Wenn die Werbung weg ist

Warum ein Plakatverbot im öffentlichen Raum die Städte schöner macht.

In São Paulo fällt der Blick beim Frühsport auf eine weitgehend werbefreie Stadt. Foto: Nacho Doce (Reuters)

In São Paulo fällt der Blick beim Frühsport auf eine weitgehend werbefreie Stadt. Foto: Nacho Doce (Reuters)

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Grenoble macht sich frei. Die französische Alpenstadt mit 150'000 Einwohnern verbannt die Werbung von ihren Strassen. 326 Anzeigetafeln werden in den nächsten Monaten weggeräumt. «Unsere Bewohner möchten den öffentlichen Raum selber gestalten», sagt der grüne Stadtpräsident.

In Europa ist das einmalig, weltweit kann sich Grenoble auf mehrere Vorbilder berufen. Vier US-Bundesstaaten haben ihre Plätze seit langem für Werbeschilder gesperrt. Die strengste Regel hat wohl São Paulo. Das Verbot, das die brasilianische Metropole 2007 beschloss, umfasst alle privaten Plakatwände, selbst jene an Taxis, Trams und Läden. Bei der Umsetzung verteilten die Behörden 8 Millionen Dollar Bussen.

Im Gegensatz zu anderen Werbeformen kann man Plakaten nicht aus­- weichen. Sie drängen ins Blickfeld, ob man will oder nicht. Das ist wie Privatfernsehen ohne Umschaltknopf.

Betrachter bekommen bei Plakaten zudem wenig zurück für ihre Aufmerksamkeit. Andere Werbeformate liefern einen Gegenwert: günstige Zeitschriften und Kinoeintritte, Blockbusterfilme. In Zürich zum Beispiel bringen die rund 2200 Plakate auf öffentlichem Grund pro Jahr 2,2 Millionen Franken Mieteinnahmen ein. Am Gewinn der 6000 Anzeigen an Privathäusern ist die Öffentlichkeit nicht beteiligt. Das stört die Linke, den Stadtrat weniger.

Der Haupteinwand ist aber ein ästhetischer. Fotos aus São Paulo, die vor und nach dem Verbot aufgenommen wurden, machen Eindruck: Wo farbige Schriften die Häuser über­- deckten, erscheinen plötzlich kahle Fassaden. Eine Stadt im FKK-Zustand.

Verbotskritiker warnen gerne vor Verödung. Ohne die «Werbekunst» würden sich die Leute langweilen und einsam fühlen. In São Paulo hat sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet. 70 Prozent der Einwohner sagten bei einer Umfrage 2011, dass sie das Verbot begrüssen. Die Stadt komme erst jetzt richtig zur Geltung. Offenbar schätzen Brasilianer die architektonischen Problemzonen, welche Plakate vorher verdeckten: Brandmauern, Betonwände, Baugerüste.

So viel Nacktheit will Grenoble seinen Bewohnern nicht zumuten. Anstelle der Plakatwände werden an vielen Orten Bäume gepflanzt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.11.2014, 19:29 Uhr

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