Wie Kuba, bloss ohne Sonne

100 Tage nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» schwelt die Krise in Frankreich weiter.

Gespalten zwischen alter Selbstherrlichkeit und neuen Minderwertigkeitskomplexen: Frankreich in Gefahr. Foto: Reuters

Gespalten zwischen alter Selbstherrlichkeit und neuen Minderwertigkeitskomplexen: Frankreich in Gefahr. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frankreich geht es schlecht, kein Wachstum, keine Arbeit, zu wenig Investitionen, zu viele Schulden. Umfragen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Franzosen pessimistisch in die Zukunft blicken. Man nennt das «malaise», eine Art Unwohlsein mit sich selbst, ein Zustand nationaler Depression. Aber selbst daraus machen die Franzosen eine Kunst. Gespalten zwischen alter Selbstherrlichkeit und neuen Minderwertigkeitskomplexen, bedienen sie das nationale Selbstgefühl auf eine Weise, die alle Vertreter des «french bashing» blass aussehen lässt. Die Intellektuellen sagen nicht mehr, wo es langgeht, sie haben sich in Deklinologen verwandelt, die den Untergang voraussagen.

«Frankreich ist Kuba ohne Sonne», witzelte Emmanuel Macron, als er noch nicht Teil der Regierung Hollande war. Dann wurde er, jung und dynamisch, Wirtschaftsminister. Und das jüngst verabschiedete und nach Macron benannte Paket von Reformgesetzen wirkt nun ungefähr so, als wollten die Kubaner aufbrechen, ohne Fidel Castro wehzutun.Die Linke an der Macht wirkt machtlos und verfängt sich in Abwehrkämpfen gegen die extreme Rechte, deren Sprüche und falsche Versprechen immer weitere Kreise ziehen, weil sie von einer Nation träumen lassen, die sich auf sich selbst zurückzieht. Wo Grenzen wieder geschlossen werden, Globalisierung und Euro draussen bleiben müssen und Ausländer, die nicht Touristen sind, am besten auch. So viel zur Lage der Nation.

Sterben für ein Komma

Aber was, wenn Schluss damit wäre, was, wenn Frankreich durch den Terror so erschüttert worden wäre, dass es sich wieder auf seine Stärke besönne? «Was, wenn man Frankreich lieben würde». So, ganz ohne Frage­zeichen, lautet der Titel eines jüngst erschienenen Buches, dessen noch nicht ganz fertiges Manuskript der Wirtschaftsexperte Bernard Maris am 2. Januar an seinen Verlag geschickt hat. Fünf Tage später wurde er auf der Redaktionskonferenz von «Charlie Hebdo» ermordet.

Sein Buch ist eine posthume Liebeserklärung an ein Land, in dem man «für ein Komma sterben kann». Maris zitiert den Philosophen und Wahlfranzosen Emil Cioran, aber durch den bestialischen Mord, den die Attentäter des 7. Januar an ihm und seinen Kollegen verübten, ist er die traurige Verkörperung dieses Aphorismus geworden, ein Symbol für die französische Leidenschaft zur Sprache, für den Spass am Spiel des Denkens und das aufrechte Festhalten am Recht der freien Meinungsäusserung. Die Toten von «Charlie Hebdo» markierten eine Zäsur.

Damit ist ein Ende und zwangsläufig ein Neuanfang gemeint. Die Attacken auf die Redaktion der Satirezeitschrift und auf den koscheren Supermarkt in Vincennes und das vereitelte Attentat auf französische Katholiken vor einigen Tagen haben die Nation ins Mark getroffen.

Freiheit, Gleichheit

Als ob die Gesellschaft mit einem Mal begriffen hätte, was auf dem Spiel steht: das Erbe der Revolution, die Werte und Ideale der Republik, die so selbstverständlich schienen, dass man sie fast vergessen hätte. Der Angriff war so enorm, dass er die Republik im ersten Moment gestärkt hat. Millionen sind auf die Strasse gegangen. Die Attentate sorgten nicht nur für ein Gefühl des Zusammenhalts, sie halfen zur Besinnung auf das, was Frankreich am Ende zusammenhält, eben auf die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die – obwohl sie über jedem Schultor stehen – für viele längst nur noch leere Versprechen waren.

Gleichzeitig hat diese Attacke der Republik aber auch gezeigt, wo sie gescheitert ist, wo sie versagt hat, ja, wo ihr Modell nicht mehr zeitgemäss ist. Nicht alle waren Charlie. In Schulen, im Netz, auf den Bühnen haben sich vor allem junge Menschen verständnisvoll gegenüber dem Terror geäussert, sie haben sich mehr mit den Tätern identifiziert als mit den Opfern. Das ist alarmierend, weil es zeigt, dass sich die Republik sehr schnell zu Feinden macht, wen sie wirtschaftlich, sozial, kulturell ausschliesst.

Rigide gegen die Religion

Dies aber ist geschehen: Die Republik muss sich neu erfinden, weil ihr ­Modell, das alle Franzosen zu Republikanern machen wollte, Terroristen produziert. Es mag eine winzige ­Minderheit sein, aber eine mit fran­zösischem Pass, geboren und geworden in Frankreich. Aber nie dort ­angekommen.

Gründe dafür gibt es viele, und viele komplexe, aber das rigide französische Verständnis der Trennung von Staat und Kirche, die vielbeschworene Laizität hat die französische Einwanderungsgesellschaft entscheidend in eine Sackgasse geführt. Was ursprünglich als Prinzip der Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung angelegt war, ist immer mehr zu einem Prinzip von Einmischung und Überwachung geworden. Frankreich wollte alle ostentativen Zeichen der Religion aus dem öffentlichen Leben verbannen, ist dabei aber immer autoritärer und kompromissloser geworden.

Welche absurden Ausmasse das annehmen kann, hat das kurzzeitige Verbot eines Plakats für ein Konzert gezeigt, dessen Erlöse den «Christen des Orients» zufliessen sollten. Und während Schleier an französischen Schulen seit mehr als zwei Jahrzehnten strikt verboten sind, werden Schulen in bestimmten Zonen zu «glaubensreinen» Bereichen gemacht, wo nicht mal Lehrerinnen es noch wagen, Röcke zu tragen, und der Sportunterricht besser ausfällt, weil Mädchen nicht von Buben getrennt sind.

Frankreich geht durch eine entscheidende Phase. Die Frage lautet: Was, wenn man Frankreich lieben würde. Mit oder ohne Fragezeichen.

Erstellt: 01.05.2015, 22:18 Uhr

Artikel zum Thema

Er bereitete die Anschläge in der Studentenwohnung vor

Der 24-Jährige, der in Frankreich Anschläge auf Kirchen geplant hatte, war als Islamist bereits im Visier des Geheimdienstes – und konnte sich doch unbemerkt ein gewaltiges Waffenarsenal zulegen. Mehr...

Terrorverdächtiger von Paris war der Polizei bereits bekannt

Nach dem vereitelten Terroranschlag auf christliche Kirchen wird klar: der Verdächtige wurde ein Jahr zuvor als «Bedrohung für die Sicherheit» eingestuft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...