Weisse Westen über den braunen Hemden

Das Auswärtige Amt war nicht die einzige Institution, die erfolgreich ein falsches Bild von sich aus der NS-Zeit zu verbreiten wusste. Unzählige Karrieren gingen in der Bundesrepublik Deutschland bruchlos weiter.

Von den Alliierten verurteilt: Ernst von Weizsäcker als Angeklagter beim Nürnberger Wilhelmstrassenprozess (1947-1949).

Von den Alliierten verurteilt: Ernst von Weizsäcker als Angeklagter beim Nürnberger Wilhelmstrassenprozess (1947-1949). Bild: picture-alliance, DPA

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Und wieder ist eine Legende zertrümmert worden. Es ist die vom Auswärtigen Amt während der NS-Zeit als einem Hort des Widerstands. Auf 900 Seiten, verfasst unter Federführung einer deutsch-amerikanisch-israelischen Historikerkommission, lässt sich nachlesen, wie tief in Wirklichkeit die Diplomaten Teil waren des Verbrechersystems und wie «engagiert» sie in ihrer Mehrzahl der Mordmaschinerie zudienten. Der Vorsitzende der Historikerkommission Eckart Conze spricht von einer «verbrecherischen Organisation».

Seit Kaisers Zeiten war das Diplomatische Korps zusammengesetzt aus Vertretern der bürgerlich-konservativen Oberschicht und des Adels. Beide strickten an demselben Mythos, der unter tatkräftiger publizistischer Hilfe diese Oberschicht im Kollektiv oft mit dem Widerstand gegen das NS-Regime gleichsetzte. Beispielhaft war hier die einstige Chefredaktorin und Herausgeberin der «Zeit», Marion Gräfin Dönhoff, mit ihrer Überhöhung des preussischen Adels (dem sie entstammte) und seiner Rolle beim Attentat gegen Adolf Hitler vom 20. Juli 1944.

Helden waren die Ausnahme

Dass die Wirklichkeit sehr viel differenzierter aussah, hat besonders fundiert der Historiker Stephan Malinowski in seiner grossen Untersuchung «Vom König zum Führer» aufgezeigt. Dort ist nachzulesen, auf welch grosse Anhängerschaft die Nazis unter dem Adel zählen konnten und wie weit auch hier der Antisemitismus verbreitet war. Das alles fand sich gespiegelt im Auswärtigen Amt, wo es aber tatsächlich auch Widerstand gab. Adam von Trott zu Solz, Hans Bernd von Haeften, Ulrich von Hassell, Rudolf von Scheliha bezahlten dafür mit dem Leben. Nur ein einziger Spitzendiplomat, Friedrich von Prittwitz und Gaffron, wollte gleich 1933 nicht mehr mitmachen. Aber diese mutigen Männer blieben im Amt die Aussenseiter.

Keine Aufarbeitung

Der prototypische Vertreter hingegen war Staatssekretär Ernst von Weizsäcker. Von 1933 bis 1938 war er Botschafter in Bern und schrieb von dort jenen Brief, den die Historiker jetzt gefunden haben und der 1936 die Ausbürgerung von Thomas Mann als begründete Massnahme taxierte. Jahre später, als Staatssekretär, unterzeichnete von Weizsäcker einen Deportationsbefehl französischer Juden, weswegen er unter anderem nach dem Krieg in Nürnberg angeklagt wurde. Er nimmt in dem Buch denn auch einen zentralen Platz ein, was seinen Sohn Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, nicht hindert, ihn unbeirrt als einen Mann darzustellen, der nur «das Schlimmste verhüten» wollte.

Nach dem Krieg über viele Jahre fest in der Hand der FDP, hat sich kein Aussenminister für die Aufarbeitung der Geschichte dieser «Parallelgesellschaft» (Joschka Fischer) eingesetzt. Nicht einmal der Emigrant und mithilfe des Auswärtigen Amtes einst ausgebürgerte Sozialdemokrat Willy Brandt. Der wollte es sich nicht mit Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger verderben, dem einstigen NSDAP-Mitglied.

Das Archiv macht Politik

Das Auswärtige Amt konnte allerdings frühere wissenschaftliche Studien nicht ver-, sondern nur behindern. Christopher Browning und insbesondere Hans-Jürgen Döscher haben in den 70er- und 80er-Jahren wichtige Vorarbeiten geleistet, obwohl sie beide nicht denselben Zugang zu den Quellen bekamen wie die Historikerkommission heute. Eine jahrzehntelange restriktive Archivpolitik war mitbeteiligt an der Legendenbildung. Und nicht einmal die Historikerkommission von heute ist sicher, ob sie wirklich alle Akten sichten konnte.

Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, selber kein Nazi, war sich durchaus bewusst, dass er den öffentlichen Dienst der jungen Republik ohne Altnazis und Mitläufer nicht aufbauen konnte. Zu gering war die Zahl jener, die nicht mitgemacht hatten. Er hätte auch gerne das Auswärtige Amt neu besetzt, musste aber resignieren vor der Realität und dazu noch feststellen: «Sie hängen alle zusammen wie die Kletten.»

Wird der Bundesrepublik international längst attestiert, Vorbildliches geleistet zu haben, was Schuldbekenntnis und Aufarbeitung der Geschichte betrifft, relativiert sich das Bild bei genauerer Betrachtung. Wissenschaft und Medien haben zweifellos eine gewaltige Arbeit geleistet und leisten sie weiter. Doch ein wesentlicher Teil der NS-Funktionseliten konnte sich bestens in die Bundesrepublik hinüberretten, wie man unter anderem bei Norbert Frei nachlesen kann, Mitglied der Historikerkommission (insbesondere: «Vergangenheitspolitik: Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit»; «Karrieren im Zwielicht: Hitlers Eliten nach 1945»).

Legenden gab es viele

Viele ihrer Vertreter wurden gar nie oder ungenügend belangt, manche stiegen bis in die Spitzen des Staates hoch, und Mythenbildung hat nicht nur das Auswärtige Amt betrieben. Im Wesentlichen erst ab den 90er-Jahren stellten sich zentrale gesellschaftliche und politische Institutionen ihrer Geschichte oder konnten die Konfrontation nicht mehr länger hinausschieben. Die «saubere» Wehrmacht ist eines der prominenten Beispiele, die Justiz zählt dazu, die Universität, die Medizin, die Kirche, Polizei, Geheimdienst, Wirtschaft und auch Medien in Gestalt prominenter Figuren.

Verehrte Universitätslehrer

Die Bundeswehr hat es besonders gut verstanden, die einstige Wehrmacht mit einer Legende zu umgeben. Verbrecher waren demnach nur die Spitzen des Dritten Reichs, SS und Gestapo, nicht Soldaten und nicht Generäle. Mit dieser Lebenslüge hat öffentlichkeitswirksam erst die Wehrmachtsausstellung 1995 aufgeräumt. Nun war die Beteiligung auch von Hitlers Soldaten am millionenfachen Massenmord hinter der Front nicht mehr zu leugnen.

Die Justiz hat ihre Schuld als willige Vollstreckerin des NS-Systems in der Nachkriegszeit in vielerlei Weise fortgesetzt. So wurde keiner der NS-Blutrichter je belangt. Ihre Vertreter lehrten weiter an den bundesrepublikanischen Universitäten (wie der Staatsrechtler Theodor Maunz, der eminente Kommentator des Bonner Grundgesetzes, gleichzeitig anonymer Helfer der NPD und verehrter akademischer Lehrer des späteren Bundespräsidenten Roman Herzog). Die NS-Verbrechen wurden gerichtlich ohnehin nicht angemessen gesühnt.

Auslandsgeheimdienst mit alten Nazis

Es musste auch erst eine jüngere Generation von Akademikern heranwachsen, die sich die Geschichte ihrer Fächer genauer ansahen – ob Historiker, Psychiater, Germanisten oder Mediziner. So wurden Koryphäen wie Theodor Schieder oder Werner Conze, die Väter der modernen Sozialgeschichte, als antisemitische Zuträger des NS-Regimes entlarvt, die die Eroberung von «Lebensraum» im Osten akademisch unterfütterten. Mediziner wie Otmar von Verschuer, der sich als «Rasseforscher» sein «Material» in den Vernichtungslagern besorgte (der KZ-Arzt Mengele war einst sein Assistent). Er konnte nach dem Krieg seine akademische Spitzenkarriere fortsetzen. Auch er steht für viele.

Der Bundesnachrichtendienst, also der Auslandgeheimdienst, hätte ohne Mitarbeit und Kenntnisse alter Nazis nicht aufgebaut werden können. An vorderster Front Reinhard Gehlen, der neue Chef, der schon Chef der Ostspionage im Krieg gewesen war. An seiner Ernennung waren allerdings die Amerikaner massgeblich beteiligt, die im Kalten Krieg auf solches Wissen aus erster Hand nicht verzichten mochten.

Trübe Quellen des «Spiegels»

Auch der junge «Spiegel», in dessen Redaktion sich ebenfalls Alt-Nazis fanden, wusste dies zu nutzen. Bald glänzte das Magazin mit diversen Enthüllungsgeschichten darüber, wo sich sonst noch Alt-Nazis tummelten – mit Informationen aus eben jenem BND, der gewissermassen an der Quelle sass. Der BND will jetzt ebenfalls eine unabhängige Historikerkommission einsetzen.

Selbst in der neugegründeten «Zeit», später Flaggschiff eines liberalen Journalismus, fanden sich in den Anfängen trübe Figuren rechter Couleur wie der Chefredaktor Richard Tüngel. Zusammen mit Marion Dönhoff berichtete er aus Nürnberg über den Wilhelmstrassenprozess (1947–1949), bei dem die Spitzen des Auswärtigen Amtes wie Ernst von Weizsäcker von den Alliierten angeklagt waren und verurteilt wurden. Ihre publizistischen Verteidiger fanden die Angeklagten in Tüngel und Dönhoff. Sie standen also am Beginn des gross angelegten Versuchs, das Amt als eben jenen Hort der Anständigkeit hinzustellen, als der es fortan galt. Dafür wurde der jüdische, einst aus Deutschland emigrierte amerikanische Chefankläger im Wilhelmstrassenprozess, Robert M. W. Kempner, diffamiert.

Für Querdenker kein Zutritt zum diplomatischen Dienst

Die Historikerkommission hat in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass vieles aus den NS-Jahren des Auswärtigen Amtes bekannt war, nicht zuletzt eben aus den Nürnberger Prozessen. Hingegen war auch ihr neu, in welchem Mass das Amt nach dem Krieg belastete Angehörige vor juristischer Verfolgung (im Ausland) warnte und schützte oder dort einsetzte, wo sie nicht gefährdet waren: gerne in arabischen Staaten, wo Alt-Nazis sogar willkommen waren. «Täterschutz» nennt das auch Eckart Conze. Andererseits verwehrte man NS-Gegnern und Querdenkern nach dem Krieg den Zutritt (oder die Rückkehr) zum diplomatischen Dienst.

Die Fluchthelfer

Aber auch das war kein Spezifikum des Auswärtigen Amtes. Dank verschiedener Netzwerke Ehemaliger gelang es vielen NS-Verbrechern nach dem Krieg, ins Ausland zu entkommen. Adolf Eichmann, Josef Mengele und Klaus Barbie sind nur die berühmtesten – Letzterer war genau ein Profiteur der Hilfe durch das Auswärtige Amt. Kirche (Vatikan), das IKRK, die Geheimdienste, sie alle beteiligten sich an der grossen Fluchthilfeaktion. Nachzulesen bei dem gerade neu aufgelegten Buch von Gerald Steinacher: «Nazis auf der Flucht». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2010, 21:10 Uhr

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