«Wir haben das Gefühl, Teilnehmer eines grossen Experiments zu sein»

Vor allem ältere Menschen seien heute vor den Banken in Zypern gestanden, sagt die zypriotische Journalistin Athena Arsalidou. Für viele von ihnen sei die Lage prekär geworden.

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Der Spuk in Zypern scheint vorerst vorbei zu sein. Haben wirklich alle Banken pünktlich ihre Tore geöffnet?
Etwa zwanzig Minuten nach 11 Uhr haben die meisten Finanzinstitute wieder Kunden empfangen. Einige liessen aber nur wenige Personen auf einmal hinein.

Ist der Ansturm so gross wie befürchtet?
Eher nicht. Vor den meisten Banken, die ich gesehen habe, standen etwa 20 Leute, mehr nicht.

Wer waren diese Leute?
Es handelt sich vorwiegend um ältere Menschen. Diese verfügen oft nicht über eine eigene Kreditkarte. Für viele von ihnen wurde die Lage deshalb vor allem in den letzten Tagen prekär.

Haben Sie mit jemandem sprechen können?
Ja, ein älterer Mann erzählte mir, er habe seit zwei Wochen, seit die Banken geschlossen wurden, kein eigenes Geld mehr. Ohne die Solidarität in der Familie und in der Nachbarschaft hätte er nicht mal etwas essen können.

Die Banken haben heute extra lange geöffnet, bis um 17 Uhr. Reicht das, um alle Kunden bedienen zu können?
Ich bin mir nicht sicher, ob das reicht. Die Warnungen in den Medien, man solle heute nur in dringenden Fällen in die Banken, stiessen zwar auf Gehör. Doch die Öffnungszeiten sind von den jeweiligen Bankangestellten abhängig.

Morgen ist in grossen Teilen Europas ein Feiertag. Welche Auswirkungen hat dies auf die zypriotischen Bankkunden?
Dies macht uns Sorgen. Denn bei vielen Transaktionen sind auch internationale Banken involviert. Einige Geschäfte werden morgen in Zypern, obwohl die Banken hierzulande offen haben, wohl nicht abgewickelt werden können.

Ende des Monats werden Rechnungen fällig. Was passiert, wenn man nicht zahlen kann?
Die Telecomfirmen und Elektrizitätswerke haben kürzlich mitgeteilt, dass sie ihren Kunden einen Aufschub gewähren bei der Begleichung der Rechnungen. Unklar ist momentan jedoch, ob aufgrund der Turbulenzen wirklich alle Löhne bezahlt werden können.

Wie gross ist die Unsicherheit in Zypern?
Sehr gross. Im Moment haben wir alle das Gefühl, Teilnehmer eines grossen Experiments zu sein. Ein Experiment, das als Vorbild oder als Abschreckung für ganz Europa dienen könnte.

Gibt es auch Hoffnung?
Ja, je normaler die Lage wird, desto hoffnungsvoller sind wir. Doch die Skepsis ist enorm. Es ist ja schön, dass die Banken offen sind. Doch was wird die Zukunft bringen? Die Erfahrungen von anderen Ländern mit der Troika zeigen, dass die Forderungen nie aufhören und wohl bald staatliche Leistungen und Löhne gekürzt werden. Wir fühlen uns immer noch wie gelähmt und haben viele Fragen.

Erstellt: 28.03.2013, 12:24 Uhr

«Die Skepsis ist enorm»: Athena Arsalidou, Journalistin bei der grössten Nachrichtenagentur von Zypern.

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