Interview

«Wir haben die Nase voll vom Sexismus»

Zehn Tage nach der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn gingen Frankreichs Feministinnen auf die Strasse, um gegen den grassierenden Sexismus zu protestieren. Sie haben Grund dazu, wie Zahlen belegen.

22. Mai 2011: Frauen demonstrieren in Paris gegen Sexismus. Auslöser der Kundgebung ist die Affäre Strauss-Kahn.

22. Mai 2011: Frauen demonstrieren in Paris gegen Sexismus. Auslöser der Kundgebung ist die Affäre Strauss-Kahn. Bild: Reuters

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Rund 3000 Frauen sind am Sonntagnachmittag in der französischen Hauptstadt auf die Strasse gegangen, um gegen den in der Affäre Strauss-Kahn entflammten Sexismus zu demonstrieren. Mit Slogans wie «Wir sind alle Zimmermädchen» zogen sie durch die Pariser Innenstadt. Zeitgleich haben die Organisatorinnen der Kundgebung, die Frauenvereinigungen Osez le féminisme, La Barbe und Paroles de Femmes, eine Petition gegen Sexismus lanciert.

«Wir sind wütend, empört, entrüstet», heisst es in der offiziellen Erklärung, die bereits von knapp 20'000 Personen unterschrieben wurde. Darunter auch TV-Journalistin Audrey Pulvar, Politikerin Clémentine Autain, die Staranwältin und Feministin Gisèle Halimi (zu ihren Klienten gehörten u. a. Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Françoise Sagan und Henri Cartier-Bresson) oder die Skandalautorin Virginie Despentes («Baise-moi – Fick mich»). Letztere veröffentlichte in der heutigen Ausgabe der britischen Tageszeitung «The Guardian» einen Kommentar zur Affäre Strauss-Kahn, wo sie unter anderem auf die zutiefst erniedrigende und sexistische Atmosphäre hinweist, der Frauen in der Politik ausgesetzt sind.

«Wir haben die Nase voll vom Sexismus»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit Magali De Haas, Mitglied von Osez le féminisme und Mitinitiantin der Petition und der gestrigen Demonstration, über die Anliegen der französischen Feministinnen.

Wozu diese Petition?
Wir haben diese Petition lanciert, weil wir die Nase voll haben vom Sexismus, den wir in den letzten Tagen im Zusammenhang mit der Affäre Strauss-Kahn erlebt haben. Die Haltung gewisser Meinungsträger ist im 21. Jahrhundert nicht tolerierbar. Das wir mit dieser Meinung nicht allein dastehen, zeigen die Reaktionen auf unsere Aktion: Wir haben innert kürzester Zeit fast 20'000 Unterschriften gesammelt. Dies zeigt, dass der Feminismus immer noch mobilisiert. Unsere Aktion ist ein sehr zeitgemässer Kampf.

Und gegen was kämpfen Sie konkret?
In Frankreich werden jährlich 75'000 Frauen vergewaltigt. Das sind über 200 Frauen täglich! Von diesen 75'000 Frauen wagen es etwa nur 10 Prozent, gegen ihren Vergewaltiger zu klagen. Das muss sich ändern. Wir wollen, dass die Scham überwunden und dass der Sexismus ein für alle mal verbannt wird.

Wie waren die Reaktionen auf die gestrige Kundgebung?
Sehr gut! Wir waren sehr zufrieden zu sehen, dass unsere Aktion von zahlreichen Menschen unterstützt wurde: In weniger als 24 Stunden haben wir 3000 Menschen mobilisieren können. Die Demonstranten waren begeistert über den Kollektivaspekt unseres Anliegens. Viele haben sich bedankt, dass in der Affäre Strauss-Kahn endlich mal ein anderer Standpunkt als der der französischen Medien vertreten wurde.

Sehen Sie die Probleme denn vor allem auf gesetzlicher oder gesellschaftlicher Ebene?
Beides. Die Gesetzgebung existiert zwar, aber sie wird unzureichend umgesetzt. Wir glauben nicht, dass das Strafmass für sexuelle Übergriffe verstärkt werden muss, denn dadurch werden die Opfer auch nicht zum Handeln ermuntert. Aber es ist dringend nötig, dass die betroffenen Politiker ihre Verantwortung wahrnehmen: Einerseits muss man in der Prävention gegen Sexismus aktiver werden, andererseits müssen die nötigen Mittel für den Kampf gegen Gewalt an Frauen zur Verfügung gestellt werden. Seit Juli 2010 ist ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, zu deren Opfer mehrheitlich Frauen zählen, angenommen worden – allerdings fehlen die finanziellen Mittel, um es umzusetzen. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt die aktuelle Affäre Strauss-Kahn sehr aufschlussreich, wie sehr der Sexismus in unserem Land grassiert. Der Sexismus besteht auf allen Ebenen. Wir haben zu diesem Thema vor kurzem ein Buch veröffentlicht – mit Auszügen von unserem Blog Viedemeuf.fr –, es zeigt, wie sehr Sexismus in der heutigen Gesellschaft vertreten ist. Im Fall von Strauss-Kahn sind wir allerdings mit Sexismus auf der höchsten gesellschaftlichen Ebene konfrontiert worden. Das gibt zu denken.

Erstellt: 23.05.2011, 16:35 Uhr

Die Feministin Magali De Haas an der gestrigen Kundgebung gegen Sexismus: «Wir haben die Nase voll vom Sexismus.»

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