Hintergrund

Wie Sarkozy den «Wackelpudding» besiegen will

Der französische Präsidentschaftswahlkampf geht in die Schlussphase, es sieht nicht gut aus für den Amtsinhaber. Was tun in den letzten Tagen? Hollande spielt mit der Historie, Sarkozy macht einen Balanceakt.

«Volk Frankreichs, habt keine Angst. Die Sozialisten werden nicht gewinnen, wenn ihr beschliesst, dass ihr gewinnen wollt»: Nicolas Sarkozy.

«Volk Frankreichs, habt keine Angst. Die Sozialisten werden nicht gewinnen, wenn ihr beschliesst, dass ihr gewinnen wollt»: Nicolas Sarkozy. Bild: Keystone

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«Französinnen, Franzosen, helfen Sie mir!» Diesen Appell richtete Nicolas Sarkozy an seine Landsleute, als er am Wochenende bei der grossen Wahlkampfveranstaltung auf der Place de la Concorde in Paris auftrat. Hilfe kann Sarkozy tatsächlich gebrauchen, denn die Chancen auf seine Wiederwahl sind nicht gut. Gemäss einer aktuellen Prognose der Zeitung «Le Monde» kommen Sarkozy und sein sozialistischer Herausforderer François Hollande am nächsten Sonntag auf einen Wähleranteil von je 27,5 Prozent. Dennoch sehen alle Umfragen einen Sieg von Hollande bei der Stichwahl am 6. Mai voraus.

Trotzig lässt der Amtsinhaber verlauten, dass noch nichts entschieden sei, wie die Zeitung «Le Figaro» berichtet. Und er hält an seiner Strategie, die einem Balanceakt gleichkommt, fest. Für Sarkozy geht es darum, die Wähler auf der rechten Seite zu gewinnen, ohne die Wähler in der Mitte zu vergraulen. Vor allem im zweiten Wahlgang bräuchte Sarkozy eine grosse Zahl der Zentrumsstimmen, die im ersten Urnengang am nächsten Sonntag an François Bayrou gehen werden.

Zuerst Protestwähler und «schweigende Mehrheit», dann Bayrou-Wähler

In den letzten Tagen des Wahlkampfs sind noch drei bis vier Millionen Stimmen zu gewinnen, wie Strategen der Sarkozy-Partei UMP vorrechnen. Zusätzliche Stimmen sind vor allem bei den Protestwählern des rechtsextremen Front National zu holen, oder auch bei der «schweigenden Mehrheit», die weder rechts noch links steht. «Volk Frankreichs, habt keine Angst. Die Sozialisten werden nicht gewinnen, wenn ihr beschliesst, dass ihr gewinnen wollt», sagt Sarkozy seinen Landsleuten. Das Bayrou-Lager wird Sarkozy erst nach dem ersten Wahlgang ins Visier nehmen – obwohl im Wahlkampfteam des Präsidenten nicht alle diese Strategie unterstützen.

Bei seinen täglichen Wahlkampfveranstaltungen bis am kommenden Freitag wird Sarkozy vor allem über die Themen sprechen, die er am Sonntag bei seiner Rede auf der Pariser Place de la Concorde lanciert hatte, wie zum Beispiel die Verteidigung der nationalen Souveränität. Damit möchte der amtierende Präsident nicht zuletzt die vielen französischen EU-Skeptiker für sich gewinnen. An die Adresse von Brüssel droht Sarkozy nicht nur, die Grenzen dichtzumachen und den französischen Beitrag für den EU-Haushalt einzufrieren. Er verspricht zudem, bei einem Wahlsieg mehr Einsatz der Europäischen Zentralbank (EZB) für das Wachstum zu verlangen.

Schlagabtausch um Wachstumspolitik

Hollande hat dem Präsidenten inzwischen vorgehalten, er habe das angekündigt, was er fünf Jahre lang «nicht gemacht hat». Sarkozy habe das Wachstum während seiner Amtszeit «vergessen». Hollande betonte, dass er im Falle seines Wahlsieges das Wachstum voranstellen werde. Dazu will er den Fiskalpakt zur Haushaltsdisziplin in Europa nachverhandeln und um eine Wachstumskomponente ergänzen. Hollande bemüht sich auch um einen anderen Stil. So grenzt er sich vom aggressiv auftretenden Amtsinhaber ab, indem er sich als väterlicher Politiker inszeniert, der Zuversicht, Solidarität und Mitgefühl verkörpert. «Niemand wird fallen gelassen, jeder hat seinen Platz in Frankreich», pflegt Hollande zu sagen. Mit solchen Aussagen bedient Holland eine Sehnsucht der Franzosen. Zudem stellt er höhere Mindestlöhne in Aussicht.

Angesichts der Umfragen, die seinen Sieg voraussagen, markiert Hollande in zunehmender Weise Gelassenheit und Selbstbewusstsein. So stellt er sich in die Nähe von Jean Jaurés, einer mythologischen Figur in der Geschichte der sozialistischen Partei Frankreichs. Jaurés habe die «Synthese von Radikalität und Verantwortung» geschafft, sagte Hollande bei einer Veranstaltung am Montag, wie die Zeitung «Le Monde» berichtet. Ganz im Zeichen der Symbolik fand dieser Wahlkampfanlass in Carmaux statt – am Fusse eines Jaurés-Denkmals.

Hollande stellt sich in die Nähe von Mitterrand

In der Politik gehe es darum, bei der Realität zu beginnen, um den Weg zum Ideal zu gehen, erklärte Hollande weiter und spielte damit auf die angeblich unrealistischen Versprechen des Links-Kanidaten Jean-Luc Mélenchon an, bei dem er weitere Wähler holen will. Eine Formel predigt Hollande immer wieder: «Die Rechte kann nur gewinnen, wenn die Linke nicht einig ist.» Die Linke müsse schon im ersten Wahlgang einig sein. Das Resultat sei wichtig für die Dynamik des zweiten Wahlgangs. Es sei ein Unterschied, ob man mit einem Vorteil oder einem Handicap in die Stichwahl gehe.

Nicht zuletzt vergleicht Hollande die aktuellen Wahlen mit den Wahlen von 1981 – als François Mitterrand mit einem historischen Sieg für die Sozialisten in den Elysée-Palast einzog. Die Rechte versuche immer, einen Sieg der Sozialisten als Katastrophe für Frankreich darzustellen, spöttelt Hollande. «Damals sagten sie, dass Frankreich das Polen Westeuropas wird. Heute sagen sie, dass Frankreich Spanien wird.»

Nahkampf nach dem ersten Wahlgang

Trotz allem: Im Sarkozy-Lager lassen sie die Hoffnung nicht fahren – zumindest offiziell nicht. Die Berater des Präsidenten zitieren Umfragen, wonach Sarkozy mit einem Vorsprung von zehn Prozentpunkten als der bessere Krisenmanager als Hollande beurteilt wird. Zudem gehe es in den zwei Wochen vor der Stichwahl am 6. Mai endlich Mann gegen Mann. Und im Nahkampf, zu dem auch Duelle im Fernsehen gehören werden, werde Sarkozy den «Wackelpudding» Hollande noch gehörig in die Enge treiben.

Erstellt: 17.04.2012, 12:59 Uhr

«1981 sagten die Rechten, dass Frankreich das Polen Westeuropas wird, wenn die Sozialisten gewinnen würden. Heute sagen sie, dass Frankreich Spanien wird»: François Hollande. (Bild: Keystone )

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Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande liegt in fast allen Umfragen vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Hollande werden in der ersten Runde nach den jüngsten Umfragen zwischen 27 bis 30 Prozent vorhergesagt gegenüber 26 bis 28 Prozent für Sarkozy. In der Stichwahl am 6. Mai wäre Hollande mit 54 bis 57 Prozent der klare Sieger, Sarkozy läge abgeschlagen bei 43 bis 46 Prozent.
In Frankreich wird in zwei Runden am 22. April und 6. Mai ein neuer Präsident gewählt. (vin/afp)

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