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Angela Merkel läuft im Krisenmodus zu Hochform auf

Die Kanzlerin will die Deutschen alarmieren, ohne Panik auszulösen. Aber dauert das alles nicht viel zu lange?

Trotz Krise: Angela Merkel bleibt ruhig und sachlich. Foto: Reuters
Trotz Krise: Angela Merkel bleibt ruhig und sachlich. Foto: Reuters

Die 15-jährige Kanzlerschaft von Angela Merkel führte mehrfach durch grosse Krisen: Erst erschütterte 2008 die Finanzkrise die Welt, dann die Schuldenkrise Europa und den Euro. Danach zerrüttete Russland die Ukraine, ein Jahr später suchte eine Million Kriegsflüchtlinge aus Nahost in Deutschland Schutz.

Dass Merkel im Land und in der Welt immer noch von vielen bewundert wird, liegt vor allem an der Erfahrung, dass sie Deutschland besser durch Krisen gesteuert hat als viele andere. Ruhige Zeiten, in denen Visionen gefragt sind, liegen der Radikalpragmatikerin weniger. Doch in Krisen ist sie jeweils hellwach, strahlt Sicherheit und Kompetenz aus, flösst Vertrauen ein. Notfallpolitik mit ruhiger Hand ist sozusagen ihr Spezialgebiet.

Bis vor einer Woche hatte Merkel die Kommunikation in der Corona-Krise vollständig ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn überlassen – zur Empörung mancher Kommentatoren, die forderten, das Thema müsse endlich «Chefsache» werden. Einerseits vertraute Merkel Spahn, andererseits wollte sie das Thema nicht an sich ziehen, bevor sie halbwegs abschätzen konnte, wie ernst die Lage werden würde.

Die «Chefärztin»

Im Hintergrund ihres Kanzleramts, so erzählen Eingeweihte, ist Merkel schon seit Beginn der Epidemie die «Chefärztin». Die studierte Physikerin habe immer wieder Wissenschaftler beige­zogen, auch aus ihrem Bekanntenkreis.

Als Merkel vor einer Woche erstmals selbst über die Corona-Lage orientierte, signalisierte sie Deutschland damit, dass es nun ernst wird. Seither hat sie drei weitere Male gesprochen, mit steigender Dringlichkeit. Am Montagabend, eine Stunde nach dem Bundesrat in Bern, verkündete sie, dass auch in Deutschland das Leben ab sofort weit­gehend stillstehen müsse.

Merkel hat Schritt für Schritt auf den Stillstand vorbereitet, um zu vermeiden, dass plötzliche Schockmassnahmen Panik auslösen.

Es seien die einschneidendsten Massnahmen, welche die Bundesrepublik je ergriffen habe, sagte Merkel. Bereits zuvor hatten der Finanz- und der ­Wirtschaftsminister das grösste Hilfspaket für Unternehmen und Beschäftigte vorgestellt, das es je gegeben hat. Von «unbegrenzten Krediten» war die Rede.

Merkel sprach am Montag gewohnt sachlich, ruhig und klar. Energisch, aber ohne überzogene Dramatik. Neun Minuten dauerte ihre Ansprache, acht Minuten beantwortete sie Fragen, danach bedankte sie sich und ging. Zwei Stunden später trat der französische Präsident Emmanuel ­Macron auf und verkündete eine Ausgangssperre. In 21 Minuten wiederholte er siebenmal, dass sich Frankreich «im Krieg» gegen das Virus befinde – ein Wort, das Merkel in diesem Zusammenhang wohl nicht über die Lippen kommen würde.

Auch in Deutschland gibt es Stimmen, die finden, die Kanzlerin warne nicht martialisch genug. Überhaupt brauche das Land viel zu lange, um radikal gegen die Epidemie vorzugehen. Eine Ausgangssperre wie in ­Italien hätte man, so kritisieren auch manche Wissenschaftler, schon vor einer Woche anordnen müssen.

Wer bremst?

Manche geben dem Föderalismus die Schuld, der die Reaktion verlangsamt habe, andere der Kanzlerin. Tatsache ist, dass es in den letzten vier Tagen eher einzelne Bundesländer waren, Bayern mit CSU-Chef Markus Söder vorneweg, die das Land mit schärferen Massnahmen hinter sich herzogen, als umgekehrt.

Merkel und ihre Minister haben Deutschland letzte Woche Schritt für Schritt auf den baldigen Stillstand des öffentlichen Lebens vorbereitet, um zu vermeiden, dass plötzliche Schockmassnahmen Panik auslösen. Das Gefahrenbewusstsein war auch in Deutschland bis vor kurzem noch sehr ungleich aus­geprägt. Einer Ausgangssperre wären die meisten vor einer ­Woche noch ungläubig gegenübergestanden. Deswegen ein Lockdown in Etappen. Den Epidemiologen mag das zögerlich vorkommen, aus Sicht der politischen Pädagogik war es wohl unumgänglich.

Auch Merkel, so scheint es, spart sich die dramatischsten Appelle noch auf. «Die Einlagen sind sicher»: Mit diesem Satz hatte sie in der Finanzkrise die Sparer beruhigt. In der Schuldenkrise warnte sie: «Scheitert der Euro, scheitert Europa.» In der Flüchtlingskrise sagte sie: «Wir schaffen das.» Ein ähnlicher Satz zum Kampf gegen das Virus steht noch aus.

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