Wenn Gallier den Aufstand proben

Wir befinden uns im Jahre 2011 nach Christus. Ganz Gallien ist von der Atomkraft besessen. Ganz Gallien? Nein! Eine von unbeugsamen Galliern bevölkerte Stadt leistet Widerstand: Strassburg.

Der Unterschied zum AKW Mühleberg ist die exponierte Lage im Erdbebengebiet: Die zwei mit Rheinwasser gekühlten Reaktoren des AKW Fessenheim.

Der Unterschied zum AKW Mühleberg ist die exponierte Lage im Erdbebengebiet: Die zwei mit Rheinwasser gekühlten Reaktoren des AKW Fessenheim. Bild: Keystone

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Die Stadt Strassburg hat dem ältesten französischen Atomkraftwerk den Kampf angesagt, Fessenheim am Rhein. Eine Sensation in dem Land, in dem Atomstrom eine Staatsaffäre ist und das den grössten Atomkonzern der Welt beherbergt, die staatliche Electricité de France (EDF), die 58 Reaktoren an 19 Standorten betreibt.

«Wir sind frappiert von den Parallelen zu Fukushima», sagt Roland Ries, Bürgermeister von Strassburg der Nachrichtenagentur dapd. «Die Reaktoren in Fukushima sind seit 30 Jahren am Netz, gerade erst wurde die Laufzeit um 10 Jahre verlängert. Bei uns ist Fessenheim auch seit rund 30 Jahren am Netz. Und auch bei uns soll die Laufzeit um 10 Jahre verlängert werden. Wir sind für die Schliessung.» Ries legt nach: «Auch bei uns gibt es Erdbeben. Das Beben von Basel war erst 1356. Und Hochwasser kann es auch am Rhein geben.»

Ebenso wie in Deutschland spielen aber auch die Wahlen eine grosse Rolle. «Wir wollen die Frage im Präsidentschaftswahlkampf 2012 thematisieren. Die Sozialistische Partei ist für eine Begrenzung beim Atomstrom», sagt Ries. In genau einem Jahr, im April 2012, muss sich der konservative Präsident Nicolas Sarkozy den Wählern stellen. In einer Umfrage war er Anfang März so unpopulär wie noch nie seit seiner Wahl 2007. Nur 32 Prozent der Befragten hatten eine positive Meinung von ihm.

Selbst Sarkozys Leute gegen Fessenheim

Der gesamte Strassburger Stadtrat stimmte nun für den Schliessungsantrag der örtlichen Grünen, einschliesslich der Vertreter der eigentlich atomfreundlichen Partei von Sarkozy, ähnlich wie jetzt in Deutschland CDU und FDP die Atomwende probieren. Nur ein Volksvertreter enthielt sich. Fessenheim sei nicht nur alt, sondern habe auch vier Mal so viele Störfälle erlebt wie der Durchschnitt der französischen Atomkraftwerke, heisst es in dem Beschluss. Strassburg folgte damit den Forderungen der Schweizer Kantone Basel-Stadt, Baselland und Jura.

Warum beginnt die französische Atom-Debatte ausgerechnet hier? Das lange zwischen Deutschland und Frankreich umstrittene Elsass ist traditionell eine Hochburg der Umweltschützer. Bereits vor genau 40 Jahren, im April 1971, demonstrierten dort erstmals Franzosen gegen den Baubeginn eines Atomkraftwerkes, eben gegen Fessenheim. Bereits im März 1973 kandidierte der erste Umweltschützer bei einer französischen Parlamentswahl, Antoine Waechter in Mülhausen/Elsass, wenige Kilometer von Fessenheim entfernt. Er erhielt 2,9 Prozent.

Fessenheim als Vorbild für deutsche Proteste

Der Fessenheim-Protest der Elsässer war Vorbild für die deutschen Bürgerinitiativen 1974/75, die den Bau des Atomkraftwerkes Wyhl am Kaiserstuhl auf der deutschen Rheinseite verhinderten.

Allerdings wuchsen die französischen Grünen und ihre Ideen nur mühsam von unten ins politische System hinein. Das deutsche Verhältniswahlrecht begünstigte das, das französische Mehrheitswahlrecht bremste. Auch haben die Kommunen und Regionen nicht das gleiche Gewicht wie die deutschen Gemeinden und Länder.

Ausserdem ist der Atomstrom in Frankreich eine Staatsaffäre. «Er geht auf den General de Gaulle zurück und ist eine strategische Entscheidung», sagt einer der Befürworter, Philippe Marini, Senator des Départements Oise und Parteifreund Sarkozys. De Gaulle verschaffte Frankreich gegen den Widerstand der Amerikaner und Briten in den 60er Jahren eine eigene Atombombe. Die Techniker des dafür aufgebauten Commissariat à l'Energie Atomique (CEA) halfen danach bei der Entwicklung eigener Atomkraftwerke.

Mitterrand und die Atombombe

Die bekamen nach der Ölkrise 1974 einen besonderen Schub, weil Electricité de France seit den 50er Jahren viele Ölkraftwerke gebaut hatte, die dann unwirtschaftlich wurden. Electricité de France baute Atomkraftwerk auf Atomkraftwerk und förderte Tagstrom-Heizungen für den Absatz. Einsprüche der Bevölkerung bügelten die Verwaltungsgerichte ab. Schockiert bliesen die Atomkraftgegner ihre Demonstrationen ab nach dem Tod eines Teilnehmers 1977 am Schnellen Brüter Creys-Malville an der Rhone bei Lyon.

1981 im Mai wurde der Sozialist François Mitterrand Präsident. Er hatte zuvor seinen Frieden mit der Atombombe und der Atomkraft gemacht. Genauso wie die Kommunistische Partei, deren Gewerkschaft CGT direkt von EDF finanziert wurde, weil ihre Mitarbeiter dort Mitglieder waren. Die traditionelle Linke griff also das Thema nicht auf, anders als in Deutschland. Als vor genau 25 Jahren der Reaktor in Tschernobyl explodierte, erklärte die Regierung kühl, die radioaktive Wolke aus dem Osten habe genau am Rhein haltgemacht.

Heute aber sind erste Risse im Atomkonsens zu sehen. Météo France gehörte zu den ersten Institutionen, die darauf hinwiesen, dass die radioaktive Wolke aus Fukushima über den Pazifik und die USA bis nach Europa geweht ist. EDF ist mittlerweile bei der Windkraft eingestiegen. Und Fessenheims Reaktor Nr.2 wird kommenden Woche tatsächlich abgeschaltet. Allerdings nur für eine grosse Revision. (Harald Schultz, dapd)

Erstellt: 14.04.2011, 11:07 Uhr

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