Zwischen den Fronten

Der Süden der Ukraine war bis vor wenigen Tagen ein Hort des Friedens. Doch dann kam der Krieg auch hierher und trieb die Menschen in die Keller.

Ein Zivilist passiert einen Checkpoint der ukrainischen Armee nahe der Stadt Mariupol im Süden des Landes. Foto: Reuters

Ein Zivilist passiert einen Checkpoint der ukrainischen Armee nahe der Stadt Mariupol im Süden des Landes. Foto: Reuters

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Bis vor kurzem hätten Iwan und Raissa Naskow nicht widersprochen, hätte man sie wegen ihres beschaulichen Lebens beneidet. Gewiss, die Rente des pensionierten Fahrers war nicht hoch, das einstöckige Häuschen im Dorf Schirokino östlich der ukrainischen Hafenstadt Mariupol bescheiden. Doch dafür blickten die Raskows direkt aufs Meer, liess die in den letzten Wochen zuverlässig vom Himmel brennende Sonne die roten Weintrauben über ihrem Hof zuckersüss heranreifen.

Bis der Krieg nach Schirokino kam. Es ist kurz vor eins am Donnerstag, als die vorgerückten Separatisten die ukrainischen Stellungen östlich von Mariupol zum ersten Mal unter Feuer nehmen – und im Dorf Schirokino, das genau in der Mitte zwischen Ukrainern und Rebellen liegt, plötzlich die Hölle losbricht. Als erstes wird das Kinderferienlager am Dorfrand durch mehrere Granaten in eine Ruine verwandelt – die letzten Kinder sind zum Glück schon vor Tagen abgereist. Iwan und Raissa Naskow fliehen aus ihrem Häuschen in der Step­naja-Strasse 14 ein paar Meter weiter zu Tochter Alla – die hat einen grösseren Keller. In den nächsten Stunden zählen die Naskows rund siebzig Bombeneinschläge, mal ein paar Kilometer entfernt, dann neben dem Dorf oder hinter dem Haus.

Zweieinhalb Stunden später tritt Ruhe ein. Iwan, ein kräftiger Mann mit trotz seiner 63 Jahre noch überwiegend schwarzen Haaren, verlässt den Keller, um Luft zu schnappen und bei seinem Haus nach dem Rechten zu sehen. Die nächste Granate, offenbar von einer ukrainischen Stellung abgefeuert, explodiert direkt vor Iwan Naskows Haus. Die Wucht der Explosion verbiegt sein altes grün-rotes Fahrrad zu Altmetall, Iwans Leiche liegt am Strassenrand und sein Blut durchtränkt den Strassenstaub.

Mariupol und Nowoazowsk trennen gut 40 Kilometer – ein weitgehend ausgestorbenes Niemandsland mit wenigen kleinen Dörfern und abgeernteteten Feldern. Ab und zu erinnert ein Feld vertrockneter Sonnenblumen daran, dass mancher Bauer in den vergangenen Monaten anderes zu tun hatte, als sich um die Bewässerung seiner Felder zu kümmern. Viele Felder sind von schwarzer Asche überzogen. Die ukrainische Armee wünscht bestmögliche Sicht, um den Feind früh kommen zu sehen, und hat die Felder und von Gras bewachsenen Strasenränder abgefackelt.

Über dem Sitz der Verwaltung, die Nowoazowsk und die umliegenden Dörfer verwaltet, hängt statt der ukrainischen Fahne die Flagge Neurusslands. Der Verwaltungschef darf sich seit Donnerstag als in einen «unbefristeten Urlaub» versetzt betrachten, stattdessen hat ein Vertreter der Rebellen die Macht übernommen. «Brüder und Schwestern! Die Befreiungsarmee Neurusslands grüsst euch. Wir sind ernsthaft und auf lange Zeit gekommen», verkünden Plakate der Separatisten die Ankunft der neuen Macht. «Unsere Aufgabe ist, weiter vorzurücken – eure Aufgabe, ein friedliches, ehrliches und würdiges Leben aufzubauen.»

Kartoffeln nur gegen Vorkasse

Die Organisation des würdigen Lebens überlassen die Rebellen, wie schon zuvor etwa in Donezk, den eingesessenen, von Kiew bezahlten Beamten. Oder genauer: bisher von Kiew bezahlt. «Das grösste Problem ist, dass mit dem Auftauchen unserer russischsprachigen Gäste alle Banken sofort geschlossen haben», sagt Pawel Andrijenko, der Vorsitzende des Bezirksparlamentes, den die Rebellen bisher in Amt und Büro gelassen haben. «Auch die staatliche Finanzkasse arbeitet nicht mehr, die Beamtenlöhne, Renten und Kindergelder überweist. Theoretisch können wir das Geld in allen Städten abholen, die noch unter Kontrolle Kiews sind. Aber dahin muss man erst einmal kommen.»

Auch die Stadtverwaltung sitzt seit der Ankunft der Rebellen finanziell auf dem Trockenen, weshalb sich der Bürgermeister nun den Kopf über Kohl und Kartoffeln zerbricht. Am Montag nämlich will Wladimir Orlowski die fünf städtischen Kindergärten wieder für 300 Kinder öffnen. Doch die Lebensmittelgrosshändler sitzen in Mariupol und bestehen auf Vorkasse.

Orlowskis Stellvertreter Alexander Katschukow hat immerhin einer lokalen Milchfirma gerade das Versprechen abgerungen, die Kindergärten einstweilen auf Rechnung zu beliefern; der Bürgermeister hat gerade 200 Kilo Kohl eingetrieben. «Morgen kümmern wir uns um die Kartoffeln», sagt er. Ein paar hundert Meter weiter ertönt Geschützlärm. Es ist unklar, wer auf wen geschossen hat. «Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg auch zu uns kommt», sagt Parlamentsvorsitzender Andrijenko. «Wenn unsere Häuser zerstört werden, wird es niemand geben, der sie wieder aufbaut.»

Auch in Mariupol stehen Alltagsleben und Krieg unmittelbar nebeneinander. Fast alle Geschäfte sind geöffnet. Nur die Besitzer des «Haus des Geschirrs» und die Juweliergeschäfte «Silber Plus» und «Goldenes Jahrhundert» sind nervös geworden und haben über Nacht ihre Geschäfte geräumt. Gouverneur Sergei Taruta inspiziert kamerawirksam ukrainische Stellungen und versichert, alles sei «unter Kontrolle». Das überzeugt freilich niemanden so recht, schliesslich hat Taruta ähnliche Versicherungen schon an seinem eigentlichen Amtssitz in Donezk abgegeben, bevor ihn die Rebellen der «Volksrepublik» von dort vertrieben haben.

«Der Wolf hat Blut geleckt»

Auch der Bürgermeister von Mariupol wird trotz der Durchhalteparolen des Gouverneurs nervös. Am späten Freitagvormittag schickt er alle Schulkinder der Stadt nach Hause. Keine zwei Stunden später beginnen die Separatisten mit heftigen Angriffen auf die ukrainischen Stellungen östlich von Mariupol. Geschützlärm und Explosionen sind noch zehn Kilometer entfernt am Hafen der Stadt zu hören. Die Gäste, die gegenüber vom Hotel Poseidon lautstark eine Hochzeit feiern, lassen sich vom Geschützlärm nicht stören.

Wladimir Sadaroschni hat als Offizier erst der sowjetischen, dann der ukrainischen Armee gedient, bevor er nach drei Jahrzehnten Dienst in den Ruhestand trat. Noch immer pflegt der pensionierte Oberst gute Kontakte zu seinen ehemaligen Kollegen. Nur wenige Stunden, bevor die ersten Bomben fielen, hat Sadaroschni noch bei einer patriotischen Demonstration gesprochen. Doch sehr optimistisch ist der 65 Jahre alte Ex-Oberst nicht. «Unsere Armee ist nur noch ein Schatten sowjetischer Tage; uns fehlen sowohl erfahrene Soldaten und Offiziere wie schwere Waffen – und Putin kann eine ganze Armada gegen uns losschicken.»

Auch bei einem Waffenstillstand, glaubt Sadaroschni, werde Russlands Präsident nicht davon ablassen, nach der Krim auch weitere Teile der Ukraine zu erobern. «Der Wolf hat Blut geleckt und wird nicht mehr Halt machen. Putin sieht sich als Zar, der verlorene russische Erde zurückholt. Die lächerlichen Sanktionen, die der Westen gegen ihn beschliesst, sind ihm dann gleichgültig.»

Friedhof in der Schusslinie

Im Dorf Schirokino haben die Nachbarn inzwischen die sterblichen Überreste von Iwan Naskow, eingeschlagen in eine Wolldecke, in den kleinen Hof vor dem Haus von Tochter Alla gebracht und vor der Garage abgelegt. «Unser Enkel weiss noch nichts von Iwans Tod – wenn er uns das nächste Mal besucht, wird er nicht verstehen, wo der Opa geblieben ist», sagt Raissa Naskow und schluchzt. An der Hauswand lehnt der Sargdeckel, bezogen mit rotem Samt, doch die Beerdigung muss warten. Der Friedhof des Dorfes liegt in der Nähe der Hauptstrasse zwischen Mariupol und Nowoazowsk – dort wird das Feuer der Granaten höchstens für ein paar Minuten unterbrochen. Dann kommt die Meldung über den in Minsk beschlossenen Waffenstillstand. Doch im Dorf Schirokino sieht es nicht nach Frieden aus.

Erstellt: 06.09.2014, 08:06 Uhr

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Kämpfe bei Mariupol Aus der Grossstadt im Südosten der Ukraine werden Kämpfe gemeldet.

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