Afrikanische Mittelschicht? Welche Mittelschicht?

Die Behauptung hat Hochkonjunktur: Es sei vor allem Afrikas Mittelstand, der auf Schlauchbooten über das Mittelmeer nach Europa komme. Das ist absurd.

Afrikanische Bootsflüchtlinge während einer Rettungsaktion im Mittelmeer.

Afrikanische Bootsflüchtlinge während einer Rettungsaktion im Mittelmeer. Bild: Guglielmo Mangiapane/Reuters

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Mit kaum einem anderen sozioökonomischen Begriff lässt sich so munter Unfug treiben wie mit jenem der «Mittelschicht». Das zeigt besonders deutlich die sogenannte Migrationsdebatte, in der es Mode geworden ist, über das Mittelmeer kommende afrikanische Immigranten dem Mittelstand zuzurechnen.

Es sei unverständlich, «warum es besonders ehrenhaft sein soll, die afrikanische Mittelschicht mit falschen Versprechen nach Europa zu locken», hiess es kürzlich in einem Kommentar der «SonntagsZeitung». Fast alle Neuankömmlinge «kommen aus der Mittelschicht und hoffen auf raschen Wohlstand», schreibt die «Süddeutsche Zeitung» über die Zunahme der Migration in Spanien. Es sei «die afrikanische Mittelklasse, die auf ein besseres Leben in Europa setzt», bekräftigt in einem Interview mit der «Weltwoche» der Journalist und Afrika-Experte Stephen Smith, der mit seinem Buch «La ruée vers l’Europe» (Der Ansturm auf Europa) Aufsehen erregt.

Irreführend am Begriff Mittelschicht ist in diesem Zusammenhang, dass ihn die überwiegende Mehrheit der hiesigen Leserinnen und Leser wohl auf das eigene Land und die eigene Lebenswirklichkeit bezieht. Die Behauptung von der migrierenden afrikanischen Mittelklasse suggeriert, dass es den Auswanderern eigentlich daheim ganz gut gehe, etwa so gut wie bei uns einem Apotheker oder einer Sekundarschullehrerin.

Damit wird dem Entschluss, sich auf die Reise in den Norden zu begeben, gleich doppelt die Legitimation entzogen.

Damit wird dem Entschluss, sich auf die Reise in den Norden zu begeben, gleich doppelt die Legitimation entzogen: Nicht nur sind die Migranten keine «echten Flüchtlinge» im Sinne politischer Verfolgung, nein, sie sind nicht einmal wirklich arm. Bis zur Behauptung, sie wollten im fernen Europa «in die Sozialsysteme einwandern» (noch so eine aus dem Handgelenk geworfene Knallpetarde migrationspolitischer Tschingderassa-Bumm-Rhetoriker), ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Nebenbei gesagt wäre es interessant, zu wissen, wie ein Afrikaner, der in Apulien bei unerträglicher Hitze für zwanzig Euro am Tag Orangen pflückt, auf den Spruch mit der Migration in die Sozialsysteme reagieren würde. Vielleicht, indem er den Arm hebt und den Mittelfinger ausstreckt? Recht hätte er.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Richtig ist, dass Auswanderer gewisse finanzielle Ressourcen brauchen, die den Ärmsten der Armen in Afrika nicht zur Verfügung stehen. Um die Schlepper zu bezahlen und ein Familienmitglied auf die Reise zu schicken, legen oft ganze Clans Geld zusammen. Dass die Migranten trotzdem nichts, aber auch gar nichts mit «Mittelklasse» zu tun haben, gebietet schon die Alltagsvernunft: Kein Mittelständler, der diesen Namen verdient, käme auf die Idee, das Risiko des Verdurstens in der Sahara oder des Ertrinkens im Mittelmeer auf sich zu nehmen.


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2011 kam die Afrikanische Entwicklungsbank in einem Bericht zum Schluss, dass 34 Prozent der afrikanischen Bevölkerung zur Mittelschicht gehören. Bloss reichten tägliche Konsumausgaben von zwei bis vier Dollar, um auf die Liste der angeblich Glücklichen zu gelangen. Eine von der französischen Firma CFAO in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahre 2015 zählte eine Familie schon zur afrikanischen Mittelschicht, wenn das kumulierte Einkommen ihrer Mitglieder 12 Dollar täglich betrug. Das muss rein rechnerisch nicht falsch sein. Aber wer auf der Einkommensskala eines armen Landes statistisch gesehen einen mittleren Wert erzielt, ist faktisch immer noch arm.

Tatsache ist: Das Hauptmotiv für die afrikanische Migration nach Europa ist Armut.

Wie trügerisch im Bezug auf Entwicklungs- und Schwellenländer der Begriff Mittelschicht ist, zeigt auch das Beispiel Lateinamerika, wo der angeblich exorbitante Zuwachs dieser Kategorie während der Nullerjahre ebenfalls zu einem grossen Teil auf statistischen Blendeffekten beruhte.

Vielleicht ist das Gerede von der migrierenden afrikanischen Mittelschicht auch deshalb so beliebt, weil es das Gewissen beruhigt. So nach dem Motto: Wer auswandert, obwohl er es gar nicht nötig hat, ist letztlich selber schuld, wenn er dabei zugrunde geht. Und wenn jemand selber schuld ist, erübrigt sich die Frage nach der eigenen Mitschuld. Tatsache ist: Das Hauptmotiv für die afrikanische Migration nach Europa ist Armut, genauso wie es bei Millionen Europäern der Fall war, die im 19. Jahrhundert nach Übersee auswanderten.

Europa muss die Möglichkeit haben, seine Aussengrenzen zu kontrollieren und Immigranten zurückzuschicken. Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums in unserem Nachbarkontinent gilt dies erst recht. Das ist aber noch lange kein Grund, die individuelle Notlage der Betroffenen mit pseudosoziologischen Gaukeleien zu verharmlosen.

Podiumsdiskussion: «Wer ist schuld am Elend Afrikas?» 22. August, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich. Beginn: 20 Uhr. Gäste: Tina Goethe, Mohomodou Houssouba, David Signer

Erstellt: 13.08.2018, 10:13 Uhr

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