Wenn es die Linke vermasselt

Nicht nur in der Schweiz, auch in Grossbritannien musste die Linke, nach einem erfolgreichen Start, herbe Schläge einstecken.

Jeremy Corbyn beim verlassen seines Hauses in London. Foto: Keystone

Jeremy Corbyn beim verlassen seines Hauses in London. Foto: Keystone

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Es ist kein Zufall, dass Sturheit und fehlendes Gefühl für das Machbare innerhalb weniger Tage linke Ambitionen gleich zweimal frühzeitig beerdigen. Im Kleinen bei den Schweizer Bundesratswahlen und in weit dramatischerem Ausmass bei Labours Wahldesaster in Grossbritannien.

Jeremy Corbyns’ Niederlage gehört zu den unnötigsten überhaupt. Schliesslich hatte Amtsinhaber Boris Johnson mit seinem Frontalangriff aufs Parlament seine konservative Mehrheit im Herbst bereits verspielt.

Wollte nicht pragmatisch sein

Ein Labour-Chef, gesegnet mit einem Minimum an Verhandlungsgeschick und Pragmatismus, wäre heute Premierminister – ganz ohne Zwischenwahlen und mit der Option auf ein zweites Referendum zum Brexit. Doch hier liegt das eigentliche Problem: Corbyn konnte und wollte nicht pragmatisch sein. Sein Aufstieg vom linken Aussenseiter zum Labour-Chef gründet ja gerade im Verschmähen von Pragmatismus als Vorstufe der Korruption.

Für die Schweizer Grünen waren die Vorzeichen weniger günstig, doch auch hier fällt auf, dass die Partei­spitze noch nicht einmal den Versuch unternahm, bei den Mehrheitsmachern in der politischen Mitte nach tragfähigen Lösungen zu sondieren. Lieber ging man in Schönheit unter und attackiert nun jene, die nicht von alleine zur reinen Lehre finden.

Ich bin mir bewusst, dass die hier vorgebrachte Kritik einseitig ist. Denn was, wenn nicht Sturheit und Kompromisslosigkeit haben Donald Trump, Boris Johnson und in etwas anderem Kontext auch Christoph Blocher an die Macht gebracht? Sie alle haben Pragmatismus abgewertet, in die Nähe von Korruption gerückt und waren erfolgreich damit. Viele Linke hatten sich in den vergangenen Jahren erhofft, dass ein kompromisslos linker Kurs ein ebensolches Erfolgsversprechen sei. Das Problem ist einzig, dass das, was rechts funktioniert, sich links nicht replizieren lässt.

Unterschiedlichen Kernversprechen

Zwar sind die Begriffe «links» und «rechts» sprachlich symmetrisch, inhaltlich sind sie es nicht. Methoden, die rechts erfolgreich sind, sind links bisweilen kontraproduktiv. Dies liegt am unterschiedlichen Kernversprechen an die Wählenden.

Das linke Versprechen ist der Einsatz für eine bessere und gerechtere Welt. Das rechte Versprechen dagegen ist der Schutz vor einer Welt, die auch in Zukunft schlecht und ungerecht bleibt. Das linke Versprechen bedingt, dass die Bevölkerung in die Politik vertraut. Für rechte Wahlerfolge kann Misstrauen dagegen ein wirksames Schmiermittel sein.

Genau das haben sich Figuren wie Donald Trump und Boris Johnson zunutze gemacht. Sie schaffen ein Klima von Unmut und Verunsicherung und bieten sich selber als starke Männer und als Lösung an. Es mag unfair sein, doch an potenzielle Magistratinnen und Magistraten aus dem linken Spektrum werden andere und wohl auch höhere Anforderungen gestellt.

Der linke Bürgerschreck ist kein Erfolgsmodell

Wer eine bessere und gerechtere Welt verspricht, braucht hierfür einen Vertrauensüberschuss der Bevölkerung. Trump hat den rechten Bürgerschreck massentauglich gemacht. Der linke Bürgerschreck dagegen war noch nie und wird auch nie ein Erfolgsmodell.

Die Angst vieler Linker vor zu viel Kompromissfähigkeit und Pragmatismus geht letztlich auf den dritten Weg von Blair und Schröder zurück. Zu Recht wird kritisiert, dass deren Erfolge zu einem gewissen Grad mit einem Verrat an linken Kernwerten erkauft worden seien. Doch je länger die Zeit vergeht, desto weniger taugen Blair und Schröder als Begründung für heutige Misserfolge. Gerade der Fall Corbyn, aber auch die aus grüner Sicht verunglückten Bundesratswahlen machen deutlich, dass Kompromiss­losigkeit alleine nicht zielführend ist.

Dabei könnte die Linke von der Rechten durchaus etwas lernen – nämlich den untrüglichen Instinkt für die Mechanik der Macht. Auch in dieser Frage gehört eine gewisse Skepsis zum Kernversprechen der Linken.

Doch ohne Einfluss und Macht lässt sich auch eine bessere und gerechtere Welt nur schwerlich gestalten.

Erstellt: 16.12.2019, 21:12 Uhr

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