«Willkommen im Raucherparadies Tschechien!»

Die Tschechen widersetzen sich dem europäischen Nichtraucher-Trend. Ein neues Gesetz schafft sogar Verbesserungen für Raucher.

Das Paradies der Glimmstängel: In Tschechien bleibt Rauchen erlaubt.

Das Paradies der Glimmstängel: In Tschechien bleibt Rauchen erlaubt. Bild: Keystone

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Eigentlich sollte seit 1. Juli alles anders sein. Doch in ihrer «Hostinec», dem Bierlokal um die Ecke, tun die Tschechen so, als wäre nichts geschehen. Sie trinken ihr Budweiser und rauchen ihre «Sparta». Auf den Tischen liegen Zigarettenpackungen neben übervollen Aschenbechern. Dick und zäh hängt der Rauch unter der Lokaldecke. So war es schon immer, und so wird es bleiben zwischen Brünn, Prag und Karlsbad. Nur kleine Aufkleber an den Eingangstüren deuten eine Konzession an die neue Zeit an: Ein gelbes Dreieck mit einer Zigarette und der Aufschrift «Rauchen erlaubt».

Willkommen im Raucherparadies

Wir befinden uns im Jahre 2010 n. Chr. Ganz Europa ist von Nichtrauchern besetzt . . . ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Böhmen und Mährern bevölkertes Land hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Doch es ist kein Widerstand, der dem Feind die Stirn bietet, der ihn in offenem Kampf besiegen will. Er kommt von hinten, von der «Maschek-Seite», wie die österreichischen Nachbarn zu sagen pflegen. Er tarnt sich als Zustimmung oder als Unbedarftheit, um im entscheidenden Moment in Subversion und Sabotage umzuschlagen. So wie einst der brave Soldat Schwejk mit grenzenloser Naivität das mächtige Habsburger-Reich in die Knie zwang, so bezwingen jetzt die Tschechen den Nichtraucherzwang der Europäischen Union.

Zwei Jahre lang diskutierten die Abgeordneten im Prager Parlament ein neues Gesetz zum Schutz der Nichtraucher. So wie in den Nachbarländern Bayern und Österreich trat es in Tschechien am 1. Juli in Kraft. Doch während in ganz Europa höchstens noch über einige wenige Ausnahmen gestritten wird, haben die tschechischen Volksvertreter in ihrer unnachahmlichen Weisheit die Entscheidung in die Hände jener gelegt, die direkt davon betroffen sind – in die Hände der Wirte. Jetzt kann und soll jeder Besitzer einer Beiz, eines Cafés oder Restaurants selbst entscheiden, ob in seiner Lokalität geraucht werden darf oder nicht. Er muss seine Entscheidung nur durch einen Aufkleber an der Eingangstür kennzeichnen. Das Ergebnis dürfte nicht überraschen: Zwar soll es in Prag auch eine oder zwei rauchfreie Bierkneipen geben, aber das sind Exoten im Gastronomiebetrieb und werden es wohl bleiben. «Willkommen im Raucherparadies Tschechien!», begrüsste Radio Prag unlängst seine Hörer.

Toleranz über alles

Das neue Gesetz schafft sogar Verbesserungen für Raucher. Zwar bestätigt es das seit 2005 geltende Rauchverbot in Spitälern, Theatern, Kinos, Ämtern und öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch auf Bahnsteigen und in Haltestellen darf wieder geraucht werden, wenn sie nicht geschlossene Räume sind. Und jeder, der schon einmal in den Büros von Politikern zu Besuch war, weiss genau, dass selbst die Gesetzgeber ihre eigenen Vorschriften nicht so genau nehmen. Es genügt ein verschwörerischer Blick, eine Andeutung («Es ist zwar gegen die Regel, aber Sie haben doch nichts dagegen . . .»), schon wird aus der Schreibtischlade Aschenbecher und Tabak geholt.

Dabei sind die Tschechen keineswegs fanatische Raucher. In Umfragen sagen mehr als die Hälfte der Gasthausbesucher, dass sie ein rauchfreies Lokal bevorzugten. Doch niemals würden sie Rauchfreiheit akzeptieren, die ihnen von der Obrigkeit aufgezwungen wird. Eine Reporterin von Radio Prag suchte verzweifelt nach eingefleischten Nikotingegnern, fand sie aber nicht einmal in einem der wenigen Nichtraucherlokale. Stattdessen bekam sie zur Antwort, dass hier Toleranz herrsche und die Entscheidung doch in den Händen der Lokalbesitzer bleiben solle. Zuletzt brach sie die Suche ab und zog daraus den Schluss: «Das absolute Rauchverbot nach dem Vorbild anderer Länder ist vielleicht doch nicht anwendbar.»

Erstellt: 09.07.2010, 21:46 Uhr

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