«Würdet ihr mich dabei sehen, ihr würdet sagen: Wow!»

Louis C.K. galt als lustigster Komiker Amerikas. Bis ihn sein Masturbationsdrang und #MeToo stoppte. Jetzt tourt er wieder – in Europa.

Vor seinem Fall begeisterte Louis C.K. die Massen und verdiente jedes Jahr Millionen. <nobr>Foto: «The New York Times», Laif</nobr>

Vor seinem Fall begeisterte Louis C.K. die Massen und verdiente jedes Jahr Millionen. Foto: «The New York Times», Laif

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«Und, wie war euer Jahr?» Es ist der erste Satz im neuen Programm von Louis C.K., eigentlich ein lahmer Einstieg. Aber komisch ist der Satz dann doch, weil der grosse, schwere Mann etwas gereizt «euer» betont, in Abgrenzung zu seinem eigenen Jahr, das katastrophal war. Das weiss das Publikum, das gekommen ist, um dem gefallenen Komiker bei der Wiederauferstehung zuzusehen. Er wiederum ist gekommen, um dem Publikum beim Zusehen zuzusehen: Wie wird es auf ihn reagieren?

Das Jahr des Louis C.K. hat 20 Monate. Im November 2017, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Bewegung, erschien ein Artikel in der «New York Times» über fünf Frauen, die ihm sexuelles Fehlverhalten vorwarfen: Er hatte vor ihnen masturbiert. Sein Name wurde auf die Liste gesetzt, auf der bereits Harvey Weinstein stand. Sie gehört zu den schwärzesten Listen, die es im Showbusiness je gab, und wer in dieser Branche überleben wollte, musste sich schnell von ihm distanzieren. Die Karriere von Louis C.K. schien vorbei.

Teatro Nuovo statt Madison Square Garden

Er selbst leugnete nichts, sondern teilte mit, die Vorwürfe der Frauen seien wahr: «Ich habe in meiner langen und glücklichen Laufbahn alles sagen und erzählen können, was ich wollte. Ich werde mich nun zurückziehen und eine lange Zeit lang nur zuhören.»

Sind 20 Monate eine lange Zeit? Louis C.K. schleicht sich gerade wieder in die Öffentlichkeit. Wobei sich der Komiker, der acht Mal den Madison Square Garden bis zum letzten der 20'000 Plätze gefüllt hat, an eine neue, intimere Definition von Öffentlichkeit gewöhnen muss: Das Teatro Nuovo fasst 1000 Zuschauer, es steht auch nicht in New York, sondern in Mailand. Zuvor war er in Griechenland. Heute tritt er in Bulgarien auf.

Fett, frustriert, weltberühmt

Im Kleinen und fern der Heimat ist dies der Test eines Künstlers, ob die Rückkehr in ein Geschäft gelingen kann, von dem man verstossen wurde. Im Kern aber geht es um die Frage, wie es grundsätzlich weitergehen kann mit der Kunst jener Künstler, die direkt nach den #MeToo-Enthüllungen zu boykottieren waren.

In Mailand waren die Tickets schnell verkauft. Die meisten der Besucher sehen jünger, deutlich akademischer und auch vitaler aus als der 51-jährige Louis C.K.. Das Plakat zeigt einen untersetzten Mann im Polohemd, mit ausgedehnter Glatze und Bart. Sein biederes, passiv-aggressives Aussehen passt zu der Rolle, die ihn weltberühmt machte: der übergewichtige, verfressene, sexuell frustrierte, einsame, armselige, verantwortungslose, sich und die Welt hassende, medial verdummte, aber dabei trotzdem hoch reflektierte weisse Mittelschichtsmann, der mit einer kaputten Ehe hadert und zwei Töchter zu erziehen hat, die er über alles in der Welt auch deshalb liebt, weil er sonst nicht mehr viel hat. Man könnte sagen: ein normaler Grossstadtbewohner.

Einen Durchschnittstypen zu spielen, heisst eine riesige Masse an Menschen anzusprechen, die sich mit dieser Lebenswelt identifizieren können. Aber Louis C.K. spiegelt seine Zuschauer nicht nur – er überschreitet für sie hoch virtuos Grenzen. Er ist ein Meister des Tonfalls und des Timings, und seine schwarzen Geschichten begeistern sein gebildetes und versautes Publikum, weil sie bis zum Wahnsinn elaboriert sind.

Unbestritten ist, wie sehr er den Geschmack des Publikums trifft.

In einem seiner lustigsten Auftritte steigert er sich in einer Gewaltfantasie in den Hass auf ein Kind hinein, das in der Schule seine Tochter quält. Die Geschichte endet so, dass er, der heterosexuelle Louis C. K., den Vater des Kindes, der eben gerade noch heterosexuell war, derartig brillant verführt, dass dieser schwul wird, sich in ihn, Louis C.K., verliebt, worauf er dann den Vater verlässt, ihn blamiert und so schliesslich die Ehe der Eltern des verhassten Kindes ruiniert.

Eigentlich sind dies fabelhafte Zeiten für Louis C.K. Nie lachen die Menschen lieber als dann, wenn Witze exzessiv in erlaubt und unerlaubt eingeteilt werden. In der US-Tradition des Stand-up ist ohnehin vieles gestattet, was in der echten, ernsten Welt noch nie strikter verboten war als heute. Und weil Louis C.K. dazu noch als authentischer Liberaler gilt aus dem Milieu der Jewish Comedy wie etwa sein Freund Woody Allen, geht bei ihm vieles, was sonst nicht ginge. Unbestritten ist, wie sehr er den Geschmack des Publikums traf: Allein in seinem Schicksalsjahr 2017 hat Louis C.K. 52 Millionen Dollar verdient.

Grundsätzlich wurde Louis C.K. damals von all jenen, die vor allem in den USA Verhalten und Ansichten rauf und runter benoten, auf der moralisch richtigen, eben liberalen Seite verortet. Das ist ein nicht ganz unkomisches Problem: Wieso sollte ein brillanter Künstler ein brillanter Mensch sein? Vielen galt er gar als Feminist, von der «New York Times» wurde er als das «gute Gewissen der Comedy-Szene» bezeichnet, weil er die Leute über Heuchelei lachen lässt – «vor allem über männliche Heuchelei». Was aber, wenn Louis C.K. und Louis Székely, wie der Komiker eigentlich heisst, sich nun mal ähnlich sind?

«Ein Perverser. So wie wir alle»

In Mailand gibt es vor der Show keine Proteste wie bei den ersten Comeback-Shows in den USA. Vor einem Auftritt im Januar in San José hielten zwei Dutzend Frauen Schilder in die Luft, auf einem stand: «Es gibt keine grössere Bedrohung für Frauen als Männer.» Unter dem Zitat stand korrekt der Quellenverweis: Louis C.K.

Ins Teatro Nuovo kommen viele Frauen. Wer sie fragt, warum sie die Enthüllungen nicht von diesem Besuch abgehalten haben, bekommt die Antworten mit italienischer «Come on»-Geste serviert: Was Louis C.K. gemacht habe, sei nicht so schlimm; wer mit so einem aufs Hotelzimmer gehe, dürfe sich nicht wundern; der Mann sei kein Vergewaltiger wie Harvey Weinstein, er sei höchstens ein Bastard, der Pech hatte, mit Weinstein in einen Topf geworfen worden zu sein; was gerade in den USA passiere, sei ein Exzess an Prüderie; wenn man seine Kunst wegen so etwas boykottiere, könne man kein Buch mehr lesen, keinen Film schauen. Ein junger Mann sagt: «Er ist ein Perverser. So wie wir alle.»

Louis C.K. hat 2002 den Auftritt zweier junger Comedians gesehen und die beiden im Anschluss auf sein Hotelzimmer eingeladen. Dana Min Goodman und Julia Wolov waren Nachwuchskünstlerinnen, er war bereits ein Star. Im Zimmer fragte er die beiden, ob er seinen Penis herausholen dürfe. Sie dachten, das wäre ein Witz und lachten. Louis C.K. zog sich aus und begann zu masturbieren. Die beiden Frauen sagten später, sie hätten einander festgehalten, geschrien und im Schock gelacht. Nachdem er auf seinen Bauch ejakuliert habe, seien sie geflohen. Weitere Frauen erzählten von ähnlichen Begegnungen mit Louis C.K., sein Verhalten sei ein offenes Geheimnis gewesen – ein Geheimnis indes, das sein Management nicht in die Öffentlichkeit getragen sehen wollte. Die Frauen erzählten von Einschüchterungsversuchen.

Dann wurde Louis C.K. rot

«Die Frauen hätten jederzeit gehen können», sagt eine Besucherin in Mailand, sie ist Mitte dreissig und Schauspielerin. Er sei nicht über die Frauen hergefallen, habe sie sogar um Erlaubnis gefragt: «Was, wenn eine Nein gesagt hätte?» Tatsächlich hat mindestens eine Nein gesagt, Rebecca Corey. 2005 kam er bei einem gemeinsamen Dreh auf sie zu. Ob er ihr eine Frage stellen dürfe. Sie sagte: Ja. Er fragte, ob sie zusammen in ihre Garderobe gehen könnten und er vor ihr masturbieren dürfe? Sie sagte: Nein. Er sei rot geworden, erinnert sich Corry, dann habe er gesagt, er habe Probleme.

Niemand unter den Besucherinnen und Besuchern hier in Mailand käme auf Nachfrage auf die Idee, den eigenen Besuch zu rechtfertigen mit der Trennung von Werk und Autor und derlei. Die Masturbationsgeschichte erschien seinen Fans, die den Künstler Louis C.K. und den Menschen dahinter eh immer für ein und denselben hielten, als geradezu naheliegend. Selbstbefriedigung und Scham bilden, wenn man so will, das Fundament seines Schaffens.

Auch seine alte Freundin und Kollegin Sarah Silverman hat er gefragt, ob er vor ihr masturbieren dürfe. Manchmal habe sie das sehen wollen, erzählte sie im letzten Herbst. Andere Male habe sie gesagt: «Fucking no! Ekelhaft!» Dann hätten Louis und sie halt stattdessen zusammen Pizza gegessen. Masturbieren vor anderen, das sei eben schon immer sein Ding gewesen. Problematisch sei es erst geworden, als er berühmt wurde. Louis C.K. hat das selbst angesprochen: Er habe zu spät begriffen, dass die Frage, ob jemand seinen Schwanz sehen wolle, keine Frage sei, wenn man Macht über diese Person habe. Was Sarah Silverman noch sagte: Sie hoffe, er spreche die Sache auf der Bühne an, wenn er wieder auftrete.

«Würdet ihr mich beim Masturbieren sehen, ihr würdet sagen: Wow!»Louis C.K. in seinem neuen Programm

Natürlich tut Louis C.K. das in Mailand. «Wenn du jemanden fragst, ob du dir vor ihr einen runterholen darfst, und sie sagt Ja, frag noch mal nach: Bist du sicher?», rät er: «Und selbst wenn sie noch mal Ja sagt: Tus nicht!» Man muss kein Eiferer sein, um herauszuhören, dass er den Frauen eine Mitschuld gibt an dem Schlamassel, in dem er, die arme Wurst, jetzt steckt. Die Zuschauer lachen, bedingungslos. Ihr Urteil ist eindeutig, solange sie die Verhandlung lustig finden. An Liebe und Macht wird es Louis C.K. auch zukünftig nicht fehlen.

Jeder habe so sein Ding, fährt Louis C.K. fort, aber nur über seines wisse die ganze Welt Bescheid. «Wenn ich heute ins Flugzeug steige, sitzt da einer und kreischt: ‹Das ist der Typ!›» Louis C.K. macht nun den Fluggast nach, wie der Louis C.K. nachmacht, mit einer Masturbationsgeste, die früher zu seinem anstössigen, aber eben unschuldigen Repertoire gehörte. «Ich mag es einfach nicht, mir alleine einen runterzuholen. Ich bin gut darin. Ich will es den Leuten zeigen, wie einer, der gut jonglieren kann. Würdet ihr mich dabei sehen, ihr würdet sagen: Wow!» Weiter, immer weiter.

Erstellt: 23.07.2019, 21:24 Uhr

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