Wie die Flut Jaroslaw Kaczynski nach vorne spült

Die Kampagne der leisen Töne zeigt Wirkung: Der Zwillingsbruder von Lech Kaczynski holt in den Umfragen zur Präsidentschaftswahl auf.

Er nutzt das Hochwasser für seine Ambitionen: Jaroslaw Kaczynski, polnischer Präsidentschaftskandidat (links).

Er nutzt das Hochwasser für seine Ambitionen: Jaroslaw Kaczynski, polnischer Präsidentschaftskandidat (links).

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Gerhard Schröder hat vorgemacht wie es geht. Als der damalige Bundeskanzler im Sommer 2002 durch die Elbefluten stiefelte, drehte er die Stimmung im Wahlkampf innerhalb kürzester Zeit. Acht Jahre später hat das Hochwasser an Weichsel und Oder den polnischen Präsidentenwahlkampf in Wallung gebracht.

Über Wochen hinweg war das Ringen um das höchste Amt im Staate müde vor sich hin geplätschert. Alles schien klar zu sein für Sejm-Marschall Bronislaw Komorowski. Der 58-jährige Parlamentspräsident von der regierenden rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) bewegte sich in den Umfragen stets an der 50-Prozent-Marke - mit einem Vorsprung von bis zu 20 Punkten. Doch dann kam die Flut, und mit den Pegelständen stiegen die Zustimmungswerte von Jaroslaw Kaczynski.

Der 60 Jahre alte nationalkonservative Ex-Premier bringt es in jüngsten Umfragen auf bis zu 36 Prozent - 15 Punkte mehr als zu Beginn des Wahlkampfes und nur noch fünf bis zehn Punkte weniger als Komorowski. Die übrigen acht Kandidaten gelten als chancenlos.

Zwei aufeinanderfolgende Tragödien

Gewählt wird in Polen am Sonntag. Erzielt kein Bewerber die absolute Mehrheit, entscheidet am 4. Juli eine Stichwahl über den Nachfolger für den tödlich verunglückten Lech Kaczynski. Der Präsident und Zwillingsbruder von Jaroslaw Kaczynski war am 10. April bei der Flugzeugkatastrophe im russischen Smolensk gemeinsam mit weiteren 95 hochrangigen Repräsentanten des Landes ums Leben gekommen.

Und als sei dies nicht nationale Tragödie genug, wurde Polen in den vergangenen Wochen vom Hochwasser heimgesucht. An Weichsel und Oder brachen zahlreiche Dämme. Mindestens 15 Menschen starben in den Fluten. Zehntausende mussten ihre Häuser verlassen.

Eine Strategie der leisen Töne

Jaroslaw Kaczynski nutzte die dramatische Lage für seinen Wahlkampf. Er zeigte sich in den Überschwemmungsgebieten, organisierte Spendenaktionen und Benefizkonzerte. Er tat dies allerdings dezenter als einst Gerhard Schröder. Denn der trauernde Kaczynski hat sich eine Kampagne der leisen Töne verordnet.

Beobachter wie der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau, Knut Dethlefsen, sehen darin «vor allem Strategie». Dethlefsen verweist auf die Erfahrungen von 2007. Damals hatte Jaroslaw Kaczynski aus der Regierung heraus einen extrem polarisierenden Wahlkampf geführt – und war mit wehenden Fahnen untergegangen. Nun erklärt er sogar sein umstrittenes Lieblingsprojekt einer «Vierten Republik» für tot.

Wahlkampf amerikanischer Machart

Jahrelang hatten die Kaczynski-Zwillinge Polen in einen anderen Staat umbauen wollen. Die neue Republik sollte auf den Säulen Patriotismus und Katholizismus ruhen. Zu viel Europa, zu viel Marktwirtschaft und zu viel Modernität galten ihnen als Teufelszeug. Doch das scheint nun vorbei zu sein. Seine Kandidatur stellte Kaczynski unter das Motto: «Lasst uns den polnisch-polnischen Krieg beenden!»

Der 60-Jährige führt einen Wahlkampf amerikanischer Machart. Emotionen schürt er auf sanfte Weise. Vor allem setzt Kaczynski auf das Mitgefühl seiner Landsleute nach dem Tod des Bruders. «Ich will sein Erbe antreten», erklärt er. Selbst die früher notorischen antideutschen Schlachtrufe gehören der Vergangenheit an. Wo Kaczynski einst den Revanchismus der Vertriebenen geisselte, lobt er heute Adenauer und Erhard. Das Programm der sozialen Marktwirtschaft, sagt der Ex-Premier, «ist auch mein Programm».

Komorowski in der Zwickmühle

Komorowski fällt es schwer, diese Charme-Offensive zu kontern. Der Sejm-Marschall befindet sich in einer Zwickmühle. Als Parlamentspräsident übt er nach Lech Kaczynskis Tod vorübergehend das Amt des Staatschefs aus. Aus dieser Position heraus einen allzu aktiven Wahlkampf zu führen, könnte ihm den Vorwurf pietätloser Vorteilsnahme einbringen.

Im von Kaczynski eröffneten Ringen um die politische Mitte macht der Rechtsliberale deshalb eine etwas hilflose Figur. Bei seinem jüngsten Auftritt in Warschau versuchte der als farblos und bieder geltende Kandidat mit dem urpolnischen Schnauzer und dem akkuraten Seitenscheitel, aus seinen Nöten eine Tugend zu machen: «Ich bin ein Mann mittleren Alters mit einem Schnurrbart, der auch einmal Fehler macht», warb Komorowski für sich. «Aber ich habe fünf Kinder grossgezogen und mein ganzes Leben lang aufrichtig für Polen gearbeitet.»

Kaczynski hofft auf Stichwahl

Die Wahlforscher bezweifeln, dass Komorowskis Strategie der Zurückhaltung aufgehen kann. Die PO, das hat die Vergangenheit gezeigt, lebt von einem möglichst hohen Mobilisierungsgrad. Der aber ist angesichts der wenig kontroversen Kampagne nicht in Sicht. Kaczynski dagegen kann auf seine erzkonservativen Stammwähler zählen. Seine Hoffnungen ruhen deshalb auf einer möglichen Stichwahl am 4. Juli. Mitten in der Urlaubszeit erwarten die Demoskopen einen Negativrekord bei der Wahlbeteiligung von nur 30 Prozent.

Angesichts dieser Perspektive macht sich im Komorowski-Lager Nervosität breit. Eine Woche vor der Wahl schickten seine Berater den Favoriten am Sonntagabend kurzerhand in eine Fernsehdebatte mit Kaczynski und den wichtigsten anderen Kandidaten. Ursprünglich hatte sich Komorowski der «Elefantenrunde» aus einer Position der Stärke heraus entziehen wollen. Doch der Coup des Überraschungsauftritts misslang. «Eine ermüdende Diskussion» und «Nichts Neues» urteilten am Montag die Kommentatoren. Profitiert haben dürfte vor allem einer: Jaroslaw Kaczynski. (jak/dapd)

Erstellt: 16.06.2010, 11:29 Uhr

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