Weitere acht Greenpeace-Aktivisten in U-Haft

Nach einem russischen Gerichtsurteil ist die gesamte Besatzung der Arctic Sunrise in zweimonatiger Untersuchungshaft. In Bern haben rund 500 Menschen für die Freilassung der Aktivisten demonstriert.

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Nach der Protestaktion der Umweltschutzorganisation Greenpeace in der russischen Arktis befinden sich nun alle 28 Aktivisten und zwei Journalisten in zweimonatiger Untersuchungshaft. Am Sonntag schickte ein Gericht in Murmansk acht weitere Umweltschützer für die Dauer der Ermittlungen hinter Gitter, schon am Donnerstag hatten die Richter für zwanzig Aktivisten und die beiden Journalisten Untersuchungshaft angeordnet.

Die russische Staatsanwaltschaft erwägt, Anklage unter anderem wegen Piraterie zu erheben. Die Umweltschützer aus 18 Ländern hatten am 18. September gegen Ölbohrungen in der Arktis protestiert. Zwei von ihnen versuchten dabei, auf eine Ölplattform der russischen Erdgasfirma Gazprom zu klettern, um gegen die drohenden Gefahren für die Umwelt zu protestieren. Der Greenpeace-Eisbrecher «Arctic Sunrise» wurde einen Tag später von der russischen Küstenwache gestürmt und mitsamt Besatzung zum nächstgelegenen Hafen von Murmansk geschleppt.

Iwan Blokow, der die russische Protestaktion geleitet hatte, bezeichnete die Beschlagnahmung des Schiffs als «den aggressivsten und feindlichsten Akt» gegen Greenpeace seit der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff «Rainbow Warrior» 1985 mit einem Bombenanschlag versenkte. Dabei kam ein Mensch ums Leben. Peter Willcox, der damals Kapitän der «Rainbow Warrior» war, steuerte auch die «Artic Sunrise». Der US-Amerikaner sitzt ebenfalls seit Donnerstag in Untersuchungshaft.

Aktivisten während Gerichtsverhandlung in vergittertem Käfig

Greenpeace weist die Vorwürfe zurück, nach denen die Aktivisten der Umweltorganisation vor eineinhalb Wochen eine Ölplattform des Staatskonzerns Gazprom in der Petschorasee besetzen wollten. «Ich bin keine Piratin. Ölbohrungen im Eis sind eine gewaltige Gefahr für die Natur weltweit», sagte eine finnische Aktivistin vor Gericht.

Wie in Russland üblich, mussten die Beschuldigten in einem vergitterten Käfig die Verhandlung verfolgen. Die russische Anwältin der finnischen Aktivistin hatte Hausarrest oder Freilassung auf Kaution beantragt, da die junge Frau gesundheitlich angeschlagen sei und ärztliche Betreuung benötige.

Die Arctic Sunrise-Crewmitglieder seien in Murmansk und der rund 200 Kilometer entfernten Stadt Apatity eingesperrt, sagte die Stadträtin Irina Paikatschewa der Agentur Interfax. Jeder habe eine Zelle für sich, allerdings wollten die Behörden diese Praxis aus Kostengründen schon bald ändern. Ein grosses Problem sei weiter die Verständigung der Justizbeamten mit den Aktivisten aus 18 Ländern.

Hunderte protestieren vor russischer Botschaft in Bern

Weltweit demonstrierten am Sonntag Mitglieder von Greenpeace für eine Freilassung der Inhaftierten. Auch vor der russischen Botschaft in Bern fand am Nachmittag eine Solidaritätskundgebung statt, bei der laut Angaben der Veranstalter Greenpeace Schweiz bis zu 500 Personen teilnahmen. Unabhängige Quellen sprachen von 250 bis 300 Kundgebungsteilnehmern.

Es sei «nicht genug, dass das sensible Ökosystem in der Arktis in Gefahr ist und der Klimawandel ungebremst voranschreitet. Die Rede- und Meinungsfreiheit von uns allen ist in Gefahr, wenn die unverhältnismässige Vorgehensweise der russischen Behörden Schule machen sollte», sagte der Geschäftsleiter von Greenpeace Schweiz, Markus Allemann, in seiner Ansprache.

Ein Appell an die russische Regierung für die sofortige Freilassung sei weltweit bereits von mehr als 600'000, in der Schweiz von 15'000 Menschen unterschrieben worden.

Vater von festgehaltenem Schweizer spricht an Kundgebung

An der Kundgebung anwesend war auch der Vater des in Untersuchungshaft sitzenden Schweizers. «Mein Sohn und seine Mitkämpfer haben sich stellvertretend für uns alle vorne hingestellt. Sie haben ihre Angst überwunden, weil ihr Anliegen so wichtig ist», sagte er in einer kurzen Rede.

Sie nähmen ihre Verantwortung als Bewohner des Planeten Erde ernst, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass die Welt für kurzfristigen Gewinn rücksichtslos ausgebeutet werde. «Wir, die wir nicht eingesperrt sind, müssen ihre Idee weitertragen - dort, wo wir leben und etwas beeinflussen können mit unseren eigenen Möglichkeiten», erklärte der Vater.

Berufung einlegen und Seegerichtshof angehen

Auch Greenpeace will sich vom Vorgehen der russischen Behörden nicht einschüchtern lassen: In den nächsten Tagen werde gegen die zweimonatige Untersuchungshaft Berufung eingelegt, teilte Greenpeace Schweiz mit.

Die Niederlande prüften zudem rechtliche Schritte vor dem internationalen Seegerichtshof, da das Greenpeace-Schiff «Arctic Sunrise» in internationalen Gewässern illegal geentert worden sei. (mw/sda)

Erstellt: 29.09.2013, 22:40 Uhr

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