Hintergrund

«Wir sollten uns wohl freuen»

Eine neue Steuerregelung für vermögende Sparer soll Zypern den Weg aus der Schuldenfalle leiten. Eine Journalistin, die von dem Haircut direkt betroffen ist, erzählt.

«Wir haben die Tragödie noch nicht verdaut»: Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Nikosia. (24. März 2013)

«Wir haben die Tragödie noch nicht verdaut»: Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Nikosia. (24. März 2013) Bild: Keystone

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Nach einer Nacht der langen und zähen Verhandlungen scheint die Zukunft Zyperns vorerst gesichert. Der Staatsbankrott soll dem kleinen Land erspart bleiben, doch wer über Bankeinlagen von 100'000 Euro und mehr verfügt, muss mit grossen Verlusten rechnen. Teilweise sollen bis zu 40 Prozent der Vermögenswerte versteuert werden, um das Land aus der Schuldenfalle zu bringen.

«Wir haben die Tragödie noch nicht verdaut, aber wir sollten uns wohl einfach freuen, dass ab morgen wieder mehr Geld aus dem Bancomaten kommt», sagt die Journalistin Athena A.* gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Stimmung in Nikosia, wo die junge Frau arbeitet, sei ruhig und fast normal.

«Letzte Woche schien alles möglich»

Langsam liefen auch die Vorbereitungen für den heutigen Feiertag an, sagt A. «Die Schüler bereiten sich auf die Parade vor, es wird wie immer ein farbenprächtiger Umzug sein.» Die Leute seien erleichtert, dass die Festivitäten nicht abgesagt wurden und das normale Leben wieder Einzug halte – und dass die Politiker gestern doch noch eine Lösung gefunden hatten.

Denn dies hatte man den Volksvertretern nicht unbedingt zugetraut. «Letzte Woche schien wirklich alles möglich, von der Rettung bis hin zum Staatsbankrott», erzählt A. Natürlich sei niemand mit dem jetzigen «Haircut» zufrieden, aber die ganz grosse Katastrophe sei ausgeblieben. Und dennoch sagt sie: «Alle Leute, die ich kenne, werden leiden.»

«Ich mache mir grosse Vorwürfe»

A. weiss, wovon sie spricht. Bei einer grossen zypriotischen Bank verfügt sie über ein mehr als 100'000 Euro schweres Sparkonto. Von der jetzigen Lösung, wonach speziell hohe Vermögen belastet werden sollen, ist sie direkt betroffen. «Ich mache mir grosse Vorwürfe, dass ich mein Geld nicht schon lange in Sicherheit gebracht habe», sagt A. «Denn Gerüchte über solche Entwicklungen waren schon lange da.» Doch in Zypern sei es normal, grössere Geldbeträge auf einem Sparkonto zu horten, anstatt sie in Sach- oder Immobilienwerte zu investieren. Wie viel Geld ihr genommen wird, weiss A. noch nicht. Nur eines weiss sie ganz sicher: «Etwas dagegen unternehmen kann man nicht.»

Auch A.s Schwester ist von der Staatskrise direkt betroffen, sie arbeitet bei der zweitgrössten Bank des Landes. «Sehr bald wird sie ihren Job los sein», meint A. Wegen der limitierten Bargeldabhebungen der letzten Tage sei zudem die Ausbildung von deren Tochter bedroht. Sie studiert im Ausland und musste nun ihre Studien abbrechen und nach Zypern zurückkehren. «Die kleinen Geldbeträge, die wir momentan abheben können, reichen einfach nicht, um alle Rechnungen bezahlen zu können.»

Mehr Solidarität

Doch in all den Widrigkeiten gibt es auch Hoffnung. So schwärmt A. von dem grossen solidarischen Zusammenhalt, der das Land durchdringe. «Man steht sich bei, baut sich gegenseitig auf und leiht sich auch mal Geld, wenn es dringend nötig ist.» Da blitze wohl das starke familiäre Element der mediterranen Kultur durch, meint A.

Auch wenn es um die Perspektive für ihr Land geht, ist A. alles andere als hoffnungslos. Auch wenn in Zukunft der Bankensektor eine kleinere Rolle spiele, gebe es immer noch den Tourismus als Einnahmequelle. «Es ist zu hoffen, dass die Touristen sich von der aktuellen Situation nicht abschrecken lassen.» Und für die Zukunft hofft A., wie viele Politiker auch, auf Einnahmen aus Rohstoffexporten. «Die Gas- und Ölbestände vor der zypriotischen Küste könnten schon in wenigen Jahren im grossen Stil exportiert werden», schwärmt A. «Das brächte Zypern etwa 15 Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr – mehr als genug, um alle Schulden zu bezahlen.»

*Name der Redaktion bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2013, 15:13 Uhr

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