Wieso die fast perfekte Umfrage unveröffentlicht blieb

Vor den britischen Wahlen sagte keines der Umfrageinstitute den Wahlsieg der Tories voraus. Ein junger Politologe lief ihnen hingegen den Rang ab.

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Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das gilt nach den britischen Wahlen auch für die Umfrageinstitute, die allesamt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Tories und Labour vorausgesagt hatten. Heraus kam stattdessen eine absolute Mehrheit für Amtsinhaber David Cameron und seine Konservative Partei. Die Umfrageinstitute sollten sich gegenseitig befragen und herausfinden, wer wem Lügen erzählt habe, gab der konservative Londoner Bürgermeister Boris Johnson zum Besten.

Was war passiert? Kein einziges der Umfrageinstitute hatte bei den letzten Umfragen vor Wahlen den Abstand zwischen Labour und Konservativen bei den Stimmenanteilen auf mehr als 1 Prozent geschätzt:

Tatsächlich aber schnitten die Konservativen bei den Wahlen deutlich besser ab. Der Abstand zu Labour betrug am Ende 6,5 Prozentpunkte:

Aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts schlug sich der Vorsprung der Tories überraschend in einer absoluten Mehrheit nieder:

Peter Kellner, Chef des Meinungs- und Marktforschungsinstituts Yougov und BBC-Experte, war sichtlich erschüttert ob des mageren Resultats seines eigenen und aller anderen Institute: «Was schiefgelaufen zu sein scheint, ist, dass die Leute etwas sagten und etwas anderes in die Wahlurne legten.» Sein zerknirschtes Statement gipfelte in der Aussage, dass Politiker ihre Wahlkampagne an ihren Überzeugungen ausrichten sollten und «nicht Leuten wie mir zuhören und auf die Zahlen achten, die wir produzieren».

Kaum zeichnete sich das Ausmass der Diskrepanz zwischen Umfragewerten und Resultaten ab, rangen Politologen und Kommentatoren um eine Erklärung. Viele von ihnen verwiesen auf die zunehmende Schwierigkeit, mittels Telefonanrufen aufs Festnetz eine halbwegs zufällige Auswahl von Wählern zu erreichen, und die mit Unsicherheiten behafteten Verfahren für Befragungen per Mobiltelefon und per Internet. Als Erklärung taugen diese methodischen Schwierigkeiten in diesem Fall allerdings kaum: Sowohl Online- wie auch Telefonumfragen brachten bei den letzten Umfragen vor den Wahlen praktisch dieselben Werte hervor.

«Schüchterne» Konservative

Das schlechte Abschneiden der Umfrageinstitute ist auch kein gänzlich neues, sondern ein periodisches Problem. Bei den britischen Wahlen von 1992, als der Konservative John Major an die Macht kam, hatten alle Umfragewerte einen deutlichen Sieg von Labour versprochen – eine noch grössere Blamage für die Umfrageinstitute als die jetzige. Eine gängige Erklärung lautete damals, dass es viele «schüchterne» Tory-Wählerinnen und -Wähler gebe, die sich nicht trauten, zu ihren wahren Wahlabsichten zu stehen. Auch heute nehmen einige Politologen einen solchen Effekt an. Tatsächlich haben die Umfragen die Tories in zehn von zwölf der letzten Wahlen unterschätzt, wie der junge Statistiker Matt Singh bereits am Abend vor den Wahlen in einem Blogbeitrag aufzeigte.

Die Umfrageinstitute sind also bereits seit längerem mit dem Problem konfrontiert, dass die Leute «etwas sagen und etwas anderes in die Wahlurne legen». Dem begegneten sie aber mehrheitlich erfolgreich – so Singhs Analyse –, indem sie die Umfrageresultate anhand von Erfahrungswerten gewichteten. Der Umbruch in der Parteilandschaft, den Grossbritannien in den vergangenen Jahren erlebte, habe aber neue Unwägbarkeiten mit sich gebracht, für die die Umfrageinstitute noch keine Lösung hätten.

Später Umschwung

Eine weitere These, die das gemeinsame Scheitern der verschiedensten Umfrageinstitute möglicherweise erklären kann, ist jene des Herdentriebs. Sie basiert auf der Annahme, dass die Umfrageinstitute sich gegenseitig auf die Resultate schielen, und diese in Richtung des Mittelwerts korrigieren, um nicht als Einzige weit daneben zu liegen. Ein Indiz für das Zutreffen dieser These lieferte der Chef des Umfrageinstituts Survation, Damian Lyons Lowe. In einem Blogbeitrag beschreibt er, wie er die Resultate einer in den letzten Tagen vor den Wahlen durchgeführten Umfrage nicht veröffentlichen liess, weil diese weitab von allen anderen lag. Das Bittere für die Firma und ihren Chef: Die Umfrage besagt einen Stimmenanteil von 37 Prozent für die Konservativen und 31 für Labour – äusserst nahe beim Resultat.

Im Einklang mit der Umfrage von Survation ist schliesslich die ebenfalls oft geäusserte These, wonach sich viele Wählerinnen und Wähler erst im letzten Moment entschieden oder sich noch umentschieden hätten. In den letzten Stunden entschied sich noch eine enorme Zahl von Leuten, dass das Risiko einer Koalition von Labour mit der schottischen Unabhängigkeitspartei schlicht zu gross war, und schwenkte darum auf die Konservativen um, vermutete der konservative Politiker Norman Tebbit gegenüber BBC News, was dafür spreche, dass die Umfragen gar nicht so ungenau gewesen seien.

Einer, der sich zu Recht nicht auf die Umfragewerte und stattdessen auf sein Bauchgefühl verliess, ist ein Schotte aus Glasgow. Der Mann setzte 30'000 Pfund auf eine absolute Mehrheit der Tories – und erhält nun 210'000 Euro ausbezahlt. Nicht per Bauchgefühl, sondern per Analyse kam der junge Matt Singh zu seinen Ergebnissen: Er sprach in seinem vor den Wahlen veröffentlichten Beitrag davon, dass seine Modelle auf einen Vorsprung der Konservativen von sechs Prozent hindeuteten. Man darf auf seine Nachwahlanalyse gespannt sein – auf Twitter verkündete er, er wolle nun erst mal schlafen.

(mw)

Erstellt: 09.05.2015, 18:09 Uhr

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