Wie der Brexit die Rollen vertauscht hat

Grossbritannien gibt in den Brexit-Verhandlungen ein Bild der Schwäche. Doch die EU wird dadurch nicht unbedingt gestärkt.

Seit seiner Geburt ein Sorgenkind: Der Brexit und Theresa May am Karneval in Düsseldorf. Der Brexit Foto: Martin Meissner

Seit seiner Geburt ein Sorgenkind: Der Brexit und Theresa May am Karneval in Düsseldorf. Der Brexit Foto: Martin Meissner

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Vor 21 Monaten schlug das Ergebnis des britischen Referendums in Europa ein wie ein Blitz in eine alte Eiche, von der man doch glaubte, ihre Wurzeln würden bis in die Ewigkeit halten. Es lohnt sich durchaus, sich das noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Die Eliten reagierten derart sprachlos und die öffentliche Meinung so vollkommen überrascht, dass sich sogar sehr vernünftige Leute fragten – begleitet vom Grinsen der Populisten und EU-Gegner aller Art: Und wenn das womöglich der Anfang vom Ende der Europäischen Union ist?

21 Monate später, ein Jahr vor dem Tag, an dem Grossbritannien offiziell aus der Union austreten wird, muss man sich eigentlich täglich kneifen, um das glauben zu können, was man sieht: nämlich genau das Gegenteil dessen, was wir uns damals vorgestellt hatten.

Eine Karikatur der einstigen Grösse

Wir hatten uns schon seit vier Jahrzehnten daran gewöhnt – im Grunde seit Margaret Thatcher –, dass das Vereinigte Königreich am Ende immer das bekommt, was es will. Denn man versteht es dort ganz meisterhaft, effiziente Diplomatie mit starken wirtschaftlichen Argumenten und einer gewissen Böswilligkeit zu kombinieren. Heute jedoch kann man deutlich erkennen, dass der Sieg des Brexit das Ende dieses Zyklus bewirkt hat und den Beginn einer völlig entgegengesetzten Situation markiert. Gross­britannien bietet das wirklich erschütternde Schauspiel eines Staates, der wie ein kopfloses Huhn umherirrt und verzweifelt versucht, sich eine neue Zukunft aufzubauen, indem er kleine Stückchen grosser Illusionen, die während der Kampagne der Brexit-Befürworter als Argumente dienten, wie Fasern von Verbandsmaterial aneinanderzukleben.

London hat allein sechs Monate gebraucht, um der EU seinen Entschluss einer Trennung offiziell mitzuteilen. Beinahe sechs weitere Monate vergingen, bis man in der Lage war, tatsächliche Verhandlungen zu starten. Und neun Monate danach, während die Verhandlungen mit der EU schon in vollem Gange sein sollten, hat die britische Regierung immer noch nicht verlauten lassen, wie sie sich diese Partnerschaft vorstellt.

Auch wenn die Gespräche langsam vorwärtskommen, so zeigt doch jeder Tag dieses schmerzlichen Prozesses, wie viel Schaden diese Trennung anrichten wird.

Ausserdem vergeht kein Tag auf der anderen Seite des Ärmelkanals, an dem keine alarmierenden Informationen auftauchen – so sehr die Regierung auch versucht, das zu verhindern. Wer hätte gedacht, dass diese über tausendjährige europäische Macht, die sich erfolgreich gegen Hitler wehrte und dann selbst grossen Anteil an der Rettung von ganz Europa hatte, sich aus freiem, eigenem Willen in eine Karikatur ihrer einstigen Grösse verwandeln würde?

In dieser altehrwürdigen wenn auch stürmischen Beziehung ist dieses Mal die EU der entschlossene und gelassene, rationale und unerbittliche Partner, der ganz methodisch all das bekommt, was er sich vorgenommen hat.

Das ist jedoch kein Grund zur Freude. Auch wenn die Gespräche langsam vorwärtskommen, so zeigt doch jeder Tag dieses schmerzlichen Prozesses, wie viel Schaden diese Trennung anrichten wird. Und es steht auch längst noch nicht mit Sicherheit fest, dass die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden können. Zudem ist es eine Illusion, zu glauben, Europa sei durch die Engstirnigkeit der Briten plötzlich einsichtiger geworden: nein. Europa ist noch keineswegs gerettet. Man kann zwar täglich feststellen, dass es bedeutend besser ist, eine Union zu haben, als keine Union zu haben. Doch all das lässt sie nicht besser werden in den Augen der immer zahlreicheren Kritiker, die an der EU zweifeln oder sie gar hassen. Diese Menschen zu überzeugen, die eines Tages sogar zu einer Mehrheit werden könnten: Genau darin liegt unser schwierigstes Rennen gegen die Zeit, viel mühsamer als der Brexit – und es hat längst begonnen, ohne dass wir uns darüber wirklich klar geworden sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2018, 17:36 Uhr

Jurek Kuczkiewicz

EU-Spezialist und Ressortleiter Aussenpolitik von «Le Soir»
in Brüssel

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