Alle Hoffnung liegt im Grab

36 Jahre nach dem mysteriösen und spurlosen Verschwinden von Emanuela Orlandi lässt der Heilige Stuhl eine interne Ermittlung zu – hinter den vatikanischen Mauern, im deutschen Friedhof.

Demonstranten erinnern im Mai 2012 auf dem Petersplatz an das mysteriöse Verschwinden von Emanuela Orlandi. Foto: Filippo Monteforte (AFP)

Demonstranten erinnern im Mai 2012 auf dem Petersplatz an das mysteriöse Verschwinden von Emanuela Orlandi. Foto: Filippo Monteforte (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alle Hoffnung hängt nun an einem Engel aus Marmor, auch wenn diese Hoffnung eine traurige Vermutung bestätigen würde. Auf dem kleinen Friedhof des deutschen Pilgerkollegs, dem «Campo Santo Teutonico» im Vatikan, einem schattigen Ort der Einkehr zwischen Petersdom und Audienzhalle, werden heute zwei Gräber geöffnet. Gesucht wird nicht nach den Gebeinen derer, die da ausweislich bestattet liegen, nämlich der Adligen Sophia von Hohenlohe und Charlotte Friederike zu Mecklenburg, gestorben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sondern nach dem Leichnam eines Mädchens, der dort womöglich heimlich beigesetzt worden ist.

Emanuela Orlandi, Tochter eines päpstlichen Hofdieners, war 15 Jahre alt, als sie am 22.Juni 1983 spurlos verschwand, kurz nach ihrer Musikstunde in der Nähe der Piazza Navona, im weltlichen Teil Roms. Seither ranken sich vielerlei Thesen um diesen mysteriösen Fall, es ist einer der rätselhaftesten in der an Rätseln durchaus reich bestückten Kriminalgeschichte Italiens.

Wo der Engel hinschaut

Wenn nun, 36 Jahre danach, das vatikanische Staatssekretariat, so etwas wie die Verwaltungszentrale der katholischen Kirche, eine Untersuchung in dem Fall zugelassen hat, samt Graböffnung, dann hat das mit einem anonymen Brief zu tun, den die Familie Orlandi im vergangenen Sommer erhalten hatte. Im Umschlag lag das Foto eines Marmorengels auf dem «Campo Santo Teutonico», der nach unten schaut. In den Händen hält er eine Tafel, auf der steht: «Requiescat in pace», lateinisch für «Ruhe in Frieden». Dazu die Aufforderung: «Sucht, wo der Engel hinschaut.»

Emanuelas Bruder Pietro Orlandi, der in all den Jahren immer dafür sorgte, dass die Italiener das Schicksal seiner Schwester nicht vergessen, ging bald mit dem Brief zum Vatikan. In der Zwischenzeit hatte er nämlich Aussagen von Zeugen aus dem Innern des Vatikans gesammelt, wie er den Medien erzählte, und diese Kreise bestätigten offenbar ganz offen, dass die Spur zum Friedhof Klarheit schaffen könnte. Nur dank dieser zusätzlichen Hinweise habe er überhaupt erst darauf gedrängt, dass die Gräber geöffnet würden. Der anonyme Brief sei ihm zu wenig gewesen. «Ich glaube ja noch immer, dass sie lebt», sagte Pietro Orlandi dieser Tage. Doch wenn es nicht so sein sollte, dann wäre er froh um Gewissheit.

Seit 1983 fehlt von ihr jede Spur: Emanuela Orlandi. Foto: AP, Keystone

Es vergingen wieder Monate, bis der Vatikan endlich reagierte. Dann aber tat er es in aller Form, mit einem Bulletin. Darin erklärte das Staatssekretariat, dass es eine interne Ermittlung eingeleitet habe. Es sollen in der Sache auch etliche ehemals hohe Würdenträger befragt werden, so unter anderem auch die früheren Staatssekretäre Angelo Sodano und Tarcisio Bertone.

Viele Fährten, keine Beweise

Zur Öffnung der Gräber, die der Vatikan als «komplexe Organisation von Menschen und Mitteln» beschreibt, ist nur ein kleiner Kreis geladen: Experten, Techniker, vatikanische Ermittler, Beamte der Gendarmerie, Angehörige der beiden Adelsfamilien und die Orlandis. Journalisten, die gern dabei gewesen wären, wurden abgewiesen. Anfragen gab es natürlich zuhauf. Der «Campo Santo Teutonico» ist für den Sommer geschlossen.

Natürlich werden danach noch einmal Wochen vergehen, bis Erkenntnisse da sind, allein die Abgleichung des Genmaterials braucht ihre Zeit. Das Bulletin des Heiligen Stuhls schliesst mit diesem Satz, der auch als Prämisse hätte dienen können: «Wir halten es für geboten, daran zu erinnern, dass es im Fall Orlandi in den vergangenen Jahren schon viele Hinweise gab, die sich dann als gegenstandslos erwiesen haben.» Der jüngste liegt nur ein Jahr zurück. Da fand man unter den Fliesen der apostolischen Nuntiatur in Rom menschliche Überreste, die sich zunächst nicht einfach zuordnen liessen. Die Aufregung war gross, die Zeitungen waren wieder voll, am italienischen Fernsehen wurden schon alte Dokumentarfilme aktualisiert. Dann stellte sich heraus, dass es sich bei dem Fund um eine Leiche aus der Antike handelte.

Keine Fährte blieb unerforscht, juristisch oder medial. Eine führte in die Entourage von Mehmet Ali Agca, dem Attentäter von Papst Johannes Paul II., eine weitere in die Zwischenwelt der römischen Mafia. Verhandelt wurde auch der Verdacht, das Mädchen sei womöglich missbraucht worden in einer Sexorgie im Vatikan. Doch keine Theorie liess sich bisher mit Indizien erhärten. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn nun tatsächlich Knochen von Emanuela Orlandi in einem der Gräber gefunden würden, jedenfalls nicht unmittelbar. Allerdings würde dann eine Frage ganz prominent über dem Kirchenstaat hängen: Wer, um Himmels willen, wollte die Gebeine des Mädchens für immer im Vatikan verstecken?

Erstellt: 10.07.2019, 20:19 Uhr

Artikel zum Thema

Emanuela, der Boss und der schillernde Banker des Papstes 

In der Nuntiatur in Rom tauchen die Gebeine zweier Personen auf. Die Italiener denken reflexartig an die 1983 verschwundene 15-jährige Emanuela Orlandi. Mehr...

Das Nazi-Geheiminis des Vatikans – Papst will Archive öffnen

Franziskus geht auf eine seit Jahrzehnte gestellte Forderung ein: Er hat die Öffnung geheimer Vatikan-Archive aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs angekündigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...