«Wir dürfen nicht paranoid werden»

Laut Kriminalpsychologe Jens Hoffmann ändert sich die Bedrohungslage. Er sieht darin eine Strategie des IS.

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Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Nizza und Würzburg?
Der Angriff in Würzburg war vermutlich eine Nachahmung desjenigen von Nizza. Durch die Medienberichterstattung übt jede Tat eine Attraktivität auf Menschen aus, die für solches Handeln emp­fänglich sind. Der Nizza-Täter war plötzlich weltbekannt, der IS feierte ihn als seinen Soldaten. Das sind attraktive Aussichten für Nachahmer. Da spielen wir als Gesellschaft dem IS in die Hände, ­indem wir solche Nachahmungen durch unsere öffentliche Beileidsbekundung und ­Empörung ankurbeln. Ausserdem beobachten wir, dass Nachahmungen geografisch in einem näheren Umkreis passieren.

Aber verschweigen kann man diese Schreckenstaten auch nicht.
Nein, aber es sollten gewisse Regeln eingehalten werden. In Studien ist belegt, dass der Effekt der Nachahmung deutlich geringer ausfällt, wenn der Täter möglichst anonym und nicht greifbar bleibt, das heisst: keine Namen nennen und Gesichter höchstens verpixelt zeigen. Potenzielle Nachahmer dürfen sich so wenig wie möglich mit dem Täter identifizieren können. Eine Strategie, die Medien übrigens bei Suiziden schon längst anwenden mit messbarem Erfolg. Eine Wiener Studie zeigt: Seit nicht mehr über U-Bahn-Suizide berichtet wird, gingen diese um rund 80 Prozent zurück.

Ist das «nur» Nachahmung, oder fruchtet da eine Strategie des ­Terrors, wonach Einzeltäter immer dezentraler und eigenständiger handeln?
Vor eineinhalb Jahren machte der IS einen Aufruf an die «Soldaten Gottes». Es passierte dann eine Reihe kleinere ­Attacken, die man für isolierte Einzel­taten hielt. Erst später erkannte man, dass sie dem IS-Aufruf zuzuordnen sind. Inzwischen wissen wir, dass das die Strategie des Islamischen Staates ist: Die Organisation setzt gezielt auf psychisch instabile Menschen, die es überall in der Gesellschaft gibt und die aktiviert werden können durch das Versprechen von Ruhm und Zugehörigkeit. Für Geheimdienste ist es schwieriger, darauf aufmerksam zu werden.

Dann wird der IS-Terror quasi zum Selbstläufer?
Nach der Attacke in Nizza sprach die französische Regierung bald einmal von einem terroristischen Akt des IS, ohne dass konkrete Beweise oder ein Bekenntnis vorlagen. Früher hätte man hier vielleicht von Amok gesprochen. Das zeigt, dass wir inzwischen sehr darauf konditioniert sind, dass grosse Gewalttaten im Zusammenhang mit dem IS stehen. Dadurch machen wir aber den IS noch mächtiger.

Die beiden jüngsten Angreifer ­handelten vermutlich ohne grosses Netzwerk oder lange ­Planungsphase. Wie können ­Behörden so etwas verhindern?
Die Täter sind der Polizei häufig schon aus früheren Delikten bekannt. Zum Beispiel häusliche Gewalt – das können wichtige Anzeichen sein, die wahrgenommen werden sollten. Die Schweiz hat da europaweit eine Vorbildfunktion mit einem ausgereiften Be­drohungsmanagement, bei dem die Polizei mit Psychologen und psychiatrischen Experten eng zusammenarbeitet. Ausserdem gibt es niederschwellige Anlaufstellen, bei denen sich Menschen aus dem Umfeld melden können, wenn sie den Verdacht haben, dass jemand sich gefährlich verändert, etwa radikalisiert. Diese Anlaufstellen machen diskrete Abklärungen, sodass man nicht gleich befürchten muss, jemanden in Schwierigkeiten zu bringen.

Sowohl in Nizza als auch in ­Würzburg setzten die Angreifer alltägliche Dinge als­ ­Waffen ein. Was bedeutet das?
Es ist ein neues Phänomen, das die Bedrohungslage in besorgniserregender Weise verändert. Das zeigt schon, dass der Nizza-Attentäter nun in Würzburg offenbar schnell einen Nachahmer fand. So wird die Verunsicherung noch mal gesteigert, die der IS uns aufzwingen will: Wir sollen nicht nur in unseren Städten Angst haben, sondern auch in unserem persönlichen Alltag. Und zwar vor Dingen, die erst durch ihre Zweckentfremdung gefährlich werden.

Muss man nun Angst haben, wenn jemand mit einem Gartenwerkzeug den Zug betritt?
Angst ist nicht falsch und nicht steuerbar. Sie geht auf das zurück, was wir erlebt, gesehen, gehört haben. So ist es nachvollziehbar, wenn man sich nun bedroht fühlt, wenn einer mit Axt den Zug betritt. Aber wir dürfen nicht paranoid werden. Es hilft, wenn man hingeht und höflich fragt, was es damit auf sich hat. Das habe ich sicher schon zwei-, dreimal gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2016, 23:16 Uhr

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Jens Hoffmann

Der Kriminalpsychologe leitet das Institut Psychologie & Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Daneben steht er Behörden und Unternehmen als Berater zur Verfügung.

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