«Wir sind schon jetzt nicht mehr frei»

Französische Musliminnen protestieren gegen das geplante Burkaverbot. Sie befürchten, dass sie noch stärker in die Isolation getrieben werden, als sie ohnehin schon sind.

Fürchtet in der zunehmend angespannten Stimmung um ihre Sicherheit: Najat zeigt ihren französischen Pass.

Fürchtet in der zunehmend angespannten Stimmung um ihre Sicherheit: Najat zeigt ihren französischen Pass. Bild: Keystone

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Eine führt ihr eigenes Unternehmen, eine ist Hausfrau, eine andere ist geschieden und alleinerziehend. Sie gehen verschleiert, wie Hunderte weitere Musliminnen in Frankreich, und sie fürchten, dass ein geplantes Gesetz ihr Leben verändern wird.

Justizministerin Michele Alliot-Marie hat einen Gesetzentwurf erarbeitet, der das Tragen eines gesichtsbedeckenden Schleiers in der Öffentlichkeit verbietet. Frauen, die dagegen verstossen, sollen 150 Euro Geldbusse zahlen und in bestimmten Fällen auch Staatsbürgerkundeunterricht nehmen müssen. Wer Frauen zwingt, sich derart zu verhüllen, müsste mit einem Jahr Haft und 15.000 Euro Strafe rechnen.

Selbst das Innenministerium schätzt, dass von den vermutlich fünf Millionen Muslimen in Frankreich nur etwa 1.900 Frauen den Vollschleier tragen. «Wenn das Gesetz verabschiedet wird, werde ich meinen Schleier nicht abnehmen», sagt Najat. «Niemand schreibt mir vor, wie ich zu leben habe» - ausser Gott, erklärt die geschiedene Frau mittleren Alters. Sie gehört zu einer Handvoll Musliminnen, die vor der Beratung des Gesetzes im Kabinett am Mittwoch mit Journalisten über ihre Befürchtungen sprachen.

Klagen über zunehmende Schikane

Wie andere will auch sie ihren vollen Namen nicht nennen, weil sie bei der zunehmend angespannten Stimmung um ihre Sicherheit fürchtet. Seit Beginn der Diskussion über das Verschleierungsverbot vor fast einem Jahr würden sie zunehmend schikaniert, berichten Najat und andere Frauen.

Ungeachtet der zu erwartenden heftigen Diskussion in der Öffentlichkeit besteht kaum Zweifel, dass das Gesetz durchkommt. Im Juli soll es im Parlament beraten werden. Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der Vollschleier schon voriges Jahr als «unerwünscht» bezeichnete, will es so bald wie möglich verabschiedet sehen. Bis zur Anwendung ist eine sechsmonatige Übergangsfrist vorgesehen mit dem Ziel, das Gesetz zu erklären und widerspenstige Frauen zu überzeugen, so dass das Verbot voraussichtlich erst Anfang 2011 greift.

Ein ähnliches Verbot wird im Nachbarland Belgien vorbereitet. Frankreich selbst hat bereits 2004 Kopftücher nach muslimischer Sitte und ähnliche «demonstrative» religiöse Symbole aus den Klassenzimmern verbannt.

«Wir sind schon jetzt nicht mehr frei»

Najat, Tochter einer Französin und eines Marokkaners, verschleiert seit zehn Jahren ihr Gesicht. Da sie geschieden sei und ihre Kinder allein aufziehe, könne niemand behaupten, «dass mir das aufgezwungen wird», sagt sie. Frankreich verlassen, wenn der Schleier verboten wird, würde sie keinesfalls. «Warum sollte ich gehen?», fragt sie und wedelt mit ihrem französischen Pass.

Die Frauen sagen voraus, dass ihre verschleierten Glaubensschwestern sich in die eigenen vier Wände zurückziehen werden, um nicht als Rechtsbrecherinnen erwischt zu werden. Einige wollen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, falls sie festgenommen werden. «Die geben den Leuten das Recht, uns anzugreifen», fürchtet Kenza Drider aus Avignon. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und war die einzige Schleierträgerin, die während der sechsmonatigen Beratungen über den Gesetzentwurf von einem Parlamentsausschuss angehört wurde.

«Einer Schwester zu sagen, du darfst diesen Schleier nicht tragen, heisst, du darfst deinen Glauben nicht praktizieren», kritisiert Oum Al Khyr aus Montreuil. «Wie sind schon jetzt nicht mehr frei», sagt sie: Einige Freundinnen fürchteten sich, aus dem Haus zu gehen.

Verfassungsbedenken

Das Gesetz stellt nicht wie angenommen Sicherheitsfragen, sondern die «Würde des Menschen» in den Mittelpunkt. Ob es damit unter Verfassungsgesichtspunkten angreifbarer wird, ist unklar. Die französische Regierung hat sich entschieden, einen Verfassungsverstoss zu riskieren, obwohl der Staatsrat bereits Ende März mahnte, dass ein vollständiges Verschleierungsverbot wahrscheinlich nicht durchgehen würde. In seiner abschliessenden Stellungnahme vorige Woche bekräftigte das Gremium der Tageszeitung «Le Figaro» zufolge seine ablehnende Meinung.

Vollverschleierung ist im Islam nicht vorgeschrieben. Führende muslimische Persönlichkeiten warnen dennoch davor, dass ein Verbot alle Muslime unter Generalverdacht stellen könnte. Für Kritiker verstösst der Schleier gegen die Gleichberechtigung der Frau und gegen die säkularen Grundlagen des Staates, andere halten ihn für einen Wegbereiter des radikalen Islamismus.

Die Frauen in der Runde weisen solche Argumente zurück. Ihre Würde werde nicht vom Staat diktiert, sie stellten keine terroristische Gefahr dar, und sie wollten ihre Religion ausüben können, wie sie es für richtig hielten. «Sie sagen, sie wollen uns befreien», sagt Drider. Aber «der Staat wird uns in die Abgeschiedenheit zwingen». Karima, Geschäftsfrau mit eigener Import-Export-Firma, trägt seit 16 Jahren einen Burka-ähnlichen Schleier. Das sei beinahe ihr halbes Leben lang, sagt sie: «Ich wüsste nicht mal, wie ich ihn ablegen sollte.» (bru/Elaine Ganley, AP)

Erstellt: 19.05.2010, 19:51 Uhr

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