«Willkommen in Ungarn, sonntags geschlossen»

Er ist der ungarische Banksy: Künstler Gergely Kovács kämpft mit Humor gegen Präsident Orbán.

«Unsere Regierung ist immerzu auf dem Kriegspfad»: Der ungarische Künstler Gergely Kocvács. Foto: Gabor Szabo

«Unsere Regierung ist immerzu auf dem Kriegspfad»: Der ungarische Künstler Gergely Kocvács. Foto: Gabor Szabo

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«Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du den Ungarn keine Jobs wegnehmen», liess Ministerpräsident Viktor Orbán im Juni auf Plakaten verkünden. Oder: «Wenn du nach Ungarn kommst, musst du unsere Kultur respektieren.»

Für den Künstler Gergely «Gergö» Kovács, der als ungarischer Banksy gehandelt wird, war dies der Unkultur genug. Er und seine irrwitzige Spasspartei Zweischwänziger Hund (Magyar Kétfarkú Kutya Párt), gegründet 2006, mischen sich seit 2010 ernsthaft satirisch ins politische Leben ein. Damals kandidierte man fürs Bürgermeisteramt in Budapest, imitierte politische Plakate und unterlief sie mit ironischer Brechung. 2014 setzte die Partei beim Obersten Gericht die Teilnahme an den Parlamentswahlen durch, und nun stellte sie die Antieinwanderungskampagne Orbáns auf den Kopf.

«Welche Jobs?», ergänzt etwa ein Kovács-Plakat die Ermahnung zur Job-abstinenz aus dem Regierungslager. «Willkommen in Ungarn, sonntags geschlossen», lautet ein anderes oder: «Komm unter allen Umständen nach Ungarn – wir arbeiten schon in London!» Oder einfach und klar: «Sorry about our Prime Minister.»

Es sei entsetzlich, dass die Regierung Geld ausgebe, um den Menschen das Hassen und die Angst vor Flüchtlingen zu lehren; und leider habe sie grosso modo Erfolg damit gehabt, bilanziert Kovács, der sich übrigens keineswegs als Linken reinsten Wassers sieht. «Für Antiflüchtlingskampagnen haben wir viel Geld», pointiert da ein Plakat des Zweischwänzigen Hundes. «Unsere Regierung ist immerzu auf dem Kriegspfad», schnaubt der Satiriker ins Telefon. «Mal war die EU der Feind, mal waren es die Schwulen, mal andere Minderheiten – und als die Flüchtlingswelle kam, war das für die Fidesz-Partei wie Weihnachten und Ostern zusammen.»

Ungarns andere Seite

Das staatliche Fernsehen sei mittlerweile darauf geeicht, in jeder zweiten Sendung die «illegale Einwanderung» zu behandeln: So sei das Thema zum Dauerbrenner geworden, der die Bevölkerung über jedes rationale Mass hinaus beschäftige. «Und als das mit den Plakaten losging, wollten wir der Welt zeigen, dass unser Land auch eine andere Seite hat.» Es sei zu peinlich gewesen. Über Spendenaufrufe in den sozialen Medien hatte die Partei Ungarischer zweischwänziger Hund innert kürzester Zeit über 100'000 Euro zusammen: Die Ungarn seien viel offener, als die Orbán-Regierung ahnen lasse.

Inzwischen sind die anvisierten 900 Plakate geschaffen und aufgehängt. «Das ging nur, weil uns Lajos Simicska die Plakatwände vermietet hat», räumt der Satiriker ein wenig zerknirscht ein. Bei den Parlamentswahlen 2014 habe die Opposition kaum Plakatplatz ergattert, da dessen Vermieter Orbán-Anhänger waren. Aber weil der alte Orbán-Kumpan Simicska sich mit dem Ministerpräsidenten verkracht hat – «er nannte ihn, unter anderem, einen Agenten: Das ist hier eine unverzeihliche Beleidigung» –, habe er die Aktion des Zweischwänzigen Hundes nicht ausgebremst. «Simicska hat dem Volk eine Menge Geld gestohlen; er ist kein ‹good guy›. Aber für einmal stand er auf der richtigen Seite.»

Am Ende ist sogar noch Geld übrig geblieben; und es gab Kritik, dass es nicht zu den bedürftigen Flüchtlingen floss. «Aber das wäre rechtlich schwierig geworden», erklärt der Streetartist. Man dürfe zweckgebunden gesammeltes Geld nicht einfach umwidmen. Darum ist jetzt eine neue Aktion in der Mache: eine Zeitung, die exakt einem regierungstreuen Blatt nachempfunden ist und, in einer Auflage von 10'000 Stück, satirisch ge-tunte Scheinnachrichten veröffentlichen wird. «Die Details sind noch geheim», so Kovács. Nicht geheim hält er den Spott in seiner Stimme und auch nicht das Gelächter, das er der Bevölkerung bescheren wird. «Viele Menschen in Ungarn denken anders als Fidesz.»

Als wir uns am Dienstag unterhalten, ist die Lage in Budapest auch verhältnismässig ruhig: Die Flüchtlinge sind grossteils auf Zügen unterwegs nach Westen. «Sie gehen alle zur Grenze – und wir Ungarn gehen auch», stellte Kovács trocken fest. Tatsächlich sind mehr als 31'000 Ungarn allein 2014 ausgewandert (knapp 50 Prozent mehr als 2013): eine Steilvorlage für ein weiteres Plakat. «Please excuse our empty country», prangt darauf.

Viktor Orbán glaube, mit der neuen, verschärften Strafgesetzgebung – die grenzüberschreitende Flüchtlinge zu Kriminellen abstempeln soll – die Zahl der Neuankömmlinge herunterfahren und als Retter dastehen zu können. «So ein Blödsinn!», ruft Kovács aus. «Ich wünschte, wir wären so reich, dass die alle zu uns wollen. Aber wer will denn schon hierher übersiedeln?» Die Richtung jedenfalls ist seit jeher eine andere: «Danke Österreich, dass ihr eure Grenze 1956 nicht abgeriegelt habt», erinnert ein Kovács-Plakat an den alten, grossen, hausgemachten Flüchtlingsstrom.

Noch ist Ungarn nicht Russland

Will er selber ausharren? Hat der Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt und seinerseits viele Blätter mit spitzer Feder füllt, keine Angst vor Repressalien?

«Noch haben wir in Ungarn keine russischen Verhältnisse: Ich sitze nicht im Gefängnis.» Immerhin. Dass er kein Geld von staatlichen Stellen erhalte, sei in Ordnung. Und dass er als «ausländischer Agent» verunglimpft werde, der «Chaos schaffen» wolle, erwartbar. «Die Quadratköpfe der Fidesz-Partei sind nicht daran gewöhnt, mit Gegnern wie uns umzugehen. Sie haben keinerlei Humor.» Und zum Glück auch nur eine sehr beschränkte rechtliche Handhabe. Gergö Kovács will bleiben. «Ich habe die Antiimmigrationskampagne überlebt», steht auf einem seiner Plakate. Er ist sicher, dass er Orbán überleben wird.

Erstellt: 10.09.2015, 07:52 Uhr

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