Wenn Männer zu sehr poussieren

Frankreich führte die Sexismus-Debatte wegen der Affäre Strauss-Kahn bereits vor eineinhalb Jahren. Seit dem Wahlsieg von Hollande stehen die Zeichen auf Veränderung – auch wenn es unter Politikern Rückschläge gibt.

Seine Parteifreunde wollten den Vorfall in einem New Yorker Hotel zunächst als Kavaliersdelikt abtun: Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. (Archivbild)

Seine Parteifreunde wollten den Vorfall in einem New Yorker Hotel zunächst als Kavaliersdelikt abtun: Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. (Archivbild) Bild: Keystone

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Das Wort Charmeur kommt aus dem Französischen und bedeutet so etwas wie Herzensbrecher. «Zu sehr Charmeur» sei allerdings Rainer Brüderle gewesen, schreibt die französische Zeitung «Le Figaro» über den Fall des deutschen FPD-Fraktionschefs und die Sexismus-Debatte, die er in Deutschland auslöste. Frankreich führte eine ähnliche Diskussion bereits vor gut anderthalb Jahren. Damals wurde der französische IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn in New York in Handschellen abgeführt, weil ihm ein Zimmermädchen versuchte Vergewaltigung vorwarf.

Als Kavaliersdelikt wollten einige von Strauss-Kahns Parteifreunden die Affäre zunächst abtun. Doch solche Macho-Sprüche liessen sich die Frauen nicht mehr gefallen. «Wir sind wütend, aufmüpfig und empört», schrieben mehrere Frauenrechtsorganisationen im Mai 2011 in einer Petition. Der Text prangerte «sexistische und reaktionäre Reflexe» bei einem Teil der französischen Eliten an.

Täglich Andeutungen und schmutzige Witze

In der Tat meldeten sich nach der Affäre Strauss-Kahn mehrere Frauen zu Wort, die von plumper Anmache beispielsweise durch Abgeordnete berichteten. «Es gab täglich Anspielungen auf mein Aussehen, sexuelle Andeutungen oder schmutzige Witze», sagte beispielsweise die Gründerin der Anti-Korruptionsorganisation Anticor, Séverine Tessier, über ihre erste Zeit als Assistentin eines Parlamentariers. Über solche Anspielungen hinaus ging das Verhalten des Staatssekretärs Georges Tron, der Frauen zur Fussmassage gezwungen haben soll und deshalb zurücktreten musste.

Mit dem Wahlsieg der Sozialisten im Mai verbanden Frauenorganisationen die Hoffnung, dass sich auch im Land der Charmeure etwas ändert. Und in der Tat löste François Hollande sein Versprechen ein und besetzte sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen. Ausserdem schuf er nach 25 Jahren wieder ein eigenes Frauenministerium, das er der damals erst 34-jährigen Najat Vallaud-Belkacem anvertraute.

Die engagierte Ministerin setzte bereits vor der Sommerpause zusammen mit Justizministerin Christiane Taubira ein neues Gesetz gegen sexuelle Belästigung durch. Darauf steht nun in Frankreich bis zu 30'000 Euro Bussgeld und bis zu zwei Jahre Haft – eine Verdopplung der bisherigen Strafe. Als Nächstes will Vallaud-Belkacem Sexismus im Internet unter Strafe stellen.

Abgeordnete johlen beim Anblick eines Sommerkleids

Doch am Verhalten der Abgeordneten in der Nationalversammlung hat sich auch mit dem Machtwechsel nicht viel geändert. Erst im Juli johlten die Parlamentarier, als Wohnungsbauministerin Cécile Duflot in einem blau geblümten Sommerkleid am Mikrofon erschien. Duflot konterte mit den Worten: «Ich bin bestürzt über dieses Verhalten. So etwas habe ich nicht einmal im Baugewerbe erlebt».

Die Grünen-Politikerin ist in guter Gesellschaft: Die Ex-Ministerin Chantal Jouanno verriet im Zuge der Sexismus-Diskussion um Strauss-Kahn, dass sie wegen Pöbeleien nicht mehr im Rock in die Nationalversammlung komme.

«Der Machismus ist nicht mehr so stark und dreist wie früher. Die Männer beobachten sich gegenseitig. Aber er ist hinterhältiger und immer noch da», sagte die Ex-Ministerin Roselyne Bachelot im vergangenen Sommer in einem Interview mit der Zeitschrift «Elle». Die konservative Politikerin, die 1988 zu den sechs Prozent Frauen in der Nationalversammlung gehörte, freut sich über den derzeitigen Frauenanteil von knapp 30 Prozent. Doch sie weiss auch: «Der Kampf gegen den Machismus ist einer, der nie zu Ende ist».

Erstellt: 01.02.2013, 06:13 Uhr

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