Alternativer Nobelpreis für Atomwaffengegner

Die Marshallinseln verklagen die Atommächte. Dafür werden sie nun ausgezeichnet.

Kampf gegen Atomwaffen: Tony de Brum, Aussenminister der Marshallinseln. Foto: Darren Ornitz (Reuters)

Kampf gegen Atomwaffen: Tony de Brum, Aussenminister der Marshallinseln. Foto: Darren Ornitz (Reuters)

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Als die Amerikaner die Castle-Bravo-Bombe auf dem Bikini-Atoll zündeten, war Tony de Brum neun Jahre alt. Er erinnert sich an diesen Atomwaffentest als «lautlosen, hellen Blitz», der alles rot färbte, den Himmel, das Meer und das Fischernetz seines Grossvaters, mit dem er damals draussen auf dem Wasser war.

Die Castle Bravo ist die stärkste Atombombe, die die USA je gezündet haben. Es war eine von insgesamt 67, die die USA in zwölf Testjahren auf den Atollen Eniwetok und Bikini, die zu den Marshallinseln gehören, detonieren liessen – den ersten Jahren von Tony de Brums Leben.

Heute ist er Aussenminister der Marshallinseln und verklagt stellvertretend für sein Land die neun Atommächte der Welt vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Sein Vorwurf: Untätigkeit. De Brum möchte erreichen, dass sich die Staaten auf eine Abrüstung ihrer Atomwaffen einigen. Für sein Engagement erhält er nun den Ehrenpreis des schwedischen Right Livelihood Award, den man auch als Alternativen Nobelpreis kennt.

Verstrahlte Überreste und unbewohnbare Gebiete

Lange hat sich Tony de Brum als Minister und Senator der Marshallinseln für die Entschädigung der Betroffenen eingesetzt, für Schadensbeseitigung und dafür, dass die USA Informationen über die Tests herausgeben. Unter deren Folgen leidet seine Inselrepublik mit ihren etwa 70'000 Einwohnern bis heute. Sie muss sich mit verstrahlten Überresten der Atombombentests herumschlagen, einige Gebiete sind immer noch unbewohnbar, Menschen wurden krank, die Langzeitfolgen sind unabsehbar.

Vom Menschen geschaffene Apokalypse: Ein Atombombentest auf dem Bikini-Atoll. Video: Youtube/erstaunliches

In Den Haag geht es den Marshallinseln nicht nur um ihr eigenes Schicksal, sondern um etwas Grundsätzlicheres. Sie klagen, dass die USA, Russland, Grossbritannien, Frankreich und China den Atomwaffensperrvertrag von 1968 nicht erfüllen. Darin haben sie sich verpflichtet, sich um einen Vertrag zur vollständigen Abrüstung zu bemühen.

Was die Atommächte angeht, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben, also Indien, Israel, Pakistan und Nordkorea, so hofft de Brum, sich auf ein Völkergewohnheitsrecht berufen zu können. «Unser Opfer wird umsonst gewesen sein, wenn die Nuklearmächte nicht das Übel erkennen, das die Atomwaffen für unsere Erde darstellen», sagte er in einem Interview, nachdem er die Klage im Frühjahr vergangenen Jahres eingereicht hatte.

Nuklearer Krieg versus klimatischen Frieden

Es gibt eine weitere Bedrohung für seine Heimat, gegen die de Brum ankämpft – den Klimawandel. Die Marshallinseln liegen nur etwa zwei Meter über dem Meeresspiegel und sind von Überschwemmungen bedroht. Schon einmal musste das Inselvolk Teile seiner Heimat aufgeben, nun könnte das Meer sie abermals und endgültig vertreiben. Für de Brum gehören diese beiden Gefahren, Atomwaffen und Erderwärmung, zusammen. Was nützte der Welt alle Anstrengung gegen den Klimawandel, wenn sie durch Atomwaffen zerstört würde, sagte er. «Die rechte Hand kann nicht nach klimatischem Frieden streben, während die linke nuklearen Krieg führt.»

Die Nominierung von Tony de Brum sei aus Kalifornien gekommen, sagt Ole von Uexküll, der die Right Livelihood Award Foundation leitet. Anders als beim Nobelpreis kann jeder Vorschläge für den Right Livelihood Award machen, 128 Vorschläge wurden in diesem Jahr eingereicht. Tony de Brum und das Volk der Marshallinseln erhalten den nicht dotierten Ehrenpreis für ihren Mut, «mit rechtlichen Mitteln gegen die Atommächte vorzugehen, weil diese ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachkommen», heisst es in der Begründung.

Drei weitere Preisträger teilen sich den mit drei Millionen schwedischen Kronen dotierten Right Livelihood Award: Sheila Watt-Cloutier aus Kanada, die sich als Vertreterin der Inuit für deren Rechte und gegen den Klimawandel einsetzt; die Menschenrechtsaktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera, die für die Rechte homo-, bi-, trans- und intersexueller Menschen in Uganda kämpft, und der italienische Chirurg Gino Strada, der die Organisation Emergency gegründet hat, um Menschen in Krisengebieten zu helfen.

Alle Preisträger nutzten «vorhandene Rechtswege, um ihre Vision von einer besseren Welt Schritt für Schritt durchzusetzen», sagt Ole von Uexküll. «Wir hoffen natürlich, dass der Preis dazu beiträgt, dass sich der politische Willen mehr auf die Seite unserer Preisträger schlägt.» Die Verleihung findet Ende November statt.

Erstellt: 01.10.2015, 15:08 Uhr

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