Wie die Achse Berlin-Paris funktioniert

Deutschland und Frankreich bestimmen das Schicksal Europas. Was aber braucht es, damit diese Beziehung und der Kontinent gedeiht? Und wann geht es schief?

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Noch gestern Abend griff Kanzlerin Angela Merkel zum Telefon und gratulierte François Hollande zu dessen Wahlsieg. Die deutsche Regierungschefin lud ihren französischen Amtskollegen gleich auch zu einem möglichst baldigen Besuch nach Berlin ein. Die Kanzlerin tut gut daran, sich für beste Beziehungen zwischen den beiden wichtigsten europäischen Staaten einzusetzen. Deutschland und Frankreich nämlich bestimmen zu weiten Teilen das Schicksal des Kontinents.

Nach dem Krieg waren es die charismatischen Staatslenker Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, welche die beiden Länder führten. Der Franzose mit dem Erhalt der nationalen Souveränität beschäftigt, hatte sein deutscher Amtskollege schon vielmehr Europa im Blickfeld. Als «Highlights» deutsch-französischen Zusammenspiels bezeichnet der deutsche Politologe und Frankreichexperte Wolfgang Jäger die Duos Valéry Giscard d'Estaing/Helmut Schmidt und François Mitterrand/Helmut Kohl. «Und dies, obwohl sie parteipolitisch unterschiedlich ausgerichtet waren.»

Chirac und Schröder konnten es nicht zusammen

Schmidt und d'Estaing hätten ein gemeinsames wirtschafts- und europapolitisches Interesse verfolgt, erklärt Jäger, der an der Universität Freiburg das Frankreichzentrum gründete. «Sie unternahmen erste Schritte hin zu einer gemeinsamen Währung.» Allerdings seien für ein gutes Zusammenspiel nicht nur gleiche Interessen wichtig. «Vielmehr noch müssen die jeweiligen Partner die Zwänge der anderen Seite sehen – und im besten Fall anerkennen.» Das sei zum Beispiel beim Duo Kohl/Mitterrand vorbildlich gewesen. «Denn obwohl der französische Präsident zuerst gegen die Wiedervereinigung in Deutschland war, hat er später seine Haltung geändert. Der deutsche Kanzler auf der anderen Seite war bemüht, Berlin nicht als Machtzentrum in Europa erscheinen zu lassen.»

Als weniger gut bezeichnet Jäger das Verhältnis zwischen Gerhard Schröder und Jacques Chirac. Vor allem zu Beginn habe es geharzt. «Kanzler Schröder war kein Aussenpolitiker, er hatte ja auch mit Bush seine Schwierigkeiten. Das Verhältnis zum französischen Präsidenten war nie ein herzliches.»

Merkel muss Frankreich verstehen

Und zu den schwierigen Verhältnissen zählt Jäger auch die nun beendete Beziehung zwischen Merkel und Nicolas Sarkozy. Wichtig für ein gutes Funktionieren der Achse Berlin-Paris sei, dass man dem jeweiligen Partner eine legitime andere Sicht auf die Dinge zugestehe. «Das aber sah ich zwischen Merkel und Sarkozy als nicht immer gegeben. Die beiden sind zu unterschiedlich. Sarkozy ist zu labil und unstet. Merkel wechselte auch ihre Meinung, aber nicht dermassen sprunghaft.»

Neues Personal, neue Chance: Für die kommende Zusammenarbeit zwischen Berlin und Paris gibt sich Jäger optimistisch: «Dem Duo Merkel/Hollande gebe ich eine gute Chance. Der neue französische Präsident hat einen sehr sachlichen Zugang zu den Themen.» Allerdings müsse auch jeder Partner verstehen, unter welchen Zwängen der andere stehe. «Merkel muss in Betracht ziehen, mit welchem radikalen Potenzial Frankreich konfrontiert ist. Es kann nicht in Deutschlands Interesse liegen, dass dieses zu virulent wird», sagt Jäger.

Mitterrands Fehlstart

Dass Merkel diese Sensibilität aufbringt, das traut er der Kanzlerin zu. Sie habe ja bereits auf Hollandes Anregungen reagiert, wonach nicht nur einzig sparen zum Ziel führe, sondern auch das Wachstum ins Auge gefasst werden müsse.

Auf der anderen Seite werde Hollande nicht den Fehler von Mitterrand wiederholen. «Dieser machte zu Beginn seiner Amtszeit auf Sozialismus und musste dann zurückkrebsen.» Hollande habe Angst vor den Ratingagenturen, welche im Moment den Schiedsrichter spielten.

Schon bald Wahlen in Deutschland

Wie lange das neue Duo zwischen Berlin und Paris währt, wird im Herbst nächsten Jahres entschieden. Dann nämlich sind Wahlen in Deutschland. Natürlich würde sich Hollande im Berliner Kanzleramt dannzumal einen sozialdemokratischen Partner wünschen. Allerdings hat die Geschichte bewiesen, dass unterschiedliche Parteiangehörigkeiten durchaus gut funktionierten. Und dann sagt Jäger noch: «Hollande wird sich nicht in den deutschen Wahlkampf vom nächsten Jahr einmischen. Dass Merkel das in Frankreich getan hat, halte ich im Übrigen für einen Fehler.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2012, 13:08 Uhr

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