Wilders predigt vor deutschen Schäfchen

Der niederländische Populist Geert Wilders hat in Berlin gegen den Islam gehetzt – und viel Beifall bekommen. Noch aber fehlt seinen deutschen Fans eine eigene Führungsfigur.

Geert Wilders bei seinem Auftritt in Berlin: Er arbeitet an einer internationalen Anti-Islam-Allianz.

Geert Wilders bei seinem Auftritt in Berlin: Er arbeitet an einer internationalen Anti-Islam-Allianz. Bild: Keystone

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Er wird angekündigt wie ein Popstar: «Please welcome the one and only Geert Wilders», dröhnt aus den Lautsprechern. Das Publikum johlt, steht auf, klatscht. Über 500 Menschen sind an diesem Samstag nach Berlin gekommen um den niederländischen Rechtspopulisten und Islam-Hasser zu sehen. Er sollte sie nicht enttäuschen.

Das schauerlich-schreckliche Bild

Geert Wilders, knabenhaft das Gesicht, mit weissem Engelshaar, entwirft in seiner knapp einstündigen Rede – man ist versucht zu sagen: Predigt – ein schauerlich-schreckliches Bild. Wie einst der Kommunismus bedrohe jetzt der Islam die europäischen Völker, sagt er. Politisch korrekte Politiker anderer Parteien würde die Gefahr aber nicht sehen. Kanzlerin Merkel etwa habe kürzlich gesagt, die Deutschen müssten sich daran gewöhnen, dass Moscheen immer mehr zum Stadtbild gehörten. Ein Raunen geht durch den Saal.

«Wir aber», versichert Wilders, «wollen das Inakzeptable nicht als das Unabänderliche akzeptieren.» Applaus. Auch Deutschland brauche eine politische Bewegung, die die deutsche Identität verteidige und sich der Islamisierung entgegenstelle. Noch mehr Applaus.

SVP per Videobotschaft dabei

Eingeladen worden war Wilders von René Stadtkewitz, einem ehemaligen Berliner CDU-Politiker, der wegen seines Rechtsdralls aus der Partei ausgeschlossen wurde. Der 45-Jährige versucht seither, sich als Wortführer einer national gesinnten Opposition zu installieren. So gründete er jüngst eine eigene Partei, die er Die Freiheit nennt.

Stadtkewitz und seine Kameraden, so der Plan, sollen zur deutschen Zelle einer internationalen Anti-Islam-Allianz werden. Bereits gibt es rege Kontakte in andere europäische Länder – unter anderem in die Schweiz. Der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger meldete sich sogar per Videobotschaft beim Berliner Publikum. Auch er warnte mit drastischen Worten vor einer angeblichen Islamisierung Europas – und pries das Schweizer Minarett-Verbot als ersten Schritt in die richtige Richtung.

Spielt eine wichtige Rolle

Wilders, der bei der Bildung der neuen niederländischen Regierung eine zentrale Rolle spielt, versteht sich offenbar als Anführer dieser weltweiten Anti-Islam-Front. Seit mehreren Jahren lebt er schon unter Polizeischutz, weil ihn islamische Fanatiker mit dem Tod bedrohen.

Für die Seinen hat er dadurch schon fast den Status eine Märtyrers erlangt. Das Berliner Publikum klebte dem hochgewachsenen Niederländer förmlich an den Lippen, fast jeder Satz wurde mit lautem Klatschen quittiert. Es war, als spreche ein Prediger zu seinen Gläubigen.

Mehrheitlich Männer waren in den Saal des Hotels «Berlin, Berlin» gekommen, junge und alte. Viele mit Tränensäcken und Bauchansatz, sauber angezogen, aber nicht nach dem letzten Schrei. Die untere Mittelschicht stellt man sich so vor. Leute, die anständig im Leben stehen, aber nicht genug erfolgreich sind, um sich keine Sorgen machen zu müssen. Die Zeiten sind gerade für sie unsicherer geworden: Jobs können morgen weg sein, der nächste Nachbar spricht vielleicht kein Deutsch mehr.

Gefahr des Islam

In dieser Verunsicherung wühlt Wilders. Fast seine ganze Rede drehte sich nur um einen einzigen Punkt: die Gefahr, die der Islam für die Identität Europas darstellt. Es gibt keine anderen Herausforderungen für ihn, keine anderen Probleme, mit denen der Kontinent fertigwerden muss. Diese Einengung hat etwas Sektiererisches, etwas Extremes, ja etwas Fanatisches. Es ist grotesk: Wilders sieht den Islam als totalitäre politische Ideologie, die nur Schwarz und Weiss kenne, nur Gläubige und Ungläubige. In seiner eigenen Lehre kopiert der Niederländer jedoch genau dieses Konzept: Es gibt nur diejenigen, die für die Freiheit, die Wahrheit und eine wie auch immer geartete «jüdisch-christliche Kultur» sind – und dann gibt es die andern, die Weicheier, die liberalen Journalisten, die verlogenen Politiker – und eben: die düsteren Muslime.

Im Saal des Berliner Hotels haben diese Thesen verfangen. Was heisst das für Deutschland? Sind diejenigen, die am Samstag applaudierten, eine neue, konservative Kraft rechts der CDU/CSU? Zweifel sind angebracht, denn es fehlt den deutschen Wilders-Fans eine eigene Führerfigur. Ex-CDU-Mann Stadtkewitz hat kein Charisma. Seine Rede war plump, ein Abklatsch von dem, was Wilders bot. Für die etablierten Parteien in Deutschland bedeutet dies jedoch keine Entwarnung – höchstens Aufschub. Denn nicht wenige in Deutschland sind bereit, eine neue rechte Partei zu wählen. Taucht erst einer wie Wilders auf, werden sie es auch tun.

Erstellt: 03.10.2010, 21:07 Uhr

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