Wenn Putin den Gashahn zudreht

Europa sucht verzweifelt nach Alternativen zum Gas aus Russland. Die gibt es. Ausserdem sind die Speicher randvoll. Der Schweiz könnten bei einem längeren Lieferstopp aber 25 Prozent des benötigten Gases fehlen.

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Mit zunehmender Eskalation zwischen der Ukraine und Russland einerseits und dem Westen und Russland andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit von Lieferausfällen bei russischem Gas. Seit Juni liefert Russland kein Gas mehr an die Ukraine, es will seinen Verpflichtungen gegenüber Europa aber auch während des kommenden Winters nachkommen.

Mit der wachsenden Unterstützung der Separatisten setzt die Regierung um Präsident Wladimir Putin den Westen unter Zugzwang, seine Sanktionen wie vorgezeichnet zu verschärfen. Die nächste Drehung an der Schraube wurde bereits angekündigt. Die EU könnte noch vor Beginn des Nato-Gipfels am Donnerstag eine Entscheidung treffen. Auch wenn diese für Russland noch nicht so schmerzhaft sein dürfte, dass es sich gedrängt sähe, die Gaskarte zu spielen, so dürfte Putin bei einer weiteren Eskalation früher oder später mit seinem grössten Trumpf zumindest drohen.

Erst am Freitag ist ein Vermittlungsversuch von EU-Energiekommissar Günther Oettinger im Streit zwischen Kiew und Moskau um die Begleichung alter Rechnungen und um den Preis für künftige Gaslieferungen gescheitert. Ein neues Spitzentreffen könnte zwar Mitte September stattfinden, verlautete gestern von der EU-Kommission. Europa muss sich aber auf das mögliche Szenario eines Lieferunterbruchs während des Winters einstellen. «Wir sind sehr beunruhigt wegen der Versorgung Südosteuropas im Winter», sagt eine mit dem Notfallplan der EU-Kommission vertraute Quelle gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Volle Speicher – exponiertes Finnland

Die EU erwägt ein Exportverbot für Flüssiggas und Einschränkungen für den industriellen Gebrauch von Gas. Privathaushalte sollen im Fall von Engpässen prioritär bedient werden. Gasnetzbetreiber haben sich ebenfalls vorbereitet, indem sie die Gasspeicher füllten. Sie sind nun zu 90 Prozent voll. Gemäss Reuters lagern damit europaweit zurzeit 70 Milliarden Kubikmeter Erdgas, was 15 Prozent des gesamten europäischen Jahresbedarfs entspricht.

Nicht alle Regionen wären gleich betroffen. Deutschland könnte laut einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) fünf Monate lang ohne russisches Gas auskommen, berichtet «Spiegel online». Finnland hingegen hätte schon nach einem Monat ein Problem. Das Land hängt wie die drei baltischen Staaten vollständig von russischem Gas ab, wie eine Aufstellung des niederländischen Clingendael International Energy Programme zeigt. Vor allem in Osteuropa beziehen zahlreiche Staaten den grössten Teil ihres Gases vom staatlich kontrollierten Gazprom-Konzern.

Schweiz: Unterversorgung von bis zu 25 Prozent

In der Schweiz liegt der russische Marktanteil bei 23 Prozent. Der Verband der schweizerischen Gasindustrie sorgte sich noch vor einigen Wochen nicht über einen möglichen Lieferstopp aus Russland, auch weil die Schweiz über mehrere Pipelines aus verschiedenen Richtungen Gas beziehen kann. Gemäss der Studie des EWI müsste man hierzulande ab dem sechsten Monat eines Lieferboykotts jedoch mit einer Unterversorgung von 10 bis 25 Prozent rechnen.

Das Gasgeschäft ist langfristig ausgelegt. Der Bau neuer Pipelines dauert Jahre, auch die Errichtung von Hafenterminals und Einspeisestationen für Flüssiggas (LNG) ist eine langwierige Angelegenheit. LNG kann über die Weltmeere verschifft werden – und ist deshalb ein Hoffnungsträger für mehr Unabhängigkeit von Russland. In Litauen, das jetzt zu 100 Prozent von russischem Gas abhängt, steht eine solche Anlage kurz vor der Vollendung. Kernstück ist ein speziell konstruiertes Schiff aus Südkorea, das die Geräte beherbergt, mit denen das Flüssiggas wieder verflüchtigt wird. Damit der neue Terminal noch vor Ende des Jahres ans Netz kann, wird rund um die Uhr daran gearbeitet.

Unterstützung kann Europa auch aus Algerien erwarten. Am Montag gab der norwegische Konzern Statoil bekannt, dass seine Anlage in Aménas bis zum Jahresende wieder ihre Kapazität von 9 Milliarden Kubikmeter erreichen wird. Nach einem Überfall islamistischer Geiselnehmer mit 69 Toten im Januar 2013 lag die Produktion still. Von Algerien führen zwei Pipelines nach Europa, eine nach Spanien, eine nach Italien. Über die italienische Pipeline, die offenbar schon nah am Limit läuft, könnten bis zu 5 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Gas nach Europa fliessen, schätzt der Brüsseler Wirtschafts-Thinktank Bruegel. Über die Iberische Halbinsel kann kein Gas in andere europäische Länder weitergeleitet werden.

Potenzial von 190 Milliarden Kubikmetern

Die 5 Milliarden Kubikmeter, die zusätzlich nach Italien fliessen könnten, sind natürlich nur ein kleiner Teil der 161 Milliarden Kubikmeter, die Russland im letzten Jahr nach Europa geliefert hatte (30 Prozent des Gesamtverbrauchs). Deutlich mehr könnten laut der Schätzung von Bruegel Norwegen und die Niederlande helfen. Beide sollen imstande sein, ihre Erdgasproduktion um je 20 Milliarden Kubikmeter zu steigern. Flüssiggas könnte zusätzlich bis zu 60 Milliarden Kubikmeter ersetzen.

Die Länder, die auch über alternative Wärme- und Stromerzeugungsanlagen verfügen, könnten zudem Kohle und Öl statt Gas einsetzen. So sollen 65 Milliarden Kubikmeter Gas zumindest zeitweise ersetzbar sein. Schliesslich könnten auch die Haushalte einen Beitrag leisten und weitere 20 Milliarden Kubikmeter sparen. Alle diese Massnahmen zusammen entsprächen einem Potenzial von 190 Milliarden Kubikmeter und könnten damit die russische Lieferung kompensieren. Das Szenario, das diesen Frühling erstellt wurde, rechnete jedoch mit einem Zeithorizont von einem Jahr. Das heisst, das Potenzial würde in diesem Winter noch nicht in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Die meisten Länder sollten dank der vollen Speicher trotzdem über die Runden kommen. Prekär könnte es laut dem EWI aber schon nach wenigen Monaten in Finnland und Polen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2014, 08:14 Uhr

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