«Wir Grönländer sind auch über Dänemark verärgert»

Mit seinem Kaufangebot habe der US-Präsident in Grönland eine wichtige Debatte angestossen, erklärt Journalist Poul Krarup.

In Grönland gibt es wertvolle Rohstoffe. In diesem Bild sind die Bauarbeiten für ein Wohnprojekt in der Hauptstadt Nuuk zu sehen. (Archivbild) Bild: Per Folkver/AP/Keystone

In Grönland gibt es wertvolle Rohstoffe. In diesem Bild sind die Bauarbeiten für ein Wohnprojekt in der Hauptstadt Nuuk zu sehen. (Archivbild) Bild: Per Folkver/AP/Keystone

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Donald Trump will Grönland kaufen: Einmal mehr dominiert der US-Präsident mit einer kuriosen Idee die Schlagzeilen. Die Insel Grönland – etwa fünfzigmal so gross wie die Schweiz, autonom zwar, aber zum Königreich Dänemark gehörend und über weite Flächen mit Eis bedeckt – rückt in den Fokus. Zwischen den USA und Dänemark ist darüber ein diplomatischer Streit ausgebrochen. Was denken eigentlich die betroffenen 56'000 Bewohner Grönlands über die Sache? Das erklärt Poul Krarup, 70, der Chefredaktor der einflussreichsten grönländischen Zeitung «Sermitsiaq» mit Sitz in der Hauptstadt Nuuk ist.

Herr Krarup, dänische Politiker vermuteten zunächst einen Scherz hinter Trumps Ansinnen, Grönland kaufen zu wollen. Wie fielen die Reaktionen innerhalb des grönländischen Volkes aus?
Wir alle sind uns einig, dass wir unser Land nicht verkaufen wollen. Trotzdem möchten wir Grönländer mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten. Sofern Trump Grönland als gleichberechtigten Partner versteht und nicht als ein Land, das er sich kaufen kann, würden wir eine Kooperation mit ihm sehr begrüssen.

Fühlen sich die Grönländer von dem Verhalten Trumps beleidigt?
Ja, das kann man schon so sagen. Sie sind aber auch über Dänemark verärgert. Dass die USA und Dänemark Gespräche über Grönland führen, ohne die Grönländer selbst miteinzubeziehen, zeigt, dass sie unser Land offenbar nur als Wirtschaftsgut ansehen. Das muss man sich vorstellen: Sie sprechen über Grönland in Dänemark, aber nicht mit Grönländern in Grönland. Dabei geht es doch um unser Land und unsere Zukunft.

Haben Sie eine Erklärung dafür, wie Trump auf die Idee kommen konnte, Dänemark würde einen solchen Schritt in Erwägung ziehen?
Ich kann nur sagen, dass er eben durch und durch ein Geschäftsmann ist. Er wurde damit reich, Immobilien zu kaufen und zu verkaufen. Und so wird er wahrscheinlich denken, er könne auch eine Immobilie namens Grönland kaufen. Meiner Meinung nach sollte er nicht als Immobilienhai, sondern als Präsident auftreten. Wir reden hier nicht über eine Immobilie, sondern über eine Nation, Menschen, Kultur – das ist nicht käuflich. Er muss diese Haltung wirklich ändern. Und wenn er das macht, würden wir sehr gerne mit ihm zusammenarbeiten. Wir finden es unheimlich gut, dass er seinen Fokus auf uns gerichtet hat und damit eine Veränderung der politischen Verhältnisse in Aussicht stellt.

Auf Twitter postete der US-Präsident ein bearbeitetes Foto, auf dem ein gigantischer goldener Trump Tower in der Landschaft Grönlands zu sehen ist. Er verspreche, das Grönland nicht anzutun, schrieb er dazu. Können die Grönländer über solche Spässe lachen?
Ja. Wir fanden das sogar gut. Denn er machte damit klar, dass er nicht vorhat, unsere Kultur, unsere Landschaft oder unsere Lebensweise zu zerstören. Viele Grönländer reagieren in den sozialen Medien darauf mit Posts wie «Make Greenland great again».

Können Sie sich erklären, woher sein plötzliches Interesse an Grönland kommt?
Nein. Aber was man historisch beobachten kann, ist, dass die USA während des Zweiten Weltkriegs und auch während des Kalten Kriegs sehr an Grönland interessiert gewesen waren. Nach Ende des Kalten Kriegs hat die Zusammenarbeit schlagartig abgenommen. Aber in den vergangenen zwei Jahren richtete sich der internationale Fokus wieder mehr auf die Arktis. Das liegt vor allem daran, dass das Thema Klima immer wichtiger wird, das Interesse an neuen Meeresrouten gestiegen und die Lage Grönlands militärisch sehr günstig ist. Das haben sich zuletzt wohl auch die Amerikaner wieder ins Bewusstsein gerufen. Seit Trump an der Macht ist, wird in den Vereinigten Staaten wieder registriert, wie wichtig Grönland für die US-Sicherheitspolitik ist.

Könnte Trump daneben auch die immer enger werdende Beziehung Grönlands zu China ein Dorn im Auge sein?
Ja, auf jeden Fall. Mit China hatten wir bisher die besseren Kontakte. Grönland exportiert mehr nach China als in die USA, und in unseren Fischfabriken arbeiten weit mehr Chinesen als Amerikaner. Es reisten bisher weitaus mehr grönländische Regierungsdelegationen nach China als in die Vereinigten Staaten. Das mangelnde Interesse der USA an einer Zusammenarbeit hat in der Vergangenheit viele Grönländer sehr frustriert.

Weil die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen den Verkaufsverhandlungen eine Absage erteilte, verzichtet Trump nun auf seinen für Anfang September geplanten Staatsbesuch in Dänemark. Wie finden die Dänen und Grönländer das?
Für Dänemark war es ein Schock. Und wir Grönländer verstehen nicht, warum Trump das gemacht hat. Dennoch hat unser Premierminister Kim Kielsen betont, dass die Absage die Zusammenarbeit mit den USA nicht beeinflussen wird.

Glauben Sie das auch?
Ja, ich glaube, dass das möglich ist. Grönland ist durch seine Lage und seine Nähe zu Russland strategisch nach wie vor sehr wichtig für die Vereinigten Staaten. Es sieht so aus, als würde Trump Grönland stärker für die Verteidigung Nordamerikas und seine Strategie in der Arktis einsetzen wollen. Vor allem für die russischen U-Boote interessiert er sich sehr. Washington braucht zur Überwachung des Nordatlantiks einen starken Stützpunkt in Grönland. Es gibt bereits die Thule Air Base, ein grosses Radarsystem und eine Satellitenstation. Die USA brauchen hier aber auch Flughäfen für ihre Militärflugzeuge, mit denen sie den Nordatlantik und das Meer südlich von Grönland überwachen. Und auch über das Militärische hinaus hat Grönland einiges zu bieten: Bodenschätze, Abenteuertourismus, sauberes Wasser, Energie und vieles mehr.

Und was erhoffen sich die Grönländer von einer Zusammenarbeit mit den USA?
Dass sie uns beim Ausbau der Infrastruktur helfen. Die Vereinigten Staaten haben das ja bereits angeboten. Wir brauchen neue Flughäfen und umfangreiche Massnahmen im Strassenbau. Zudem erhoffen wir uns, dass Washington uns dabei unterstützt, Flugrouten zwischen Grönland und den Vereinigten Staaten zu eröffnen. Da unser Land zu klein ist, um diese kommerziell betreiben zu können, müssen für einen solchen Betrieb öffentliche Zuschüsse bereitgestellt werden. Besonders die Reise auf der Ost-West-Route ist für uns sehr teuer. Die USA dürfen gerne in Grönland investieren und Geschäfte tätigen. Wenn Trump bereit ist, Geld für die Entwicklung Grönlands auszugeben, ist er herzlich willkommen – nur zum Verkauf stehen wir nicht. Eine Unterstützung seitens der USA hätte für uns ausserdem auch den Vorteil, dass wir wirtschaftlich unabhängiger von Dänemark würden.

Hat Trumps Interesse an der Insel somit auch eine neue Debatte über die Unabhängigkeit Grönlands von Dänemark angestossen?
Ja, das ist in der Tat so. Wir denken, dass das neue amerikanische Interesse an Grönland zu einer noch grösseren Unabhängigkeit oder sogar vollständigen Abnabelung von Dänemark beitragen könnte. Nur fragen wir uns: Was will Trump wirklich? Uns Grönländern wäre es sehr recht, wenn Trump darüber mit unserer Regierung und nicht mit Dänemark sprechen würde. Er ist dazu herzlich eingeladen. Wenn Trump nun nicht nach Dänemark reist – vielleicht mag er ja uns die Ehre erweisen. Wir würden uns über seinen Besuch sehr freuen.

Geht es dabei um eine wirtschaftliche Unabhängigkeit oder um die generelle Loslösung von Dänemark?

In erster Linie geht es uns dabei um den wirtschaftlichen Aspekt. Es gibt aber auch eine Bewegung, die nach kompletter Unabhängigkeit strebt. Grönland ist auf Verbündete und Freunde angewiesen, und wir müssen entscheiden, wer das sein soll. Natürlich haben wir eine sehr enge Beziehung zu Dänemark, aber wir wollen in dieser Beziehung ein gleichberechtigter Teil sein. Und die Grönländer diskutieren nun – vor allem in den sozialen Medien – darüber, ob sie sich zukünftig lieber an Dänemark oder an die USA halten wollen. Die Mehrheit tendiert dabei immer noch zu Dänemark, aber wenn es um die Anbindung an China oder die USA geht, bevorzugen die meisten die Vereinigten Staaten.

Hatte Trumps absurde Idee somit auch ihr Gutes? Trump hat es durch seinen lächerlichen Vorschlag geschafft, innenpolitisch eine komplett neue Debatte über die Unabhängigkeit Grönlands in Gang zu bringen. Und aussenpolitisch hat er uns auch einen Dienst erwiesen: Er hat Grönland in der ganzen Welt bekannt gemacht. Die beste Werbung, die wir bekommen konnten.

Erstellt: 23.08.2019, 18:24 Uhr

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