«Alle gehen weg, sogar die Mafia»

Süditalien gehe es schlechter als Griechenland, und es sei am Sterben, schreibt der Autor Roberto Saviano in einem Brief an Matteo Renzi. Italiens Regierungschef reagiert pikiert.

Schlagabtausch um den Mezziogiorno: Roberto Saviano und Matteo Renzi.

Schlagabtausch um den Mezziogiorno: Roberto Saviano und Matteo Renzi. Bild: Reuters

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Am Anfang war eine Studie über die miserable Wirtschaftslage Süditaliens, danach ein anklagender Zeitungsartikel des «Gomorrha»-Autors Roberto Saviano, gefolgt von einer beschwichtigenden Reaktion des Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Dann gab es weitere Polemiken. Und zuletzt kam ein 80-Milliarden-Euro-Versprechen aus Rom.

Der Mezzogiorno bewegt wieder einmal die italienische Öffentlichkeit, seit die private Entwicklungsorganisation Svimez (Associazione per lo Sviluppo dell'industria nel Mezzogiorno) alarmierende Zahlen und Fakten über Süditalien veröffentlicht hat. Die Wirtschaft schrumpft seit sieben Jahren, von 2000 bis 2013 erzielte sogar Griechenland ein höheres Bruttosozialprodukt, die Ausgaben für Konsum und Investitionen sind rückläufig, die Beschäftigungslage ist so schlecht wie seit 1977 nicht mehr, jeder dritten Person droht Armut, die Geburtenrate hat einen Tiefpunkt erreicht, die Lebensperspektiven sind insgesamt schlecht. Der Svimez-Bericht warnt vor einer «permanenten Unterentwicklung» der süditalienischen Regionen. Und all dies ist verbunden mit «unvorhersehbaren Konsequenzen eines demografischen Tsunami».

«Ein Kind zu haben, ist zum Luxus geworden»

Der Svimez-Bericht veranlasste den auch als Anti-Mafia-Aktivisten bekannten Saviano, einen offenen Brief an den italienischen Ministerpräsidenten Renzi zu schreiben. «Süditalien ist am Sterben. Alle gehen weg, sogar die Mafia», heisst es im Artikel, der am Wochenende in der Zeitung «La Repubblica» veröffentlicht worden ist. «Ein Kind zu haben, ist zum Luxus geworden. Zwei Kinder zu haben, ist bereits eine Tollheit.» Und weiter: «Wer hier geboren wird, wächst mit dem Gedanken auf, wegzugehen.»

In seinem anklagenden Schreiben fordert Saviano den italienischen Regierungschef zum sofortigen Handeln auf: «Lieber Premier, Sie haben die Pflicht, zu intervenieren. Davor müssen Sie aber zugeben, dass die Regierung bisher nichts gemacht hat.» Renzi müsse jedem Einzelnen danken, der in Süditalien bleibe. Renzi habe die Pflicht, die fähigen und willigen Unternehmer von Bürokratie und Korruption zu befreien, schreibt Saviano. Der Autor, der mit dem Anti-Mafia-Bestseller «Gomorrha» Berühmtheit erlangt hat, stammt selber aus dem Mezzogiorno. Saviano wuchs in Neapel auf.

Renzi: Ärmel hochkrempeln statt jammern

In einer ersten Reaktion relativierte Renzi die heftigen Anwürfe von Saviano, indem er Optimismus zu verbreiten versuchte. «Jeder kann feststellen, dass es Italien heute besser geht als vor einem Jahr. Und wir wissen, dass es uns in einem Jahr noch besser gehen wird.» Renzi räumte zwar ein, dass der Süden dem Norden hinterherhinke. Es sei auch klar, dass die Regierung mehr tun müsse, sagte Renzi. Alle Beteiligten sollten sich noch mehr anstrengen. Die Wirtschaftsdaten zeigten, dass es mit Italien wieder aufwärtsgehe. «Hören wir auf, zu jammern. Krempeln wir die Ärmel hoch.»

Inzwischen meldete sich auch Federica Guidi zu Wort. Die Ministerin für wirtschafliche Entwicklung sprach in einem «Repubblica»-Interview von einer Art Marshallplan für den Mezzogiorno. Die Regierung arbeite bereits an einem Investitionsplan zur Förderung der süditalienischen Industrie und Infrastruktur. Demnach sollen in den nächsten 15 Jahren mindestens 80 Milliarden Euro in den Mezziogiorno fliessen.

Erstellt: 04.08.2015, 13:29 Uhr

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