Wettlauf der Flüchtlinge

Der Sudanese Abdul Haroun, der zu Fuss durch den Eurotunnel kam, erhält in Grossbritannien Asyl.

Er hatte mehr Glück als andere: Abdul Haroun verlässt das Gefängnis, nachdem er Asyl erhalten hat.

Er hatte mehr Glück als andere: Abdul Haroun verlässt das Gefängnis, nachdem er Asyl erhalten hat. Bild: Reuters

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Am Ende des Tunnels wartete die Polizei. Zwölf Stunden hatte Abdul Haroun, Flüchtling aus dem Sudan, bis nach England gebraucht. Als offenbar erster Einwanderer ging er zu Fuss durch den 50 Kilometer langen Eisenbahntunnel, der Frankreich und Grossbritannien verbindet.

Die Reise muss furchtbar gewesen sein. Im Tunnel herrscht fast vollständige Dunkelheit, an manchen Stellen sind die Züge mit 160 Stundenkilometern unterwegs. Die Briten griffen Haroun auf den Schienen auf, nicht im parallel verlaufenden Servicestollen. Das war im August. Haroun kam ins Gefängnis. Wegen «bösartiger Beschädigung» von Eisenbahnanlagen, welche ein Gesetz von 1861 mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft.

Tunnelbetreiberin befürchtet Nachahmer

Diese Woche durfte er seine Zelle verlassen – auf Kaution. Haroun habe am Heiligabend Asyl in Grossbritannien erhalten, erklärte die Staatsanwaltschaft; das verändere alles. Wahrscheinlich wird die Klage eingestellt. Die örtliche Flüchtlingshilfe hat Haroun ein Zimmer besorgt. Dort muss er gemäss Gericht jeden Abend anzutreffen sein. Einmal pro Tag muss er sich bei den Behörden melden. Am 18. Januar soll dann das endgültige Urteil fallen.

Keine Freude am Asylbescheid für Abdul Haroun hat die Betreiberin des Tunnels, die in Paris beheimatete Firma Eurotunnel. «Er hat nicht nur dem Eurotunnel und vielen Fracht- und Zivilpassagieren erhebliche Störungen beschert, sondern sein eigenes Leben und das von anderen gefährdet», erklärt das Unternehmen in einem Communiqué. Dass Haroun jetzt mit Asyl belohnt werde, ermuntere Nachahmer. Unweit des Tunneleingangs im französischen Calais campieren seit Monaten Tausende Migranten. Sie wollen nach Grossbritannien. Mehrfach ging die Polizei schon gegen Anstürme auf den Tunnel vor. Abdul Haroun scheint der Einzige zu sein, der es zu Fuss hinein- und hindurchgeschafft hat.

Braucht es Höchstleistungen für unser Mitgefühl?

Über die Biografie des Mannes ist wenig bekannt. 40-jährig soll er sein, und gemäss Staatsanwaltschaft ist seine Muttersprache Zaghawa, was bedeuten könnte, dass er aus der Bürgerkriegsregion Darfur stammt. Als er am Montag das Gefängnis auf der Themse-Insel Sheppey verliess, nahmen ihn Mitarbeiter der lokalen Flüchtlingshilfe in Empfang. «Wir freuen uns. Er soll glücklich werden im Vereinigten Königreich», sagte eine Sprecherin der Gruppe.

Haroun hat mehr Glück als andere. Die britische Regierung verfolgt eine harte Linie gegenüber illegalen Einwanderern; der Streit um die Aufnahme von Flüchtlingen ist mit ein Grund für die Volksabstimmung über den EU-Austritt, die Premierminister David Cameron vorbereitet.

Dass Haroun bleiben und aus dem Gefängnis darf, ist ihm zu gönnen. Doch ein ungutes Gefühl bleibt. Tausende rennen, einer kommt durch: Braucht es jetzt Höchstleistungen für unser Mitgefühl? Staffelschwimmen im Mittelmeer? Die Flüchtlingskrise ist keine Castingshow.

Erstellt: 06.01.2016, 21:20 Uhr

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