Hintergrund

Wer einen Wasseranschluss will, muss zahlen

Die ungarische Stadt Ozd öffnet die Brunnen für Roma wieder – aber nur rund die Hälfte und mit stark gedrosseltem Durchfluss. Auch die von der Schweiz finanzierten Leitungen werden die Roma-Häuser nicht erreichen.

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Ferenc Bíró hat ein Fax von der Katastrophenbehörde bekommen: Die Hitzewarnung bleibt bestehen, auch in den nächsten Tagen sind in Ungarn Temperaturen bis zu 40 Grad zu erwarten. «Wir werden die Brunnen also offenhalten», sagt der Chef der Wasserwerke von Ozd: «Zumindest über das Wochenende. Danach muss der Bürgermeister entscheiden, ob sie wieder gesperrt werden.» Ozd liegt im Nordosten Ungarns, nahe der slowakischen Grenze. Die Industriestadt geriet in die Schlagzeilen, weil der Gemeinderat beschloss, öffentliche Brunnen stillzulegen oder zumindest die Wasser-Durchlaufmenge radikal zu drosseln (TA vom Mittwoch).

Die Entscheidung traf ausschliesslich die 16 Roma-Quartiere der Kleinstadt, die in Ungarn «Segregate» genannt werden. Deren Häuser haben keinen Anschluss an das Wasserleitungsnetz, die Menschen müssen sich aus Brunnen versorgen. In der Siedlung Hétes beispielsweise hatten die 400 Bewohner zwei Brunnen. Einer wurde vergangene Woche ganz stillgelegt, ein anderer gedrosselt. Und das mitten in der Hitzewelle. Nachdem ungarische und ausländische Medien über die restriktive Wasserpolitik berichtet hatten, zog Innenminister Sándor Pinter die Notbremse und ordnete die vollständige Öffnung der Brunnen an. Die Gemeinde Ozd folgt dieser Anordnung aber nur teilweise. Von den 27 gesperrten Brunnen wurden gestern nur 15 wieder geöffnet, bestätigt Wasserwerke-Chef Bíró. Und auch bei diesen fliessen jetzt, mit einer Ausnahme, nicht mehr 50, sondern nur 5 Liter pro Minute.

Bíró verteidigt seine Massnahme: In den Roma-Quartieren sei das kostbare Trinkwasser verschwendet worden, zum Autowaschen und Befüllen von Planschbecken: «Diesen Missbrauch haben wir jetzt abgestellt.»Bíró leitet auch ein für Ozd besonders wichtiges Infrastrukturprojekt, das von der Schweizer Osthilfe bezahlt wird: Die Erneuerung der Wasserleitungen. 30 Kilometer der alten Wasserrohre aus Asbestbeton werden ersetzt, 4,7 Kilometer Rohrleitungen neu gebaut. Auch ein Reservoir wird errichtet, um die Versorgung in Notfällen zu sichern. Die Schweiz zahlt dafür 7,1 Millionen Franken. 2010 wurde das Projekt beschlossen, «im Frühjahr 2015 wollen wir das Projekt abschliessen», sagt Bíró. Er betont die strengen Qualitätskriterien der Schweizer Partner und die starke Kontrolle: Die Ausschreibung werde von Transparency International begleitet.

Ein Brunnen für 50 Menschen

Das Schweizer Aussenministerium kündigt in der Projektbeschreibung an, dass alle 38 000 Einwohner der Stadt von der Sanierung profitieren würden sowie 3500 Menschen, die Hälfte von ihnen Roma, von neuen Wasseranschlüssen. Das ist aber keineswegs gesichert. Denn saniert werden mit dem Schweizer Geld nur die Hauptstränge unter den Strassen. Die Hausanschlüsse müssen die Bewohner selbst bezahlen. Die Kosten von 90'000 Forint (circa 350 Franken) entsprechen etwa der monatlichen Sozialhilfe für eine Familie. Allerdings sind auch Ratenzahlungen möglich: Wer bis zum 30. September einen Wasseranschluss beantragt, bekommt von der Gemeinde 24'000 Forint Zuschuss.

«Natürlich hätte ich gerne einen eigenen Wasseranschluss», sagt Margareta Berki, die mit ihrem Mann und drei Kindern in einer kleinen Roma-Siedlung lebt. «Aber ich habe Angst, dass ich nicht die Raten und zugleich die Wasserrechnung bezahlen kann.» Berkis Haus steht zwischen der Fabrikmauer des stillgelegten Stahlwerks, Schlackenhalden, rostigen Rohren und überwachsenen Schienen.

Ozd war einmal ein Zentrum der ungarischen Schwerindustrie; viele Roma zogen hierher, weil sie als Ungelernte Arbeit fanden. Nach der Wende schloss das Stahlwerk – die gelernten Arbeiter zogen weg, die Roma blieben in den alten Werksiedlungen zurück. Die Arbeitslosigkeit beträgt über 30 Prozent. Margareta Berki muss sich mit 50 Mitbewohnern einen Brunnen teilen. Bereits frühmorgens steht sie Schlange und sieht zu, wie das Wasser langsam in die Kanister rinnt. Schon um acht Uhr brennt die Sonne vom Himmel. Nein, sagt Berki, so könne man nicht leben: «Aber was sollen wir tun? Uns wird viel versprochen, aber nichts gehalten.»

Die Sozialarbeiterin Kriszta Bódis sieht noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu einem eigenen Wasseranschluss: Viele Roma zahlten zwar Miete, lebten aber illegal in ihren Häusern. Ohne Meldezettel könnten sie keinen Wasseranschluss beantragen.Gegen Mittag steigt die Temperatur in Ozd auf fast 40 Grad. Ein Spritzwagen macht die Strassen nass, auch das gehöre zu den Massnahmen, die der Katastrophenschutz anordnete, sagt Wasserwerke-Chef Bíró. Er will dem Reporter aus der Schweiz beweisen, dass die geringe Durchflussmenge der Brunnen kein Problem sei und fährt in ein Segregat am Stadtrand. Dort füllt er mit Kollegen einen Kübel und misst die Zeit: «1 Minute und 50 Sekunden», sagt er zufrieden und schüttet das Wasser auf die Strasse. Roma-Kinder stehen daneben und schauen verblüfft. Autos sind hier keine zu sehen, Planschbecken auch nicht.

«Wassermangel? Sicher nicht!»

Ein Mann mit nacktem Oberkörper will seinen Kanister füllen. Er ist froh, dass der Brunnen zumindest wieder etwas Wasser hergibt, in den vergangenen Tagen musste er 500 Meter bis zur nächsten Wasserstelle zurücklegen. Von der Schweizer Hilfe hat er noch nichts gehört. Er wird auch nicht von ihr profitieren. Nein, sagt Bíró, «hier werden die Leitungen nicht erneuert, hier ist das nicht notwendig». In seinem Büro hängt ein Plan der von der Schweiz finanzierten Sanierung der Wasserleitungen. In Rot und Blau sind Rohre eingezeichnet, die getauscht werden, in Orange jene, die neu verlegt werden. Die vielen dünnen schwarzen Linien sind alte Rohre, die bleiben. Zu fast allen Roma-Quartieren führen schwarze Linien.

Als das Stahlwerk noch in Betrieb war, verbrauchte Ozd 6 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Heute sind es etwa 1,3 Millionen. Das Reservoir und die Leitungen sind immer noch für die alten Mengen ausgelegt. Wassermangel? Die Wasserwerker lachen: «Nein, so etwas hat es hier noch nie gegeben.»

Erstellt: 09.08.2013, 10:36 Uhr

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