#Dublin – Berlins Tweet mit Folgen

Es war in den frühen Morgenstunden des 15. August, als die deutschen Migration-Behörden klar machten, wie sie mit syrischen Flüchtlingen umgehen würden.

Selfie mit «Mama Merkel»: Ein syrischer Flüchtling verewigt sich mit der deutschen Bundeskanzlerin. Foto: Reuters

Selfie mit «Mama Merkel»: Ein syrischer Flüchtling verewigt sich mit der deutschen Bundeskanzlerin. Foto: Reuters

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Zuerst war es eine interne Anweisung des deutschen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die unter Flüchtlingshelfern und Syrienaktivisten zirkulierte. In den frühen Morgenstunden des 15. August bestätigte die Behörde dann per Twitter: «#Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von uns weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt.» Es war der Beginn eines Marsches von Tausenden Syrern Richtung Deutschland. Der Tweet bedeutete, dass sie in Deutschland bleiben dürfen, dass sie nicht wie bisher zurückgeschickt werden in jenes Land, in dem sie zuerst den Boden der EU betreten haben.

Die Nachricht machte nicht nur unter den Flüchtlingen die Runde, die es mit ihren Schlauchbooten übers Mittelmeer nach Griechenland und weiter nach Serbien oder Ungarn geschafft hatten. Sie erreichte binnen Stunden auch die Länder, aus denen die Menschen zu ihrer gefährlichen Reise aufgebrochen waren: die Türkei, den Libanon und auch Jordanien. Über soziale Netzwerke, SMS und Mundpropaganda verbreitet sich die Botschaft. Bilder von «Mama Merkel» tauchten auf. Die Menschen sahen im Fernsehen, wie ihre Landsleute am Münchner Hauptbahnhof und anderen Orten ankamen und «Germany, Germany» skandierten. Es ist den Menschen zwar nicht verborgen geblieben, dass Ungarn einen Grenzzaun baut. Smartphones sind neben Geld und Papieren das wichtigste Utensil auf der Flucht.

15 Tage in der Hölle

«Für viele Menschen sind 15 Tage in der Hölle das Risiko wert, wenn sie die Chance sehen, nach Deutschland zu kommen», sagt Melissa Fleming, Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Den Syrienflüchtlingen in der Region gehe es schlechter als je zuvor, weil die Hilfe immer weiter gekürzt werden musste. «Von den 4,5 Milliarden Dollar, die wir zu Beginn des Jahres als Bedarf berechnet und angefragt haben, sind bislang nur 37 Prozent eingegangen.»

Das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) musste in Jordanien die Hilfe für 230'000 Syrer, die nicht in Flüchtlingslagern leben, komplett einstellen. Zugleich schwinde für viele ­Syrer die Hoffnung, einmal in ihre ­Heimat zurückkehren zu können. Bei aller Grausamkeit des Islamischen Staates (IS) sind die meisten von ihnen vor dem Regime von Bashar al-Assad geflohen, das etwa 220'000 der 250'000 Toten in diesem Krieg zu verantworten hat.

Sie wissen, was es heisst, wenn jetzt Russland den Diktator mit Truppen unter­stützen will. «Viele Menschen kommen derzeit direkt aus Syrien», sagt ­Fleming. Der Libanon registriert kaum noch neue Flüchtlinge, die Menschen werden oft nur ins Land gelassen, wenn sie ein Flug- oder Fährticket für die Weiterreise vorweisen können. Überdies fliehen zunehmend Menschen aus den Kurdengebieten und der Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei. Sie fühlen sich doppelt bedroht – durch den Islamischen Staat und den Krieg, den die Türkei gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK führt. Gegenden, die noch vor kurzem als sicher galten, sind heute gefährlich.

Erstellt: 15.09.2015, 06:49 Uhr

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