 21 Minister und über 41 stellvertretende Minister – ein Rekord selbst für den Balkan. Und laut Kommentatoren ein Zeichen, dass die Politiker den Staat vor allem als Selbstbedienungsladen sehen. Ihre Appelle an die Bürger, Kosovo nicht zu verlassen, klingen zynisch und verhallen ungehört. Seit dem vergangenen Herbst kursieren Falschinformationen, wonach Deutschland und Frankreich den Kosovaren Asyl gewähren. Vermutlich werden solche Gerüchte gezielt von Schlepperbanden in die Welt gesetzt. Auffallend ist, dass in letzter Zeit die Preise, die Menschenhändler für die Flucht in den Westen verlangen, massiv gesunken sind.

Eine Chance auf Asyl in den EU-Staaten haben die Kosovaren nicht, da es sich meist um Wirtschaftsflüchtlinge handelt. Mit mehreren EU-Staaten und mit der Schweiz hat Kosovo Rückübernahmeabkommen geschlossen. Die Kosten für die Abschiebung muss das Balkanland tragen. Vom Ansturm der Kosovaren ist die Schweiz bisher nicht betroffen: Es hat sich herumgesprochen, dass hierzulande die Asylanträge für Menschen aus den Balkanstaaten innerhalb von nur 48 Stunden überprüft werden und meist negativ entschieden wird. In Deutschland und in Österreich beispielsweise dauert das Asylverfahren mehrere Monate.

Die Kosovo-Regierung befürchtet einen Imageschaden wegen der Flüchtlingswelle. Je mehr Menschen den Zwergstaat verlassen, desto geringer die Chancen, dass der Visumzwang für den Schengen-Raum aufgehoben wird. Kosovo bleibt das isolierteste Land Europas. Die EU hat im vergangenen Jahr sogar den Bürgern von Moldau die Visumfreiheit gewährt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2015, 14:29 Uhr

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