Alle gegen Olaf Scholz

In «Castingshows» überall im Land suchen die Sozialdemokraten seit einem Monat eine neue Führung. An eine rasche Wiederauferstehung der Partei glaubt niemand.

Olaf Scholz ist der einzige Bewerber aus der ersten Reihe der SPD – hier mit seiner Kandidaturpartnerin Klara Geywitz. Foto: Swen Pförtner (Keystone)

Olaf Scholz ist der einzige Bewerber aus der ersten Reihe der SPD – hier mit seiner Kandidaturpartnerin Klara Geywitz. Foto: Swen Pförtner (Keystone)

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Die harten Fragen aus dem Pub­likum gehen immer an Olaf Scholz. Er sei doch schon so lange dabei, warum habe er es denn bis heute nicht geschafft, die SPD zu retten? Er sei der grösste Fan der ungeliebten Grossen Koalition in Berlin und der eifrigste Verfechter der «schwarzen Null», eines ausgeglichenen Haushalts also: Warum solle ausgerechnet er der Partei den Weg in die Zukunft weisen? Was sei überhaupt seine Vision?

Fast immer sind es Jungsozialisten, die solche Fragen stellen, um den Finanzminister blosszustellen – ihre Führung hat dafür eigens Anleitungen verschickt. Vor allem die Linken machen nach dem Rücktritt von Andrea Nahles den 61-jährigen Vizekanzler für den Niedergang der Partei verantwortlich.

Unter den sieben Kandidatinnen und sieben Kandidaten für den Vorsitz ist Scholz sozusagen das Einhorn. Er ist der einzige Bewerber aus der ersten Reihe der SPD, der Einzige, den man überall im Land kennt, das einzige politische Schwergewicht. Die 13 anderen Bewerber gleichen eher Klara Geywitz, seiner 43-jährigen Kandidaturpartnerin: klug und kompetent, aber wenig aufregend oder bekannt.

Bei der SPD daheim

Braunschweig ist eine dieser deutschen Städte, in denen die SPD immer noch eine Macht ist: Der Bürgermeister ist ein Genosse, der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen ebenso, und wenn man in Braunschweig aus dem Bahnhof tritt, steht man gleich auf dem Willy-Brandt-Platz. Die Stadthalle mit ihren 1000 Plätzen ist gut gefüllt, als die SPD um sechs Uhr abends ihre Schau eröffnet.

Das Publikum ähnelt jenem, das man auf Versammlungen der anderen kriselnden Volkspartei antrifft, der CDU: viele Männer und Frauen mit grauen Haaren, dazwischen ein paar Junge. Aber kaum Menschen zwischen 35 und 55. Auch sonst lohnt sich ein Vergleich. Als die Union vor einem Jahr eine Nachfolgerin für Angela Merkel suchte, traten die Kandidaten ebenfalls überall im Land auf: achtmal, drei Kandidaten standen zur Wahl. Allesamt waren sie Schwergewichte der Partei, ihr Wettstreit entschied über die Richtung, die die CDU am Ende der Ära Merkel einschlagen wollte.

Während die CDU sich damals an den Debatten regelrecht berauschte, ist die Stimmung bei der SPD nun zwar lebhaft und interessiert, aber selten dringlich oder gar zukunftsfroh. Dies entspricht nicht nur der Krise der Partei, zum Teil ist es auch eine Folge des gewählten Formats: Auf der Reise zu sich selbst hält die Partei nicht weniger als 23 Castingshows ab, an denen sich 14 Bewerber präsentieren. Ab Mitte Oktober wählen die 430'000 Mitglieder dann das Siegerduo.

Wer in 60 Sekunden auf komplexe Fragen antworten muss, kann sich kaum profilieren.

Die Vielzahl der Kandidaten verwandelt das Casting in ein Speeddating, das ein bisschen Show, viele Schlagworte, aber wenig Inhalte bietet. Wer in 60 Sekunden auf komplexe Fragen antworten muss, kann sich kaum profilieren. Selbst nach vier Wochen Tour ist schwer zu erkennen, welche Paare in welche Richtung streben. Die eigentliche Grenze verläuft zwischen Scholz und dem Rest. Fast alle anderen Kandidaten wollen die Partei irgendwie nach links führen, grüner machen und bei nächster Gelegenheit in die Opposition flüchten.

Aber welches Paar hat dafür eigentlich das beste Konzept? Das bleibt in Braunschweig auch nach zwei Stunden Debatte weitgehend unklar. Scholz verbringt den Abend damit, sich zu rechtfertigen – und wirkt doch immer, als ob er beweisen müsste, dass er überhaupt ein richtiger Sozi ist. Auf die Frage, welche Vision er für die Partei denn habe, spricht er nicht von «sozialer Gerechtigkeit», sondern von «Sicherheit»: In unsicheren Zeiten müsse die SPD Schutz vor den Auswüchsen der Globalisierung und dem technologischen Wandel gewährleisten. Der Applaus könnte heftiger ausfallen.

Scholz werde sie jedenfalls nicht wählen, bilanziert Marike Bebnowski beim Hinausgehen. Die 33-jährige Gewerkschafterin ist entgeistert, dass Scholz auf die Frage nach der Zukunft als Erstes davon sprach, dass es den Genossen auch in anderen Ländern schlecht gehe. «Im Ernst, jetzt?», fragt sie und rollt die ­Augen. Auch die Rentnerin Felicitas Nadjid fände es «nicht gut», wenn Scholz die Partei in die Zukunft führen würde. Sie schätzt zwar seine Kompetenz, vermisst aber jede Ausstrahlung. «Die SPD braucht jetzt jemanden, der mitreissen kann.» Und wer sollte das sein? «Stephan Weil, der Ministerpräsident von Niedersachsen, wäre so einer gewesen», bedauert Nadjid. Aber der trete ja leider nicht an – ebenso wenig ­Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern.

«Ich weiss immer noch nicht, wen ich wählen soll», seufzt Bebnowski. Wie die Partei zum Erfolg zurückfinden könnte, ist ihr so unklar wie zuvor. Ob die SPD in der Regierung bleibe oder sie aufkündige – beides werde ihr zum Nachteil ausgelegt werden und schaden. Und ohne zuvor die Regierungsfrage zu klären, könne man eigentlich gar keine neue Spitze wählen.

«Sehe nicht, was hilft»

Auch der 66-jährige Architekt Reinhard Beiermann glaubt nicht an eine schnelle Wiederauferstehung. «Im Moment sehe ich kaum etwas, was die SPD wieder nach vorne bringen könnte.» Selbst wenn man morgen aus der Regierung aussteigen würde, stünde man nicht übermorgen wieder bei 30 Prozent. Um wiederzuerstarken, brauche die Partei Zeit und neues Personal. Scholz sei zwar weder ein frisches Gesicht noch besonders beliebt in der Partei: Aber wenn kein anderer mehr überzeuge, sei er am Ende für die Spitze vielleicht doch der beste Kandidat.

«Scholz ist ein Pragmatiker durch und durch», sagt Jan Philip Fahrbach, und verdiene dafür Respekt. Das alleine genüge aber nicht. Der 19-jährige Student vermisst bei der SPD eine «positive Utopie für die Gesellschaft, eine Perspektive über eine Legislatur hinaus». Die fehle allerdings nicht nur der SPD, sondern auch den übrigen Parteien.

Während Scholz mit seinen Leibwächtern die Stadthalle längst verlassen hat, feiern die Jungsozialisten ihren Liebling Norbert Walter-Borjans. In Trauben umringen sie ihn, posieren für Selfies. Walter-Borjans ist zwar schon 67, aber seit er mit gestohlenen Bankdaten aus der Schweiz sieben Milliarden Euro Steuergeld zurückgeholt hat, gilt er vielen Linken als Held – als Robin Hood der ehrlichen Steuerzahler. Mangels Konkurrenz und dank starker Unterstützung von Jusos und aus Nordrhein-Westfalen könnte Walter-Borjans am Ende durchaus zum Mann werden, der Olaf Scholz schlägt. Stellvertretend für alle anderen.

Erstellt: 02.10.2019, 22:52 Uhr

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