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Als die Briten 1975 über Europa abstimmten

Chaostage in London: Was unterscheidet Grossbritannien heute von einer Anti-Europa-Kampagne vor über 40 Jahren? Soziologin Lisa Suckert im Interview.

«Raus & rein in die Welt»: Die damalige britische Kampagne für einen Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.
«Raus & rein in die Welt»: Die damalige britische Kampagne für einen Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.
Getty

Die Abstimmung zum Brexit-Abkommen im britischen Unterhaus steht noch aus, nachdem Premierministerin Theresa May den Termin für Dienstag verschoben hat. Der Ausgang ist höchst ungewiss. Die Soziologin Lisa Suckert analysiert am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, wie sich Gesellschaften ihre Zukunft vorstellen. Aktuell untersucht sie die Kampagnen für und gegen den Brexit – und entdeckt einige Gemeinsamkeiten.

Frau Suckert, 1975 gab es schon einmal ein Referendum über einen Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Damals stimmten zwei Drittel der Briten für einen Verbleib. Sie vergleichen die Kampagnen, die die Abstimmungen 1975 und 2016 begleiteten. Worin lag der grösste Unterschied?

Lisa Suckert: Am interessantesten sind die völlig verschiedenen Zukunftsvorstellungen, die beiden Kampagnen zugrunde liegen. Sowohl der Pro- als auch der Kontra-Seite.

Wie unterscheiden sie sich?

1975 wurde auf beiden Seiten viel stärker eine positive Zukunft versprochen. Eine, die man aktiv gestalten kann. Wie können wir in einer EU gemeinsam für eine bessere Zukunft sorgen? Oder wie ausserhalb der europäischen Gemeinschaft, in einem ausgebauten Commonwealth? Bei der Kampagne von 2016 hingegen ging es – sowohl bei der «Leave» als auch bei der «Remain»-Kampagne – darum, etwas abzuwenden, das nur Risiken und Gefahren mit sich bringt. Es gab Bilder wie das der «Remain»-Seite einer Handgranate und darunter den Spruch: «Don’t pull out!» Es könnten fürchterlich schlimme Sachen passieren, wenn man jetzt falsch wählte.

Welche Zukunftsängste waren das?

Auf beiden Seiten waren das sehr diffuse Ängste. «Remain» warnte davor, der Arbeitsmarkt und die gesamte Wirtschaft würden kollabieren. Brexit-Gegner befürchteten, die konservative Regierung könnte Grossbritannien noch neoliberaler ausrichten und die Arbeitnehmerrechte einschränken, wenn es zum Austritt kommt. Die Befürworter warnten davor, dass das Land von der EU-Bürokratie erwürgt werde, mit bizarren Folgen wie dem Verschwinden des Nationalgerichts Fish and Chips. Oder dass Grossbritannien, wie Griechenland, Austeritätspolitik aufgezwungen würde. Grosse Angst wurde geschürt vor Überfremdung und Terror, vor Millionen Migranten, die unkontrolliert ins Land kommen würden.

Welche Folgen hat es, wenn die Zukunft als unsicher wahrgenommen wird?

Das Vertrauen in ganz viele Institutionen, die wir eigentlich nie hinterfragt haben, schwindet. Wie in die EU beim Brexit. Die Demokratie allgemein wird angezweifelt, im Glauben, Politiker könnten sowieso nichts verändern. Seit neustem geht sogar das Vertrauen in die Wissenschaft zurück. Vor zehn Jahren hätte das niemand vorhergesagt.

Woher kommt dieser pessimistische Blick auf die Zukunft?

Der gesellschaftliche Trend der Individualisierung schlägt sich auch in den Zukunftsvorstellungen nieder. Relevanter wird etwa, wie ich die nächsten zwei Jahre meine Einkünfte plane, welche Fortbildung ich mache, oder ob ich abnehmen will – wie ich mich also als Individuum selbst optimieren kann. Zukunft wird aber vor allem dann gestaltbar, wenn wir sie kollektiv bearbeiten. Viele kollektive Institutionen, die früher das öffentliche Leben prägten, haben hingegen an Schlagkraft verloren: Volksparteien zerfallen, Gewerkschaften und Kirchen haben rückläufige Mitgliederzahlen.

Warum gibt es diesen Trend zur Individualisierung?

Ein wichtiger Grund ist die zunehmende Wettbewerbsgesellschaft. Da immer mehr als Wettbewerb organisiert ist, wie die Partnerwahl über Dating-Apps, Castings für die WG oder den Kita-Platz, leben wir immer mehr in einer Welt, in der der andere nicht unser Verbündeter ist, sondern unser potenzieller Konkurrent. Jeder für sich allein, jeder gegen jeden.

Welche Bedeutung haben Zukunftsvorstellungen für eine Gesellschaft?

Sie sind ein zentraler Begriff, wenn man die Gesellschaft verstehen will, was Menschen antreibt und wie sie ihr Handeln koordinieren. Wenn zum Beispiel diskutiert wird, in was die Bundesregierung heute investieren soll, ist es zentral, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Werden wir noch mehr Rentner haben? Dann müssen wir heute ein tragfähiges Rentensystem aufbauen. Wird die Digitalisierung massive Umbrüche in der Industrie nach sich ziehen? Dann müssen wir heute in bestimmte Technologien investieren. Wie wir über die Zukunft denken, führt schon heute zu Veränderungen. Und anstelle von blumigen Utopien wird heute mit Szenarios und Modellen versucht, die eigenen Zukunftsvorstellungen als möglichst plausibel und alternativlos darzustellen.

Eine Datenrecherche des «Guardian» zeigt, dass inzwischen jeder vierte Europäer populistische Parteien wählt. Hängt deren Aufstieg mit diesem kollektiven Vertrauensverlust zusammen?

Populistische Bewegungen können florieren, eben weil eine stärkere Verunsicherung herrscht. Zumindest die rechtsgerichteten populistischen skizzieren ein Bild, in dem die Vergangenheit als erstrebenswerte Zukunft erscheint. Der zentrale Pro-Brexit-Slogan lautete «Let’s take back control – Holen wir uns die Kontrolle zurück». Das heisst, dass man irgendwohin zurückwill: zum Commonwealth, zur nationalen Souveränität. Die Vergangenheit soll die neue Zukunft werden. Wenn die Zukunft als etwas Bedrohliches erscheint, ist die Flucht in die Vergangenheit die Folge.

Was können etablierte Parteien dem entgegensetzen?

In der Öffentlichkeit muss positiver und offener über die Zukunft gesprochen werden, über Potenziale, Chancen und Optionen. Die Zukunft darf nicht alternativlos scheinen. Doch die Leute sind nicht nur verunsichert, weil falsch über die Zukunft gesprochen wird. Sie sind verunsichert, weil sie beispielsweise in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Weil sie nicht wissen, wie sie eine bezahlbare Wohnung finden sollen. Vieles von dem, was die neoliberale Globalisierung angerichtet hat, führt zu dieser Unsicherheit. Politisch müsste mehr dafür getan werden, dass die Menschen ihre Zukunft wirklich selbst gestalten können.

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