Zornige Isländer laufen Sturm gegen die Nationalbank

Im Schatten der Finanzkrise haben Demonstranten am Wochenende in Reykjavik versucht, das Parlament und die Nationalbank zu stürmen.

Fordern den Rücktritt ihres Ministerpräsidenten: Demonstranten in Reykjavik.

Fordern den Rücktritt ihres Ministerpräsidenten: Demonstranten in Reykjavik. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Weg mit den beiden Unberührbaren», skandierten am Wochenende über zehntausend Isländer bei der bislang grössten Protestkundgebung nach dem Zusammenbruch des isländischen Bankensektors vor einem Monat. Auf zahlreichen Plakaten und Banderolen machten die Demonstranten deutlich, wen sie meinten: Ministerpräsident Geir Haarde und Zentralbankchef David Oddson. Die beiden führenden konservativen Politiker prägen die isländische Politik seit Jahrzehnten und werden deshalb heute für die Folgen der Finanzkrise verantwortlich gemacht, die Island wie kein zweites Land in die Knie gezwungen hat.

Im Anschluss an die friedliche Grosskundgebung vor dem Parlamentsgebäude versuchten einige Hundert Menschen das Abgeordnetenhaus und das Zentralbankgebäude zu stürmen. Zudem wollten einige Jugendliche in Reykjavik einen in der Nacht zuvor verhafteten Kollegen aus der zentralen Polizeiwache befreien. Bei den gewaltsamen Zusammenstössen mit der Polizei wurden mehrere Menschen verletzt, die Sicherheitskräfte setzten Pfefferspray ein. Für isländische Verhältnisse sind derartige gewaltsame Auseinandersetzungen aussergewöhnlich.

Zum letzten Mal vor über 40 Jahren

Zum letzten Mal musste die Polizei vor über 40 Jahren bei Demonstrationen gegen den US-Militärstützpunkt in Keflavik einschreiten. Nun bricht jedoch der in den letzten Jahren aufgebaute und dank des Wirtschaftsbooms viel gelobte Konsens der grossen Regierungskoalition von Konservativen und Sozialdemokraten auseinander: Denn nun bekommen die breiten Wählerschichten die harten Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruches zu spüren.

Mit den Milliardenkrediten, die Island vom Internationalen Währungsfonds und von mehreren Staaten zugesichert erhielt, werden die Verluste ausländischer Sparer bei den isländischen Grossbanken kompensiert; auch soll die isländische Krone wieder konvertibel gemacht werden. Den 320'000 Einwohnern selbst stehen aber sehr harte Zeiten mit grossen Einbussen des Lebensstandards bevor. Deshalb fordern nun viele den Rücktritt des Führungsduos sowie Neuwahlen - notfalls nun auch auf handgreifliche Art.

Erstellt: 24.11.2008, 07:01 Uhr

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...