Wie einst während der Besatzung

In Griechenland behandeln Ärzte unversicherte Patienten, Orchester spielen umsonst im Stadtpark: In seiner schwersten Krise seit der Militärdiktatur erlebt das Land eine Blüte der Freiwilligenarbeit.

Picknick im Park für alle: Eine der zahlreichen Aktionen von Feiwilligen in Athen. Die Organisation «Zeit-Austausch» wirbt für ihre Idee, gegenseitig geldlos Dienstleistungen zu erbringen.

Picknick im Park für alle: Eine der zahlreichen Aktionen von Feiwilligen in Athen. Die Organisation «Zeit-Austausch» wirbt für ihre Idee, gegenseitig geldlos Dienstleistungen zu erbringen. Bild: AFP

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Die Damen und Herren mit Oboe, Geige und Bratsche tragen feierliches Schwarz. Das Publikum Sandalen und Turnschuhe. Mit dem ersten Orchesterton verebbt das Geplauder und das Handy-Gequatsche. Der Gesang der Vögel geht unter. Das Athener Symphonie-Orchester spielt Mozart im Park, zwischen Palmen und Feigenbäumen. Marios Strofalis steht etwas abseits, wo das Gebüsch dicht wird und sagt: «Das sind gute Zeiten für die Kunst.»

Kampf mit Kunst und Tomaten

Gute Zeiten in Griechenland, inmitten der tiefsten Krise, die das Land seit dem Ende der Diktatur vor fast 40 Jahren erlebt? «Ja», sagt Strofalis, «gerade jetzt.» Der 43-Jährige hat das lange Grauhaar zum Zopf gebunden, er verteilt Plastikkärtchen mit der Aufschrift: «AthensArtNetwork». Wer will, kann sofort Mitglied der Gruppe werden. Die hat sich vorgenommen, die Depression mit Fantasie zu bekämpfen. Mozart gegen die Mutlosigkeit, im Nationalgarten neben dem Parlament, wo sich sonst die Demonstranten sammeln.

Es gibt noch andere Ideen für den Nationalgarten. «Tomaten pflanzen», sagt Giorgos Amiras. Arbeitslosen sollte man erlauben, auf dem Athener Grün Gemüse zu ziehen. Amiras ist parteiloser Athener Stadtrat und ein bekannter TV-Journalist. Wegen seiner Tomatenidee waren sie im Rathaus empört. Mit anderen Vorschlägen hatte er Glück. Zum Beispiel bei der Sache mit den Velos. Die darf man jetzt in die Athener U-Bahn mitnehmen.

Athen vor dem Tod bewahren

Aber Radfahren in Athen? Was für eine Idee! Auf zwei Rädern durch das Verkehrschaos der Megastadt? Doch überall tauchen sie nun auf, wie auf ein geheimes Kommando: Fahrräder an jeder Ecke. Und immer freitags verabreden sich die «Podilates», die Velofans, zum Korso durch die Stadt. Dann fahren sie die halbe Nacht. Mal sind es 1000, mal 2000. «Ich bin sehr stolz», sagt Amiras, ein drahtiger 45-Jähriger. «Wir müssen Athen neu erfinden.»

Davon sprechen jetzt viele: die Stadt vor dem eigenen Tod bewahren. In manchen Strassen ist jedes zweite Geschäft geschlossen, in anderen jedes dritte oder vierte. Geschlossene Rollläden, Graffiti auf blinden Schaufensterscheiben. Und das Schlimmste dürfte noch kommen. Weil das Sparen weitergeht. Schon jeder vierte Grieche ist arbeitslos, Arbeitslosenunterstützung gibt es nur für ein Jahr. Danach stehen viele vor dem leeren Kühlschrank, die Krankenversicherung ist oft auch weg, weil kein Geld für die Raten bleibt. In dieser Situation haben sich viele Griechen entschlossen, sich selbst zu helfen. Sie haben keine andere Wahl.

Im griechischen Busch

Vom Meer kommt ein salziger Geruch, der Wind fegt über Gestrüpp. Zwischen Stacheldraht und verlassenen US-Militärbaracken empfängt Giorgos Vichas seine Patienten. Der Kardiologe hat eine Art Behelfsklinik aufgebaut, wie man sie vielleicht im afrikanischen Busch vermuten würde. Hier aber ist auch eine Art Niemandsland. Das Gelände ist Teil des alten Athener Flughafens Hellenikon. Der ist seit elf Jahren geschlossen. Seither haben es alle griechischen Regierungen versäumt, das riesige Gelände in bester Küstenlage zu Geld zu machen.

Vichas arbeitet eigentlich in einem staatlichen Krankenhaus. Dort merkte er, dass Herzpatienten, die er seit Jahren kennt, ihre Medikamente nicht mehr nehmen. Sie können sie nicht mehr bezahlen. «Da wusste ich, wir müssen etwas tun.» Das war vor gut einem Jahr. Dann ging alles rasch. Ende 2011 hat das Zentrum eröffnet. 200 Freiwillige gibt es mittlerweile, Ärzte und Helfer. Sie impfen nicht versicherte Kinder, behandeln Zähne. «Wir hatten jüngst eine Schwangere im siebten Monat, die hatte noch keinen Arzt gesehen», sagt Vichas. Der Arzt hat Kontakte zu privaten Praxen geknüpft, die seine Patienten umsonst weiterbehandeln. Der private Fernsehsender Skai sammelt Medikamente.

«Die Verzweiflung ist gross.»

Auch Elias Tzavellas verbringt jeden zweiten Samstag in der Krankenstation. Er ist Psychiater und im Hauptberuf Oberarzt an einer Universitätsklinik. In einem Jahr hat er dort einen 200-prozentigen Anstieg psychiatrischer Fälle festgestellt. Depressionen, Selbstmordpläne, das ganze Spektrum. «Es gibt keine Scham mehr», sagt Tzavellas. «Vor zehn Jahren haben mich Patienten gebeten, sie nicht wegen Stress krankzuschreiben, heute haben sie nichts dagegen, wenn ich Schizophrenie feststelle.» Weil sie hoffen, damit noch eine Behandlung zu bekommen. «Die Verzweiflung ist so gross. Du siehst die Armut, das ist tragisch.»

Armut in einer Stadt, in der immer noch genug Leute meinen, sie kämen mit einem Schulterzucken durch die Krise. Eine Frau aus einem der besseren Viertel erzählt, in ihrem Haus werde in diesem Winter nicht geheizt. Weil viele Bewohner die Vorauszahlungen für das Heizöl schuldig sind. Als die Mieterin einem Nachbarn von ihrer Furcht vor dem Frieren berichtete, sagte der kühl: «Ist mir egal.» Der Mann habe mehrere Wohnungen, sagt die Frau. Ein anderer im Haus habe sich eine Holzpelletsheizung einbauen lassen.

Wo sind die Steuern?

Die griechischen Behörden haben zwischen Mai und September gerade mal 19 Millionen Euro von 13 Milliarden Euro an ausstehenden Steuern eingesammelt. Das geht aus der Antwort auf eine Parlamentsanfrage eines Abgeordneten der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) hervor. Der Politiker vermutet, dass nicht nur Leute, die kein Geld haben, ihre Steuern nicht bezahlt haben, sondern vor allem auch solche, die sich in Jahrzehnten an die Hinterziehung gewöhnt haben.

In der Athener Metro säuselt eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher. Sie sagt den Fahrgästen, dass am nächsten Tag kein Zug kommen wird. Weil wieder gestreikt wird, aus Protest gegen die nächsten Gehaltskürzungen für das Personal, über die gerade mit der Troika der internationalen Geldgeber verhandelt wird. Ada Alamanou weiss, worauf sie sich einzustellen hat. Geschlossene U-Bahnhöfe sind dabei das Wenigste.

«Einst sprachen wir von den Neureichen, jetzt haben wir Neuarme», sagt sie. Schon seit gut zehn Jahren kümmert sie sich mit ihrer Freiwilligenorganisation Klimaka um Obdachlose. «Ganze Familien, denen es eben noch gut ging, sind nun ohne Dach.» Klimaka betreut viele Menschen, kann aber nur wenige unterbringen in dem kleinen Haus mit den grünen Wänden und blauen Türen, wo Alamanou ihr Büro hat. Die Farben sollen fröhlich stimmen. Klimaka ist eine Zuflucht und kämpft selbst mit leeren Kassen. Hilfsgelder aus dem Gesundheitsministerium stehen seit April aus. «Wir fühlen uns wie die armen Verwandten Europas», sagt Alamanou.

Groll gegen Deutschland

Überall verteilen sie jetzt Kleider und Essen. Im Arbeiterviertel Vyronas etwa haben sie in 45 Tagen über 70 Familien geholfen. Argyris Kotzileris, selber arbeitslos, gehört zu den Organisatoren des örtlichen Solidaritätsnetzes. Stolz zeigt er beim Spaziergang durch das Viertel eine alte Apotheke. «Da haben sie schon während der Nazibesatzung Widerstandskämpfer mit Medikamenten versorgt.»

Kotzileris sagt immer «Nazis», nicht Deutsche, wenn er an die Geschichte erinnert. Er hat aber etwas gegen den verbreiteten antideutschen Groll in Griechenland. «Deutschland, das ist nicht nur Merkel, das ist auch Marx», sagt er. Seine Initiative steht der linken Partei Syriza nahe. Die könnte die nächste Regierung stellen, wenn die jetzige Koalition scheitert.

Feste und Verschönerungen

Drittstärkste Partei in den Umfragen ist derzeit mit rund 10,5 Prozent die rechtsradikale Chrysi Avgi, wörtlich: Goldene Morgenröte. Mit 6,9 Prozent zog sie im Juni ins Parlament ein. Anhänger der Chrysi Avgi verprügeln dunkelhäutige Ausländer, suchen Krawall im Parlament, bedrohen Journalisten und Abgeordnete am Telefon. Auch Chrysi Avgi gibt sich sozial, bietet älteren Menschen an, sie zum Geldautomaten zu begleiten oder ihr Geld gleich bei einem Parteimitglied zu deponieren.

«Viele Menschen haben Angst und ziehen sich zurück», sagt Vasso Nikolakopoulou von einer Nachbarschaftsinitiative im Innenstadtviertel Psirri, «wir müssen ihnen zeigen, dass es nicht gefährlich ist, auf die Strasse zu gehen». Deshalb organisiert sie Strassenfeste. Deshalb führt auch Nikolas Nikolaides, ein 28-jähriger Geschichtsstudent, die Athener durch ihre eigene Stadt, organisiert Spaziergänge zu vergessenen Monumenten. Atenistas heisst das Bündnis, dem sich Nikolaides angeschlossen hat. Sie verschönern Parks und säubern Gehwege. Nikolaides sagt: «Überall war früher der Staat, in jeder Ecke der Gesellschaft, nun ist er nicht mehr da. Wir müssen selbst etwas tun.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2012, 06:56 Uhr

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