«Als wenn Juden für eine Nazi-Gedenkstätte zahlen müssten»

Die spanische Regierung will den Leichnam des Diktators Franco umbetten – nun ist ein Streit entbrannt. Auch Opfer der Fa­lan­gisten finanzieren den Unterhalt des Grabs mit.

Ein Symbol des Grössenwahns: Das Grab Francos befindet sich in einer Felsenkirche in Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen). Foto: Paul White (AP, Keystone)

Ein Symbol des Grössenwahns: Das Grab Francos befindet sich in einer Felsenkirche in Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen). Foto: Paul White (AP, Keystone)

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Er ist 92, doch er hat den Händedruck eines Vierzigjährigen. Nicolás Sánchez Albornoz steht vor seinem Häuschen in der kargen kastilischen Hochebene bei Ávila, er lebt ganz allein hier den Sommer über, nur Botas und Gordo leisten ihm Gesellschaft, zwei riesige Mastín-Hunde, die jeden Gast knurrend begrüssen. Auf dem Sandweg hierher musste man ein paar Jungstiere weghupen. Es ist eine Reise ins tiefste Spanien, la España profunda, wie man sagt, und in die Tiefe der Vergangenheit – in jeder Hinsicht. «Versuchen Sie es gar nicht erst mit Navi, damit werden sie diesen Ort nicht finden», hatte Sánchez Albornoz geschrieben.

In letzter Zeit muss der alte Mann ziemlich oft auf dem Handy herumtippen. Nicolás Sánchez Albornoz ist als Zeitzeuge gefragt, seit Spanien leidenschaftlich über ein Bauwerk diskutiert, an dem er als junger Mann mitgearbeitet hat, mitarbeiten musste. Es geht um das «Tal der Gefallenen», einen Riesenkomplex mit Basilika, Benediktinerabtei und Aufmarschplatz, das der Diktator Francisco Franco errichten liess nach seinem Sieg im Bürgerkrieg, der 1936 bis 1939 eine Blutspur durch das Land zog, Hass säte und Wunden schlug, die nicht verheilt sind.

Das Tal der Gefallenen ist ein Symbol des Grössenwahns und der mangelnden Aufarbeitung. Es wird überragt von einem Kreuz. Darunter, in einer künstlichen Höhle, in der längsten Basilika der Welt, liegt Franco seit 1975 begraben. Erst mit seinem Tod endete die Diktatur. Die Sozialisten, die seit Juni in Madrid regieren, wollen den Diktator umbetten, noch dieses Jahr. Sie halten es für eine Schande: Europas letztes faschistisches Denkmal. Selbst die Vereinten Nationen haben eine Lösung angemahnt, die heutigem Geschichtsempfinden gerecht werde. Den gewichtigsten Grund aber, dass Franco aus dem Tal weg muss, hat Nicolás Sánchez Albornoz.

Einer von 20000 Zwangsarbeitern

1948 wurde er als Student von einem Militärgericht zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt, weil er in Schriftzügen an der Universität Freiheit der Kultur gefordert hatte. «Damals herrschte noch Kriegsrecht in Spanien, jede Form von Widerstand wurde unterdrückt», sagt er. Er wurde einer der 20'000 Zwangsarbeiter, die das Tal der Gefallenen erschaffen mussten. Es waren Republikaner, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Menschen, die das Regime für Gegner hielt. Wie viele hier umkamen, weiss man nicht genau, denn oft machten sich erst Spätfolgen bemerkbar, Atemleiden durch den Gesteinsstaub etwa. Sánchez Albornoz hatte Glück. Als Student wurde er in die Schreibstube geschickt, nach wenigen Monaten gelang ihm die Flucht. Er und ein Mitgefangener tricksten zuerst die Patrouillen aus und marschierten ins Dorf El Escorial, wo zwei idealistische junge Amerikanerinnen mit einem Auto auf sie warteten. Tagelang fuhren sie bis Barcelona – vorbei an Strassensperren mit einem Passierschein. Zu Fuss gelangten die beiden Studenten über die Pyrenäen nach Frankreich.

Nicolás Sánchez Albornoz. Foto: PD

Sánchez Albornoz ging nach Argentinien, bis der nächste Putsch ihn vertrieb, 1976 zog er in die USA, lehrte Geschichte an der Universität und kehrte danach nach Spanien zurück. «Franco war tot, aber überall hingen noch die falangistischen Symbole.» Doch das Land wollte sich verändern, einer wie Albornoz kam da recht, er wurde unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Felipe González Direktor des Instituto Cervantes. Bis José María Aznar von der konservativen Volkspartei, der Nachfolgepartei Francos, 1996 die Wahl gewann. Da musste Albornoz seinen Posten räumen. Zu dieser Zeit wurde deutlich, wie unversöhnlich sich die «zwei Spanien», das rückwärtsgewandte, nationalkatholische und das linksprogressive, noch gegenüberstanden.

Das hat damit zu tun, dass der Übergang zur Demokratie ohne jede staatliche Vergangenheitsbewältigung verlief, er beruhte auf einem «Pakt des Vergessens». 1977 gab es ein Amnestiegesetz, das den inneren Frieden garantieren sollte. Aber es befriedete die Gesellschaft nicht. Denn es bedeutete Straffreiheit für Schreibtischtäter und Folterknechte, gleichzeitig ignorierte es die Opfer. Erst 2000 begann eine Aufarbeitung, der Journalist Emilio Silva, ein Freund von Sánchez Albornoz, suchte seinen im Bürgerkrieg ermordeten Grossvater, daraus wurde eine Bewegung, Massengräber wurden ausgehoben, eine Debatte über die memoria histórica begann. Silva sagt, es sei ein Skandal, dass auch Familien der Opfer für den Unterhalt der Franco-Gedenkstätte mit ihren Steuergeldern zahlen müssten. «Das ist, als wenn die Juden für eine Gedenkstätte der Nazis aufkommen würden.» 2007 verabschiedete das Parlament ein «Gesetz des historischen Andenkens», das zwar das Franco-Regime verurteilte, aber keineswegs dessen Rechtsakte aufhob. Immerhin waren jetzt Kundgebungen im «Tal der Gefallenen» verboten.

Aber das Kreuz blieb. Die Spanier hatten es schon etwas vergessen, obwohl man das Riesending von der Autobahn A6 hinter Madrid klar erkennen kann. An Todestagen Francos kommen hier die letzten versprengten Anhänger des alten Regimes vorbei, in der Politik spielen sie keine nennenswerte Rolle, eine Besonderheit im Europa der erstarkenden Rechtspopulisten. Kein Mensch, der bei Trost ist, will zurück in die Zeit, als Spanien ein Gefängnis war.

«Ein Werk von Dämonen»

Alle Lösungsansätze für das Tal der Gefallenen scheiterten nicht zuletzt, weil der Staat dort nicht das Sagen hat, Hausherren sind die Benediktiner. Der Prior des Klosters hat sich gegen die Umbettung Francos gesperrt, für ihn wäre das «ein Werk von Dämonen». Doch am Ende wird er nichts machen können, die Kirche ist nach jahrhundertelanger Vorherrschaft in der Defensive, sagt Sánchez Albornoz. «Das Land hat sich ungeheuer weiterentwickelt.»

Das Grab des «Generalissimus» befindet sich hinter dem Hauptaltar der Basilika: eine graue Platte aus poliertem Granit, darauf ein Kreuz und sein Name. In den vergangenen Wochen wurden Hunderte Blumengebinde hier abgelegt. Seit es die Debatte um die Umbettung gibt, stauen sich am Wochenende die Autos an der Zufahrt. Jeden Tag um elf ist Messe. Vor allem konservative Katholiken beten hier, die glauben, Franco habe Spanien vor den Kommunisten gerettet. Eine Frau sagt: «Er hat sich schwer gegen das Gebot versündigt, dass man seine Feinde lieben soll. Aber als Sünder hat er unser Gebet besonders nötig.» Faschos sind heute keine zu sehen, nur die ewig gleichen, knipsenden chinesischen, portugiesischen, britischen Gruppen. Und nicht jeder Tourist erkennt einen Fascho-Leuchter gleich als solchen.

Francisco Franco. Foto: Alamy

Das Tal ist in der Tat eines der schönsten der Sierra, ungewöhnlich waldreich für Spanien, ein Schild warnt Autofahrer vor kreuzenden Wildschweinen, Greifvögel ziehen ihre Kreise. Wer in der Hospederia, der Pilgerherberge, übernachtet, bekommt eine Art Passierschein für die Guardia Civil am Eingang zum Tal. Man könnte sich an die Zeit erinnert fühlen, als man in Spanien überall Passierscheine vorzeigen musste, wie Sánchez Albornoz auf seiner Flucht. Die Herberge ist in ähnlich schlechtem Zustand wie die ganze Anlage. Das Wasser kommt braun aus der Leitung, von den Gewölben bröckelt der Putz.

An einem Werktag logiert hier ein schwules Priesterpaar, streng dreinblickende Eheleute, die das Schweigen des Ortes vertiefen; und Menschen, die bei Booking nicht genau hingeschaut haben. Nachts ist es ein durchaus meditativer Ort, wenn man sich auf der Terrasse so setzt, dass die Pappeln das impertinente Kreuz verdecken. Im Benediktinerkloster verlöscht das letzte Licht. Man kann den Duft der Erde und die kühle Bergbrise sogar einen Moment lang geniessen, bevor man sich in quietschende Betten legt.

Das Frühstück ist so karg wie Kastilien; ein Stück Brot mit Olivenöl, dazu ein Eimer voll Milchkaffee und trockene Kekse der Marke Maria. Ein Gemälde an der Wand zeigt einen graubärtigen Heiligen mit zwei Knaben, die ihn anhimmeln. Zum Wochenende sei die Herberge ausgebucht, sagt die Rezeptionistin. Im Morgengrauen macht eine Gruppe Graubärtiger vor dem Riesenkreuz Yoga, als läge drinnen der Dalai Lama und nicht Franco. Die Rezeptionistin sagt: «Nächste Woche ist hier ein Oldtimertreff der Freunde des Seat 600!»

Man muss, um diese Unbedarftheit zu verstehen, ein bisschen zurückblicken. Der Seat 600 war das Auto, mit dem der Diktator einst Spanien motorisierte –viele Ältere identifizieren Franco damit und nicht mit den Gräueln. Die Wohnungspolitik der Diktatur machte die Spanier zu Eigentümern, was ein politisches Ziel war, denn Eigentümer entwickeln weniger Widerstandsgeist. Heute, in der Dauerkrise, haben ganze Familien nur deshalb ein Dach über dem Kopf, weil Opa einst bei Franco billig eine Wohnung bekam. In der marktliberalen Demokratie ist Wohnungskauf für viele unerschwinglich. Da denkt sich mancher: Lasst den Alten doch ruhen.

Die Frage, wo der Leichnam hin sollte, ist sowieso ungeklärt. Die Familie Francos sperrt sich. Luis Alfonso de Borbón ist Sohn von Carmen Martínez, Erstgeborene der sieben Enkel des Diktators, und eines Bourbonenprinzen – und damit auf vielfache Weise Erbe des Imperiums. Der Sportler und Banker ist Vorsitzender der Francisco-Franco-Stiftung. Er sagte kürzlich im Tal der Gefallenen: «Wir sind zum Beten hergekommen und um dieses Monument zu verteidigen, das ein christliches Monument ist.» Wenn, dann würde die Familie nur die eigene Gruft in der Kathedrale von Madrid als alternative Ruhestätte akzeptieren – nicht gerade im Sinne der Sozialisten.

Was also tun mit einem zweifelhaften Monument, wenn noch nicht mal ein nationaler Konsens über die Geschichte existiert? Eine Art Arlington daraus machen, einen Friedhof für beide Parteien? Das hat der liberale Politiker Albert Rivera vorgeschlagen. Der ehemalige Häftling Sánchez Albornoz hält das für Unsinn. Eine Gedenkstätte fände er angemessen. «Aber nicht an dem Ort, den Franco ausgesucht hat.» Warten, bis die Natur sich das Tal zurückholt? «Geht mir nicht schnell genug, ich bin 92.»

Erstellt: 20.10.2018, 13:44 Uhr

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