Wie der deutsche Mittelstand verarmte

Wohlstand für alle verwandelte sich unter Rot-Grün in Luxus für wenige. Zweiter Auszug aus dem Buch «Aufruhr im Paradies» von Philipp Löpfe und Werner Vontobel.

Reichlich Ärger: Hartz-IV-Empfänger demonstrieren in Berlin. (30.8.2004)

Reichlich Ärger: Hartz-IV-Empfänger demonstrieren in Berlin. (30.8.2004) Bild: Keystone

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Alles ist bekanntlich eine Frage des Standpunktes. Die Geschichte des deutschen Niederganges lässt sich auch aus einer ganz anderen Perspektive erzählen. Etwa so: 1989 war Deutschland ein reiches und produktives Land. Die Statistiken des Conference Board wiesen ein Bruttoinlandprodukt pro Arbeitsstunde von 38.45 Dollar aus. Das entsprach etwa dem Niveau der Schweiz oder der USA.

Die Deutschen hatten fast alles: erschwingliche Wohnungen, günstige Nahrungsmittel, sechs Wochen Ferien und standen mit dem Nationalteam von Franz Beckenbauer kurz vor dem Gewinn des Fussballweltmeistertitels. Die Intellektuellen beschäftigte derweil die Frage, ob man nicht zu viel des Guten hätte, ob das Land unter Sättigung und Überdruss leide. Die Frage schien berechtigt. Seit den 1960er Jahren, dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders, hatte sich die Produktivität in der Wirtschaft noch einmal mehr als verdoppelt.

Dreimal produktiver als in den Sechzigern

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Deutschen nochmals gesteigert, die Produktivität ist erneut um 42 Prozent auf 54.54 Dollar gestiegen. Diese nüchternen Zahlen bedeuten, dass die deutsche Wirtschaft heute dreimal produktiver ist als in den 1960er Jahren. Und das wiederum bedeutet: Es gäbe eigentlich durchaus Spielraum für neue soziale Experimente.

Thomas Straubhaar, Ökonomieprofessor und Direktor des WeltWirtschaftsInstitus in Hamburg (HWWI), hat in einer Studie bereits 2007 ausgerechnet, dass «ein lebenslang bedingungslos gewährtes Grundeinkommen in Höhe von 600 Euro jeden Monat für jede Frau, für jeden Mann, für jedes Kind in Deutschland kostenneutral finanzierbar ist, die Nachhaltigkeit des Sozialstaates sichert und neue Arbeitsplätze schafft».

Verwöhnte Sozialhilfeempfänger

Doch während man in den 1960er Jahren von Wirtschaftswunder sprach und sich freute, filmt man heute Hartz-IV-Empfänger vor Suppenküchen und führt sinnlose Neiddebatten. Deutschlands Aussenminister und ehemaliger FDP-Parteichef Guido Westerwelle spricht neuerdings gar von «spätrömischer Dekadenz» und meint damit nicht etwa die Millionen-Boni von Investmentbankern und Topmanagern, sondern die seiner Meinung nach zu hohen Bezüge der verwöhnten Sozialhilfeempfänger.

Die neoliberale Wende in der deutschen Wirtschaftspolitik erfolgte um die Jahrtausendwende, und sie kam – so will es die Ironie der Geschichte – nicht etwa von rechts, sondern von links. Die Rot-Grünen, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, waren dafür verantwortlich. Diese Wende lässt sich gemäss Peter Bofinger, Ökonomieprofessor an der Universität Würzburg und Mitglied des Rates der fünf Wirtschaftsweisen, an zwei Entwicklungen erkennen. «Da ist zum einen ein eindrucksvoller Rückgang der Staatsquote, das heisst des Anteils der Staatsausgaben an der Wirtschaftsleistung des Landes», stellt er fest. «Diese Grösse, die man als Body-Mass-Index für Staaten ansehen kann, ging von 48,1 Prozent im Jahr 1999 auf 43,9 Prozent im Jahr 2008 zurück, während sie im Durchschnitt der OECD-Länder sogar etwas angestiegen ist. Gleichzeitig verminderten sich auch die Einnahmen des Staates relativ zur Wirtschaftsleistung, die Einnahmenquote sank von 46,7 auf 43,9 Prozent. Was dieser Prozess der Entstaatlichung bedeutet, wird deutlich, wenn man die Staatsquote in einen Euro-Betrag umrechnet. Hätten wir heute noch die Staatsquote des Jahres 1999, könnte der Staat jährlich 105 Milliarden Euro mehr ausgeben.»

Löhne litten unter Schwindsucht

Nicht nur die deutsche Staatsquote ging zurück, auch die deutschen Löhne litten unter Schwindsucht. Anstatt im Gleichschritt mit der Produktivität zu steigen – was volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wie jeder Student im Grundlehrgang für Ökonomie lernt –, hinkten sie dem Produktivitätszuwachs hinterher. De facto bedeutete dies, dass die Einkommen der deutschen Arbeitnehmer inflationsbereinigt sanken: 2010 verdienten sie durchschnittlich 2,0 Prozent weniger als im Jahr 2000. Das wirkte sich auch auf die gesamte Binnennachfrage (inklusive Staatskonsum und Investitionen) äusserst negativ aus. Gemäss dem Sachverständigengutachten 201016 lag die Binnennachfrage 2010 real um 3,1 Prozent unter dem Niveau von 2000.

Als wäre dies nicht genug, entstand in dieser Zeit in Deutschland eine eigentliche Unterschicht. «Es kam zugleich zu einer deutlichen Ausweitung des Niedriglohnsektors», stellt Bofinger fest. «Im Jahr 2000 waren 17,5 Prozent aller abhängigen Beschäftigten in diesem Segment des Arbeitsmarktes tätig, im Jahr 2006 lag dieser Anteil bereits bei 22,1 Prozent. Im Westen wurden dabei durchschnittlich 6,89 Euro Stundenlohn gezahlt, im Osten gerade einmal 4,86 Euro. In diesem ‹Basement› des Arbeitsmarktes sind die Löhne sogar nominal gesunken: Im Jahr 2004 wurden pro Stunde noch 7,25 Euro im Westen und 5,48 Euro im Osten verdient.»

Wohlstand für alle – Luxus für wenige

Die Wirtschaftpolitik des christlich-konservativen Ludwig Erhard führte zum Wirtschaftswunder und zu «Wohlstand für alle». Die Politik der beiden rot-grünen Zauberlehrlinge Schröder und Fischer zu Hartz IV und zu «Luxus für wenige». Auch das lässt sich mit Zahlen belegen: «Im Jahr 1987 verdiente ein Vorstandsmitglied im Durchschnitt das 23-Fache eines Arbeitnehmers, im Jahr 2007 war es das 109-Fache», stellt Bofinger fest. «Dabei ist bemerkenswert, dass die Vorstandstantiemen erst in dem Jahrzehnt richtig ausgeweitet wurden, in dem für die Lohnabhängigen das Gürtel-enger-schnallen angesagt war. Mit der Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer schossen die Gewinne nach oben, so dass es sich in den Vorstandsetagen in Saus und Braus leben liess.»

Die Sparwut brachte den Deutschen kurzzeitig den wertlosen Titel «Exportweltmeister» ein. Inzwischen haben sich die Chinesen an die Spitze gesetzt –, doch dem Sadomasochismus der Sparonkel reichte selbst das noch nicht. Nicht nur deutsche Autos und Maschinen wurden im grossen Stil exportiert, via Banken auch deutsche Ersparnisse. Zwischen 1995 und 2008 sind gerade mal 40 Prozent der deutschen Spargelder im eigenen Land verbraucht worden. Deutschland hat daher die niedrigste Investitionsquote aller OECD-Mitglieder.

Die Absurdität dieses Handels wird überdeutlich angesichts der Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil dieses Geld in den US-Immobilienmarkt gesteckt wurde. Die deutschen Arbeitnehmer wurden also nicht nur um die Forschritte ihres Produktivitätszuwachses betrogen; auch ihre Spargelder wurden teilweise zusammen mit Ramschpapieren verbrannt.


Im Dossier finden Sie alle Auszüge aus «Aufruhr im Paradies»

Erstellt: 17.05.2011, 08:51 Uhr

Weiterfahren: Mutter vor Demonstranten in Potsdam. (16.8.2004) (Bild: Keystone )

Die Serie

«Aufruhr im Paradies – Die neue Zuwanderung spaltet die Schweiz», Philipp Löpfe und Werner Vontobel, Orell Füssli Verlag, 2011. Tagesanzeiger.ch/Newsnet veröffentlicht diese Woche fünf Auszüge.

Die Autoren

Philipp Löpfe war Chefredaktor beim «Sonntags-Blick» und beim «Tages-Anzeiger» sowie stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «CASH». Er ist Kolumnist bei der «SonntagsZeitung», dem «Magazin» und bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Werner Vontobel studierte in Basel Volkswirtschaft, war als Korrespondent in Brüssel und bei der Schweizer Wirtschaftszeitung «CASH», der «Weltwoche», beim «Tages-Anzeiger» und bei der «SonntagsZeitung» tätig. Gegenwärtig ist er Leiter der Wirtschaftsredaktion des «SonntagsBlicks» und Mitglied der Chefredaktion von «CASH».

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