Wo Le Pens Front National schon jetzt regiert

In der nordfranzösischen Kleinstadt Hénin-Beaumont sind die Rechtsnationalisten am Ruder. Was kommt dabei heraus?

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Eine Kleinstadt ist stolz auf ihren Ruf. Marine Le Pen will den Abend des ersten Wahlgangs in Hénin-Beaumont verbringen, dem Schaufenster des Front National. «Welche Freude, welche Ehre für Hénin-Beaumont», schreibt Bürgermeister Steeve Briois auf seiner Facebook-Seite. Die Botschaft ist klar, die Elite feiert in Paris, Marine Le Pen wird draussen bei den Leuten in der Provinz sein.

Hénin-Beaumont liegt in Nordfrankreich. Nicht viel erinnert in der Kleinstadt mit 27'000 Einwohnern an die traditionsreiche Geschichte. Wären da nicht die schwarzen Berge, manchmal unförmige Haufen, dann wieder fast elegante Pyramiden bis nahe an den Stadtrand: der Aushub aus den Bergwerken, schon in den 70er-Jahren nach und nach stillgelegt. Frankreichs Rostgürtel nennt sich «bassin minier», das Becken des Kohlebergbaus entlang der Grenze zu Belgien.

«Wir gewinnen unser Selbstvertrauen zurück.»Christopher Szczurek,
Mitarbeiter des Bürgermeisters

Zwischen den künstlichen Hügeln: Aquaterra, ein wenig einladender Freizeitpark mit Teichen und Fahrradwegen. In den Reihenhäusern aus Backstein leben schon lange keine Bergarbeiter mehr. Das Rathaus im Zentrum wurde gebaut, als es in Hénin-Beaumont noch Geld im Überfluss gab. Auch die Kirche Saint-Martin, ein Bau im griechisch-byzantinischen Stil, wurde einst von der Bergbaugesellschaft finanziert. Bürgermeister Steeve Briois redet nicht mit Journalisten aus dem Ausland und mit französischen nur, wenn sie ihm wohlgesonnen sind. Hénin-Beaumont ist eines von elf Rathäusern in Frankreich, in denen der Front National regiert.

Steeve Briois wurde 2014 im ersten Wahlgang gewählt. Im gleichen Jahr eroberte er auch ein Mandat im EU-Parlament. Eine seiner ersten Taten als Bürgermeister war es, am Rathaus die Europafahnen neben den französischen Flaggen abzuhängen. Nach einigen Telefonaten klappt es doch mit einem Termin im Rathaus. Christopher Szczurek, rechte Hand des Bürgermeisters, in Jeans und Pullover, empfängt in seinem Büro. An der Wand hängt ein Ölgemälde, das an die gute alte Zeit erinnert. Rauchende Kamine neben schwarzen Kohlebergen. Ja, auch die Grosseltern des 31-Jährigen kamen einst aus Polen. 220'000 Bergarbeiter gab es in der Region Nord-Pas-De-Calais nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Polen waren Anfang des letzten Jahrhunderts die Ersten, später folgten Italiener, Spanier, Marokkaner, Algerier. Man war in der Region stets stolz auf Gastfreundlichkeit.

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Der Grossvater wählte die Kommunisten, bis er wie viele Bergarbeiter seiner Generation an einer Staublungenkrankheit starb. Christopher Szczurek arbeitet heute nicht nur im Rathaus von Hénin-Beaumont, sondern ist auch Abgeordneter des FN im Regionalparlament. Einwandererkind und Anhänger des Front National – für Christopher Szczurek ist das kein Widerspruch. Viele der Zuwanderer oder deren Kinder unterstützen den Front National.

17 Prozent Arbeitslosigkeit

Die Stimmung kippte in den 80er-Jahren, nachdem im Gebiet von Hénin-Beau­mont die letzten Kohlebergewerke schlossen. Von dem Schlag hat sich die Region nicht erholt. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 17 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt. Mit Neuansiedlungen hatte man wenig Glück. Der amerikanische Reisegepäckriese Samsonite kassierte 1984 die grosszügigen Subventionen, um dann 2007 von einem Tag auf den anderen sein Werk in Hénin-Beau­mont zuzusperren.

«Priorität haben unsere Mitbürger», sagt Christopher Szczurek. Der Bürgermeister hat gleich nach Amtsantritt mit seiner Charta «Meine Gemeinde ohne Migranten» für Schlagzeilen gesorgt. Das Bettelverbot auf dem Territorium der Gemeinde hat allerdings ein übergeordnetes Gericht kassiert. Szczurek bedauert den etwas lauten Start nicht. «Wir haben ein dickes Fell, sind uns Polemik gewohnt.» Die Charta gegen Migranten sei ohnehin eher deklamatorisch gewesen. Tatsächlich gab es keine Pläne, Migranten aus dem «Dschungel von Calais» nach Hénin-Beaumont zu bringen.

Doch der Front National weiss, wie er seine Leute bei Stimmung halten kann. Hénin-Beaumont ist nicht nur ein Schaufenster für den Front National, sondern auch Versuchslabor. Ein Begriff, den Szczurek nicht mag. Marine Le Pen und ihr Statthalter haben hier ein ideales Terrain gefunden.

«Hier gibt es nicht nur übergelaufene Kommunisten.»Marie-Françoise Gonzales,
Geschäftsfrau

Marie-Françoise Gonzales hat von ihrer Friterie am Hauptplatz den Überblick. Die Frau gehört zu der kleinen Minderheit im Ort, die sich mit der Machtübernahme des Front National nicht abfinden will. Ihre Eltern kamen einst aus Spanien, die Mutter flüchtete während des Bürgerkriegs vor den Franco-Faschisten zu Fuss über die Pyrenäen. Die Geschichte von Hénin-Beaumont sei komplizierter als die von ehemaligen Kommunisten, die jetzt Front National wählten, sagt Gonzales.

Tatsächlich führen in Frankreichs «bassin minier» viele Wege zum Front National. Eine Rolle spielte eine Gemeindefusion – jene zwischen Hénin-Liétard, dem Hort der kommunistischen Bergbauarbeiter, und dem ländlichen Beaumont. Der Zusammenschluss geschah über die Köpfe der Bürger hinweg und sorgte lange für Unmut. Hinzu kam später eine undurchsichtige Umzonung für ein Einkaufszentrum der Warenhauskette Auchan, die sich am Ende knapp ausserhalb der Gemeindegrenzen niederliess. Hénin-Beaumont verlor seine Geschäfte, kassierte aber keine Gewerbesteuer. Vor den Toren der Kleinstadt entstand ab 1972 auf 100'000 Quadratmetern eine riesige Mall, lange Zeit die grösste nördlich von Paris.

Jeder zweite Haushalt unter der Armutsgrenze

Auf dem Parkplatz schleppen Männer Bierkisten zu ihren Autos. In Hénin-Beau­mont selber halten sich fast nur noch Immobilienmakler, Bestattungsunternehmen, ein Sonnenstudio und ein paar Kneipen. Dort wird schon vormittags Bier und Wein getrunken. Sonst haben die meisten Geschäfte die Rollläden unten. Oder Mietangebote im leeren Schaufenster. Die Wirtin im Café Lillois sucht seit zwei Jahren einen Käufer, ohne Erfolg. Sie sperre bereits um 21 Uhr zu, biete auch keine warmen Mahlzeiten mehr an. Gegen die Kebabläden im Zentrum und den McDonald’s draussen bei Auchan habe sie keine Chance.

Nur dienstags und freitags kehrt mit dem Markt auf dem Hauptplatz und in den Seitenstrassen etwas Leben zurück. Im Angebot sind neben Lebensmitteln von den Bauern aus dem Umland vor allem Billigstklamotten, Schuhe für fünf und Jeans für zwölf Euro. Wer in Hénin-Beaumont lebt, kann sich in der Regel nicht viel leisten. Jeder zweite Haushalt ist unter der Armutsgrenze.

«Wir werden im Rathaus ausgebuht und mit Schimpfwörtern eingedeckt.»Eugène Binaisse,
sozialdemokratischer Ex-Bürgermeister

Der Aufstieg des Front National in Hénin-Beaumont ist mit einem Namen verbunden – jenem des vorletzten Bürgermeisters Gérard Dalongeville. Eine Art Frankenstein der lokalen Sozialisten. Der Sozialist, der ab 2001 regierte, war populär und ein geschickter Menschenverführer. Er stellte fast jeden ein, der ihm über den Weg lief und um einen Job bat. Am Ende zählte die Gemeindeverwaltung über 1000 Mitarbeiter. Das Geld schien unbegrenzt, und die Bürger von Hénin-Beaumont bestätigten den Sozialisten 2008 im Amt. Bis er ein Jahr später verhaftet wurde. In der Stadtkasse klaffte ein Loch von 12 Millionen Euro. Der Wohltäter wurde später wegen Unterschlagung von öffentlichen Geldern zu vier Jahren Haft verurteilt.

Eugène Binaisse fiel die Aufgabe zu aufzuräumen. Der 71-Jährige empfängt in Anzug und Krawatte zu Hause, im Wohnzimmer zwischen Fotos der Enkelkinder. Der ehemalige Schuldirektor rutschte eher zufällig in die undankbare Rolle als letzter sozialistischer Bürgermeister. Ihm blieb nicht viel anderes übrig, als die Steuern um 85 Prozent anzuheben. Er konnte nicht mehr tun, als die Armut zu verwalten und dann die Schlüssel der Macht seinem Nachfolger vom Front National zu übergeben.

«Brot und Spiele» für die Bevölkerung

In Hénin-Beaumont ging 2014 eine Ära zu Ende. Man wählte im «Bassin minier» immer Sozialisten, Kommunisten und Trotzkisten, doch die Linke hat abgewirtschaftet. Heute ist Eugène Binaisse einer der sechs verbliebenen Stadtparlamentarier der Opposition und eine beliebte Zielscheibe der neuen Machthaber. Die Einladungen zu den Sitzungen des Gemeindeparlaments bekommt die Opposition im letzten Moment. Im Rathaus würden sie bei den Sitzungen ausgebuht und mit Schimpfwörtern eingedeckt, sagt Eugène Binaisse und fragt sich, wie lange er sich das noch antun will.

Den neuen Machthabern in der Kleinstadt fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Mit der Regionalzeitung «La Voix du Nord» steht man auf Kriegsfuss. Bürgermeister Steeve Briois spricht von der «Voix de la haine». Alle, die der neuen Mannschaft nicht applaudieren, sind Feinde. Das Rathaus hat sein eigenes Organ, in dem die eigenen Taten gefeiert und die Erinnerung an die Skandale der Vorgänger gepflegt wird. «Hénin-Beau­mont gewinnt seinen Stolz und sein Selbstvertrauen zurück», sagt Szczurek, die rechte Hand des Bürgermeisters. Die Stadtbehörden lassen die Blumenbeete pflegen, die Fussgängerstreifen streichen und finden immer wieder neue Gründe, Feste zu organisieren. Die Opposition im Rathaus wirft den neuen Machthabern vor, die Bevölkerung mit «Brot und Spielen» ruhigzustellen. Von der letzten Weihnachtsfeier schwärmt man noch heute in Hénin-Beaumont.

100 neue Überwachungskameras

Die beiden grössten Gebäude im Ort, das Rathaus und die Kirche Saint-Martin, sind mit Baugerüsten verstellt. Als nächstes Projekt will die Stadt 100 Videokameras installieren. Mehr Sicherheit, das finden viele gut. Die neue Regierung nützt ihren Spielraum geschickt. Das bescheinigt selbst die Opposition. Niemand glaubt, dass der Front National in Hénin-Beaumont eine Episode ist.

Eine Gemeinsamkeit hat Steeve Briois mit seinem Vorvorgänger, dem korrupten Dalongeville. Er ist immer präsent, hat das Ohr der Bevölkerung. Seit er 16 ist, engagiert er sich in Hénin-Beaumont für den Front National, kennt fast jeden im Ort persönlich. Auch bei Rob, dem Wirt der Bar Le Galopin, schaut Steeve Briois öfter vorbei. Als Wirt, sagt der junge Mann mit früher Glatze und Tätowierungen auf den Armen, sei er neutral. Doch er ist zufrieden mit dem neuen Bürgermeister. Der hat ihn unterstützt, die «Hénin’s Days» zu organisieren – eine Show mit alten amerikanischen Oldtimern, die im Mai wieder auf dem Hauptplatz auffahren werden. Am Abend des ersten Wahlgangs dürften die Kneipen voll sein. In Hénin-Beaumont, dem Schaufenster des Front National, ist Marine Le Pen der Erfolg sicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 22:21 Uhr

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