Wulff schlägt zurück

Der ehemalige deutsche Bundespräsident stellt heute sein Buch vor. Wird es eine Abrechnung mit den Medien, die seinen Sturz betrieben haben?

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Der Titel lautet «Ganz oben Ganz unten». Kürzer kann man das bisherige Leben von Christian Wulff nicht zusammenfassen. Er war deutsches Staatsoberhaupt, residierte im Schloss Bellevue. Dann kam die «Affäre Wulff», und er verlor alles: Amt, Ansehen und schliesslich auch noch seine Frau.

Jetzt steht Christian Wulff in einem Berliner Konferenzsaal und stellt sein Buch vor. Der Andrang ist riesig. Viele wollen wissen, was aus dem Mann geworden ist, dessen Fall die Bundesrepublik an den Rand einer Staatskrise gebracht hat. Erster Eindruck: Wulff scheint es gut zu gehen. Entspannt wirkt er, selbstsicher. Er ist nicht mehr so bleich und eingefallen wie auch schon. Er selber sagt, er sei «auf dem Weg nach oben». Und: «Ich bin ein freier Mann, in jeder Hinsicht.» Natürlich ist es ein Ziel dieses Auftritts, sich wieder zu zeigen, in besserer Form. Es ist der symbolische Neuanfang eines Gefallenen.

Abrechnung

«Ganz oben Ganz unten» ist aber auch eine Art Abrechnung. Wulff schildert darin seine Sicht auf die Affäre, die seinen Namen trägt. Das wirkt zuweilen martialisch: «Die Jagd» oder «Die letzte Kugel» lauten zwei Kapitelüberschriften. Im Kern interpretiert der ehemalige Staatspräsident die Ereignisse als medialen Komplott gegen ihn. Vor allem der «Bild»-Zeitung schreibt er eine böse Rolle zu. Das Boulevardblatt habe ihn verfolgt, weil er dessen Journalisten keine Vorzugsbehandlung zukommen liess; aber auch aus politischen Gründen. Im Verlagshaus Springer, das «Bild» herausgibt, gilt der Islam als Bedrohung für die Freiheit der westlichen Welt. Mit seinem berühmten Satz «Inzwischen gehört auch der Islam zu Deutschland», so die Interpretation Wulffs, habe er die Springer-Leute gegen sich aufgebracht. Die andere Presse, vor allem die bürgerliche, sei den «Bild»-Kollegen dann willig gefolgt.

Minutiös zeichnet Wulff den Verlauf der Affäre nach. Die erste Publikation in der «Bild» über seinen Hauskredit, wie dann Hunderte Journalisten begannen, das private und geschäftliche Umfeld des Bundespräsidenten abzuklopfen. Ans Licht gezerrt wurde alles, was irgendwie die Arbeitshypothese bestätigen konnte, bei Wulff stimme etwas nicht. Es ging um Ferien in Häusern ­reicher Freunde, um einen Besuch am Oktoberfest, aber auch um einen geschenkten Bobbycar für den kleinen Sohn des Staatsoberhaupts.

«Störung in der Machtbalance»

Über das politische Schicksal Wulffs entschied schliesslich die Staatsanwaltschaft Hannover, die im Februar 2012 die Aufhebung der Immunität verlangte, um ermitteln zu können. Wulff trat ­zurück. Bei der Buchpräsentation wird klar, dass Wulff dies für einen Fall von Staatsversagen hält. Denn die Justiz habe auf öffentlichen Druck reagiert – ohne, dass ausreichend Anhaltspunkte für ein Verfahren existiert hätten. Eine «Störung in der Machtbalance» zwischen Medien, Justiz und Politik konstatiert Wulff und zitiert einen Berliner Chefredaktor: «Die Presse ist ja die vierte Gewalt», soll der Mann gesagt haben. «Aber was sind die anderen drei?»

Die Wulff-Geschichte ist jedoch in erster Linie eine Mediengeschichte gewesen. Schon früh haben sich kritische Kommentatoren gefragt, ob es Zeitungen und Online-Portale nicht übertrieben haben mit ihrer Hatz auf das Staatsoberhaupt. Der Prozess gegen Wulff hat die Skeptiker bestätigt. Im Februar dieses Jahres ist der ehemalige Staatschef vom Landgericht Hannover vom Vorwurf der Vorteilsannahme freigesprochen worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2014, 12:37 Uhr

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